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Foto nordische Landschaft

24. Juli 2016

Hoch lebe die Euphorie! Ludvig Moon

Ein lebenspraktischer Rat zu Beginn: Nicht bei aufziehendem Gewitter mit voller Einkaufstasche am Fahrradlenker versuchen, im Turbotempo noch nach Hause zu kommen: Dann passiert es nämlich, dass man über eine Kante holpert, die Balance verliert, mit dem Kopf voraus über den Lenker fliegt und sich die Schulter bricht. Aus diesem Grund herrschte die vergangenen Tage Schweigen im Polarblog und wird dieser Post wohl nicht episch. Wenn die nette Physiotherapeutin mitkriegt, dass ich schon wieder am Computer sitze, dann schimpft sie bestimmt mit mir! :)

Aufmuntern kann man sich mit den hoch euphorisierenden Klängen der norwegischen Band Ludvig Moon. Die Sechs um Sänger Anders Magnor Killerud lassen mit ihrem hymnischen (böse Zungen würden sagen: Grey´s-Anatomy-affinen) Indiepop aufhorchen. Die Musiker aus Oslo sind beim Trondheimer Qualitätslabel Riot Factory unter Vertrag, haben bislang eine selbst betitelte EP vorgelegt (reinhören lohnt!) und bringen demnächst ihr Debütalbum heraus. Dass die EP in ihren besten Passagen an die grandiosen Anathallo erinnern, kann nur als Empfehlung dienen! Inspirieren lässt sich das Sextett im Übrigen von so unterschiedlichen Bands wie den Smashing Pumpkins, den Landleuten von Motorpsycho und den Flaming Lips. Hochrangige Vorbilder, das! Klein-Klein ist jedenfalls nichts für die Norweger, wenn sie das Träumen und die großen Gefühle hochhalten und sich an der epischen, aber dennoch leichten Geste üben! Das ist Gefühlswirrwar im besten Sinne, wenn Ludvig Moon auf gefühlige Indie-Gitarren und glitzernde Synthies setzen und dennoch poppig verspielt klingen! Als erster Vorgeschmack liegt die Single »Cult Baby« vor, wo im dazugehörigen Video mächtig geknutscht werden darf. Zu dick aufgetragen? Von wegen, wenn die Emotionen im besten Sinne ims Schwimmen geraten und man prompt nur noch die Sterne am Himmel zählen will!

05. Juli 2016

Die Frau für Sonntagmorgen um fünf: Elin Ivarsson

Schon merkwürdig, über welche Umwege man manchmal über neue Musikerinnen stolpert: Im Fall der schwedischen Chanteuse Elin Ivarsson war es der Newsletter des Frankfurter Yellowstage Sound System, die immer mal interessante Veranstaltungen im Programm haben, auch wenn sie leider, leider, den schönen alten Standort in Rödelheim verlassen mussten. Für mich war das ein historischer Ort, weil ich dort zum ersten Mal die von mir sehr geschätzten isländischen Postrocker For A Minor Reflection hörte, die mir nach dem Konzert schwer ans Herz legten, doch unbedingt mal nach Reykjavík zum Iceland Airwaves Festival zu kommen: Einer der besten Empfehlungen meines Lebens, diesen Herbst fahre ich das achte Mal hin! Ich schweife ab und komme zurück zu Miss Elin: Sie spielt Ende des Monats in Frankfurt in einer mir völlig neuen Location namens Lotte Lindenberg. Ein Tonstudio in Sachsenhausen, ab und zu umfunktioniert zu einer Live-Location. Da sollte man doch mal hin! Und da sage mal einer, Frankfurt sei langweilig!

Natürlich in die Musik der jungen Schwedin mit derzeitigem Wohnsitz in Brighton hereingehört und sehr angetan! Denn Elin Ivarsson ist eine klassisch ausgebildete Gitarristin, die erst spät zur Singer-Songwriterei gefunden hat. Und sie unterscheidet sich von der Masse der langweiligen Klampfenliesen dadurch, dass sie eine begabte Geschichtenerzählerin ist. Und mehr als nur einen Funken Temperament besitzt! Die schrullige kleine Ballade »Sunday 5 AM« a hebt nach gemächlichem Beginn langsam ab und fängt das hochlebendige Maunzen an. Und dann geht doch tatsächlich die Sonne auf! Stimmlich erinnert Elin Ivarsson mitunter ein wenig an die leider aus den Augen geratene Edie Brickell.

Immer nur die gleiche Mär von Herz- und Seelenschmerz, den diese Liedermache(Innen) inszenieren wie eine Kleinstadt-Beerdigung, puuh, wie ist das öde! Lieber auf Alltags-Abenteuerfahrt gehen wie im sehr feinen »No Name«, in dem das Cello die zweite Hauptperson ist. Oder folkig schwelgen in »Laurels«, die Fiedeln auf die Bühne rufen und in Lagerfeuer-Chorgesänge ausbrechen! Elin Ivarssons selbst betiteltes Debütalbum ist im April beim Brightoner Qualitätslabel Hidden Trail Records herausgekommen, wo auch Musiker wie die fabehafte Troubadeuse Roxanne de Bastion vertreten ist. In das Album kann man zur Gänze via Bandcamp hereinhören. Für lange, faule Sommerabende auf dem Balkon zu empfehlen! Und am 22. Juli werde ich mich wohl abends in das geheimnisvolle Lotte Lindenberg aufmachen, um Miss Elin live zu lauschen!

24. Juni 2016

Schwebende Nachdenklichkeit mit Melby

Geschichtenerzählen ist keine Altersfrage. Vielleicht empfindet man auch besonders tief, wenn entscheidende Dinge das erste Mal geschehen. Matilda Wiezell, die Sängerin der schwedischen folk- und psychedelikinfizierten Popsters Melby aus Stockholm, klingt trotz aller Leichtigkeit so, als habe sie in jungen Jahren schon jede Menge Enttäuschungen erlebt. Aber sie ist hörbar entschlossen, sich davon nicht beirren zu lassen, sondern weiter mit offenen Augen (und Ohren!) durchs Leben zu streifen. Und sorgsam mit den Tönen umzugehen. Und mit ihrem Herzen sowieso! Viel hat die junge Band noch nicht vorzuweisen, aber die beiden auf Soundcloud verfügbaren Songs lassen aufhorchen. Das ist anmutiger, melodischer, angenehm nachdenklicher Indiepop, der nicht zu viel will und gerade deshalb überzeugt. Auch weil sich Melby trauen, sowohl englisch als auch schwedisch zu singen. Sich zu früh festlegen, warum auch? Dass die Stimme von Matilda Wiezell einfach wundervoll ist, sei hier nur am Rande bemerkt. Ein Hauch von Melancholie schwingt mit. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann gefällt mir der sehr schwebende, zarte Track »Regnet« am besten, auch wenn ich nicht die geringste Ahnung habe, worüber Miss Matilda singt. Nur dass es feine, traumverlorene, angenehm nachdenkliche Gedanken sind. Und wer übrigens schon immer wissen wollte, woher das Polarblog seine Inspirationen bezieht: Ich bin ein sehr gropßer Fan von Beehy.pe. Musikalische Schätze, weltweit gehoben von kundigen Bloggern vor Ort. Daher kam schon so mancher Tipp!

13. Juni 2016

Sowjetschlager und 60ies-Pop: Kuparilinna

Ach, was waren das noch für Zeiten, als beim Eurovioson Song Contest alle Beiträge in der Landessprache gesungen werden mussten. Bunte Zeiten, unbedingt! Denn das Finnische eignet sich hervorragend als Sprache der Popmusik mit seinen vielen hüpfenden Vokalen. Allerliebst klingen die finnischen Retro-Sounds der putzmunteren Finnen von Kuparilinna. Die schelmischen Fünf aus Helsiniki schlagen auf ihrem sehr selbstironischen Debütalbum eine schaumige Mélange aus luftigem Blumenkinder-60ies Pop und gefühligem Sowjetschlager im 70er-Style an. Hier scheint die Sonne selbst bei den mitunter kühlen nordischen Sommertemperaturen. Scheinbar naiv und sympathisch großäugig präsentieren sich die Fünf um Sängerin Liila. Und bieten federleichte, sehr tanzbare Klänge, die eine perfekte Balance zwischen Retro-Kitsch und poppigem Übermut finden. Das ist ebenso eigenwillig wie charmarmt und auf eine unterkühlte Weise frech. Die Wurlitzer-Orgel spielt dazu gefühlig auf. Und weil wir hier in Finnland sind, schimmert eine ganz kleine Träne im Knopfloch. So stelle ich mir die Kleinen Strolche vor, wenn sie erwachsen sind! Dem Debütalbum kann man zur Gänze auf Bandcamp lauschen. Ein sicheres Gegenmittel gegen all die Sturzbäche an Juni-Regen, die so allmählich aufs Gemüt drücken. Die feine Single »Aurinko« (Sonne!) feiert mit flotten Trompetenklängen die kleinen Freuden des Lebens und kommt im allerliebsten Schlunzer-Stil daher. Hebt die Laune sehr subito!

28. Mai 2016

Wo die Lichter schwach flackern: Kelvin

Hoffnunglosigkeit, Aufbäumen und Weglaufen. Mit ungewissem Ausgang. Die Schönheit der Flucht feiern: Ganz schön schwere Kost, die uns Kelvin aus Kristiansand mit ihrem neuen Video für »Give It All« auftischen. Häusliche Gewalt ist nicht unbedingt das Thema der Wahl, wenn es um die Visualisierung musikalischer Inhalte geht. Dennoch wirkt es stimmig: Denn Kelvin kommen feinnervig und intensiv zugleich daher und machen deutlich, dass es bei diesem schwierigen Sujet immer zwei beschädigte Seelen gibt. Das Quintett um Sängerin Oda Ulvøy bewegt sich geschmeidig zwischen kühlen Electronica und warmen Gitarrensounds. Und darüber liegt diese helle, verletzliche und wandlungsfähige Stimme. Oha! Kelvin haben sich an der Universität in Kristiansand kennengelernt, wo die Fünf Musik studierten und nicht unbedingt zu den Überfliegern gehörten. (Ein schönes kleines Interview am Rande des Spot-Festivals gibt mehr Auskunft!). Das Außenseitertum ist ein Sujet, das Kelvin unbedingt umtreibt. Der Druck unter Teenies, bloß von der Gruppe akzeptiert zu werden: Den haben sie bereits im Video zu »Lights Are Low« verarbeitet. Das klingt melodramatisch, aber Kelvin tragen nie zu dick auf. Und trotz der schwerblütigen Themen sind diese Klänge durchaus eingängig, ohne sich irgendwo anzubiedern. Die Norweger werkeln gerade an ihrem Debütalbum, das wohl Anfang des kommenden Jahres herauskommen soll.

 
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