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Foto nordische Landschaft

21. Mai 2017

Wir stoßen in die Marktlücke: Remington Super 60

Von der Popmusik kann man heutzutage kaum mehr leben. Oder doch? Vielleicht braucht es einfach kreative Ideen und die Offenheit, Marktlücken zu suchen und zu finden. Und darüber nachsinnen, wofür die Menschen heute noch Geld ausgeben. Denken wir doch mal an die heutigen Helikopter-Eltern: Die öffenen Herzen und Börsen doch gerne, wenn der Nachwuchs gefördert wird! Und die musikalische Früherziehung ist doch ein unbedingt pädagogisch wertvolles Unterfangen! Schönen Indiepop für Kinder und andere Menschen spielen: Das machen Remington Super 60 aus dem norwegischen Fredrikstad! Sie haben jetzt die EP »INDIEPOP FOR KIDS VOL. 1« vorgelegt, deren elektronischen Bliepereien so sympathisch, verschwurbelt und eigenwillig daherkommen, dass auch Erwachsene ihre Freude daran haben. Zugegeben: Das ist Blümchenpop! Der aber mit naiver Großäugigkeit und ungebremstem Spieltrieb überzeugt. Die Band um Mastermind Christoffer Schou existiert seit fast 20 Jahren, hat zahlreiche Besetzungswechsel hinter sich, aber macht unverdrossen weiter Musik. Auf ihrem Kinderalbum geht es zwar vordergründig um all die Dinge, die kleinen Menschen gefallen: Pfeifende Roboter, allerliebste Plastikentchen, glänzende neue Fahrräder, den schönsten Geburtstag aller Zeiten und träumende Androiden (ist ja nie zu früh, den Nachwuchs in kleinen Schritten auf Blade Runner vorzubereiten!) Aber klammheimlich schmuggeln die Norweger hier eine feine 60ies-Ästhetik ein, die mit einer Mini-Prise Melancholie einhergeht. Kann man nie zu früh lernen, dass die schönste Freude die mit dem winzigsten Trauerflor am Ärmel ist! Stillvergnügt ist diese EP, wie fein! Reinhören macht Spaß! Bliep Bliep!

30. April 2017

Schwer verliebt mit 16: The Ludvig

In den knapp 14 Tagen vor dem Eurovision Song Contest muss auf dem Polarblog natürlich Musik mit viel Gefühl her! Und um Liebe muss es gehen, was wäre sonst der Sinn und Zweck eines Sangeswettstreits? Das war ja schon beim Sängerkrieg der Heidehasen so! Ich schummele jetzt geographisch ein ganz klein bisschen und bin auf der Suche nach einem eurovisionsaffinen skandinavischen Song auf der baltischen Seite der Ostsee fündig geworden, nämlich in Lettland. In Riga hat sich der gerade mal 16jährige Jekabs Ludvigs Kalmanis alias The Ludvig aufgemacht, um mit souliger Stimme und viel Herzschmerz um seine Angebete zu werben. Und da wir das Jahr 2017 schreiben und nicht jeder Musiker als stilechter Crooner mit Anzug und Krawattennadel herumlaufen will wie der Schwede AstroMike Gordon letzte Woche beim sehr gelungenen Konzert im Darmstädter HoffART Theater, genau deshalb spielt The Ludvig hier mit gefühligen Elektronica und himmelhohen Synthies. Der junge Man mit der Harry-Potter-Nickelbrille hat keine Scheu davor, dick aufzutragen. Aber er tut es mit Stil! Bislang hat der Rigaer Musikstudent nur das sehr feine Liebeslied »I´m In Love With You« vorgelegt. Dazu kann man wunderbar schmachten und sich gehaltvoll auf das Spektakel in Kiew einstimmen. The Ludvig wird Lettland übrigens nicht vertreten, sondern die stylishen Disco-Popster Triana Park.. Aber sehr gut möglich, dass wir von The Ludvig mit oder ohne Song Contest noch hören werden!

17. April 2017

Späte Wintersonne mit Elida Høgalmen

Erst ein leise perlendes Piano. Und dann setzt diese mädchenhafte Stimme ein. Die uns ein kühl glitzerndes Märchen erzählt. Keine Frage: Die norwegische Sängerin Elida Høgalmen könnte zum Hofstaat von Andersen Schneekönigin gehören! Das sind sanft verzaubernde Klänge, zu denen man in weiche Kissen zurücksinken mag. Um vielleicht den Regentropfen zuzusehen, die sanft die Fensterscheibe herunterrinnen. Oder der blassen Wintersonne, wie sie langsam hinter dem Horizont verschwindet. Die junge norwegische Sängerin Elida Høgalmen liefert jedenfalls den perfekten Soundtrack für diesen völlig verregneten Pfingstmontag, an dem so gar man nicht vor die Türe gehen mag. Die junge Frau aus Bergen, die im Moment wohl an ihrem Debütalbum werkelt, schafft mit dem wunderbaren Track »Winter Sun« dann doch, den perfekten Song zum Frühlingsanfang zu liefern und sich nach schüchternem Beginn kraftvoll wie ein Vogel in die Lüfte zu erheben. »Wake up to something new« lautet das Mantra, mit dem sie uns auf die wärmere Jahreszeit einstimmt. Frohe Ostern allerseits! Und über Darmstadt kommt gerade die Sonne heraus, hurra!

Foto:Karoline Hannisdal

03. April 2017

Die Gewinnerin trägt Zahnspange: Between Mountains

Die Gewinnerin trägt Zahnspange: Beim jährlichen isländischen Nachwuchswettbewerb Músíktilraunir haben unerwartet die beiden Mädels von Between Mountains gewonnnen. 14 und 16 Jahre sind die Nachwuchskräfte alt. Gemeinsam mit anderen aufstrebenden jungen Bands durften die Grazien im Konzerthaus Harpa in Reykjavík auftreten, das muss aufregend gewesen sein! Der Músíktilraunir wäre nur ein weiterer Nachwuchswettbewerb unter vielen, aber in den vergangenen Jahren haben einige der Gewinner auch international für Furore gesorgt: 2010 waren es Of Monsters And Men, 2011 hatten Samaris die Nase vorne und im Jahr 2013 schafften es Vök aufs oberste Treppchen. Nicht schlecht, liebe Juroren!

In Between Mountains überzeugen mit einem federleichten, leicht melancholischen, pianoumflorten Indiepop, der nicht dick auftragen muss und durch mädchenhaften Charme überzeugt. Und den allerliebst eben nicht perfekten Harmoniegesang, in dem aber mehr Herzblut steckt als in vielen professionellen Liebesleid-Hits. »Into The Dark« ist bei aller angedeuteten Düsternis aber durchaus tanzbar. Und der Refrain bleibt hängen! Das altmodische Wörtchen »anmutig« kommt hier durchaus in den Sinn. Diese jungen Musikerinnen wissen in jungen Jahren bereits, was sie wollen! Als Gewinnerinnen dürfen sie in diesem Jahr nicht nur im Sommer auf einem europäischen Nachwuchsfestival auftreten, sondern sich im November auf dem Iceland Airwaves Festival einer internationalen Öffentlichkeit präsentieren. Und wer dort ziemlich weit vorne stehen dürfte, ist jetzt schon klar: Hrafnkell und Valgeir, die beiden großen Brüder von Keyboarderin Katla, die den Wettbwewerb vor zwei Jahren mit ihrer Band Rythmatik gewonnen haben. Talentierte Familie, das!

13. März 2017

Wenn Engel singen: Helene Blum und Harald Haugaard verzaubern

Eine Stimme zum Niederknien, das wird schon nach wenigen Momenten klar: Nur mit Gesang und Violine beginnen Helene Blum und Harald Haugaard das Konzert in der Ravensburger Zehntscheuer, die Band steigt in der Mitte des ersten Songs ein. »En Lille Dråbe Blod«, ein kleiner Tropfen Blut, und schon bekommt man die erste Gänsehaut: Hier steht eine Sängerin auf der Bühne mit einer Stimme, wie es nur ganz wenige gibt. Die passenden Songs hat sie sich selbst geschrieben, das gleich folgende »Friheden Station« ist ein Liebeslied mit geradezu unfassbar schöner Melodie, ergreifend und völlig kitschfrei – das schaffen nur die wirklich Großen.

Helene Blum präsentiert Songs aus ihrer grandiosen aktuellen CD »DRÅBER AF TID«, von der sie aber gar keine mehr dabei hat, so viele hat sie auf dieser Tour schon verkauft. Ihre Sopranstimme fliegt wie ein Vogel über bewegende Songs, klar und rein wie ihr weißes Minikleid. Als »dänischer Folk-Engel« wurde sie schon bezeichnet, das ist auch keineswegs falsch. Zwar lassen ihre Songs das Folk-Erbe erkennen, bewegen sich aber doch eher irgendwo zwischen Pop und Singer-Songwriter-Musik.

Für den Folk-Anteil ist hauptsächlich ihr Ehemann Harald Haugaard zuständig, der profilierteste Violinist seines Landes – er hebt die dänische Folk-Musik auf ein neues Level, seine letzte CD »Lys Og Forfald« (dt.: »Licht und Zerfall«) bekam reihenweise Bestnoten. So ist denn auch die Band ohne Sängerin brillant: Die Mitmusiker sind seit einigen Jahren sowohl bei Blum wie auch bei Haugaard auf CDs und Bühne zu hören, die Band ist bestens eingespielt und klingt sehr homogen. Gitarrist Mikkel Grue und Schlagzeuger Sune Rahbek begleiten gekonnt und geschmackvoll. Grue hat auch kurze Soli, Rahbek brilliert in einer Duo-Sequenz mit Haugaard. Der Kontrabassist Tapani Varis gehört zu den gefragtesten Instrumentalisten der finnischen Folk-Szene und verblüfft das Publikum mit einem langen, virtuosen Maultrommel-Solo.

Zwischendrin erzählen beide Geschichten zu den Songs: Über Frühling und Liebe und Abschied, über den kleinen Sven und den Riesen im Wald, über den Krieg zwischen Dänemark und Preußen – sehr charmant in einer Melange aus Deutsch und Englisch mit unwiderstehlich singendem dänischen Akzent.

Dann greift auch die Sängerin zur Violine, sie spielen Polska und Walzer, traditionelle Tanzmusik mit viel Feuer und treibendem Schlagzeug, schlagen damit wieder die Brücke zu den moderneren Songs. Helene Blum und Harald Haugaard bescheren dem Publikum ein abwechslungsreiches, herrliches Konzert – das allerdings ein volles Haus verdient gehabt hätte. Nicht nur wegen dieser Stimme.

Text und Fotos: Tim Jonathan Kleinecke

 
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