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Foto nordische Landschaft

13. November 2017

Death Pop passt in den November, Agent Blå!

Eigentlich müssten Agent Blå den perfekten Soundtrack für den November liefern: Die Schweden bezeichnen den eigenen musikalischen Stil als »Deathpop«. Hört sich so weit so düster an, aber völlig dunkelschwarz kommen diese fünf dekorativen Jungmenschen aus Göteborg erfreulicherweise nicht daher. Es ist eher dunkel treibender Wave-Rock, der sehr an die großen britischen 80er-Verzweiflungs-Kapellen wie Echo & The Bunnymen erinnert, was nicht die schlechteste Referenz ist. Erfreulicherweise fällt die Stimmungseintrübung sehr verhalten aus. Denn irgendwie platzen diese Sounds vor emotionaler Dringlichkeit und dunklem Überschwang aus allen Nähten. Insgesamt sind es aber doch sehr leichtfüßige, melodische Klänge, welche das Quintett auf seinem Debütalbum »AGENT BLUE« volller Energie zelebriert, trotz der nervösen Teenage Angst, die man hier versprüht. Merke: Dunkelblau ist das neue Schwarz!

Shoegazige Gitarren stechen wie die Wespen, und darüber liegt die helle Stimme von Sängerin Emelie Alatalo, der man Empfindsamkeit und Leidenschaft gleichermaßen abkauft. Thematisch geht es hier um das unerschöpfliche Sujet der »giftigen Freundschaften und der jungen Liebe«. Bei den Schweden klingt der sattsam bekannte Vorgang um Liebe und Verrat sehr frisch, sehr direkt. An der Liebe verweifeln tun diese Nachwuchskräfte jedenfalls nicht! Die Redakteure von Bandcamp haben Agent Blå schon mal vorsorglich zur Zukunft des schwedischen Indiepop ausgerufen. Der Saga nach haben sich die fünf Bandmitglieder ihre Instrumente erst selbst beigebracht, nachdem man beschlossen hatte, eine Bandprojekt aus der Taufe zu heben. Dafür klingen die Jungspunde aber schon ganz schön professionell! Das atemlose »Derogatory Embrace« ist jedenfalls schon mal eine sehr anständige Visitenkarte, die ihr hier abliefert, Agent Blå!

(Foto: Hilda Randulv)

31. Oktober 2017

Eine Achterbahn der Gefühle mit Billie Van

Immer was los mit Billie Van: Die junge Frau aus Oslo nimmt uns auf ihrem zweiten Album »PURE EMOTIONS» mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle und hat keinerlei Scheu davor, dick aufzutragen, wenn es um Herzensdinge geht. Was soll ein Mädchen denn tun, wenn der Angebetete sie sitzen lässt? Etwa als Trauerkloß in der Ecke sitzen? Nein, sich lieber in Disco-Signalfarben kleiden und sich im Melodrama-Schlagermodus um Frustbewältigung bemühen! Das wäre doch mal ein gehaltvoller Beitrag für den Eurovision Song Contest! Zumal Billie Van ein großer Fan von 70er-und 80er-Pop der knallbunten Art ist. Den Schmerz in einer Selbsthilfegruppe voller blasser Seelenpeinler in einen sterilen Gemeindesaal bekämpfen – auf diese Idee für ein Musikvideo muss man erst mal kommen. In »I´m Totally Fine With It» gelingt es Billie Van, dieser drögen Umgebung sogar dunkelgrauen Glamour zu verleihen. Chapeau, junge Frau. Vom frechen Rockabilly des ersten Albums hat sich Billie Van verabschiedet. Die trashige Diva ist eine Rolle, die ihr fast besser zu Gesichte steht als die Göre im College-Jäckchen.

Im wahren Leben ist Billie Van dagegen eine junge Frau, die mit guten Freunden und einem ebenso talentierten wie sympathischen Freund gesegnet ist. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Jonas Alaska und dem besten Buddy Mikhael Paskalev (man kennt sich aus gemeinsamen Studienzeiten an der Musikhochschule unter Schirmherrschaft von Paul McCartney in Liverpool) hat sie kürzlich das Label Braveheart Records gegründet, wo man erstmal die eigenen Scheiben herausgebracht hat, aber sich in Zukunft auch um andere viel versprechende Künstler kümmern will. Sozusagen eine Art Reality Bites nach Abschluss des Studiums und die hoffentlich geniale Lösung des Problems: Die Dinge in die eigene Hand nehmen! Jedenfalls: Der selbstbewusste Retropop von Billie Van zischt auf der Zunge wie Waldmeisterbrause, die überkandidelten Balladen sind von schriller Schönheit, aber die echten Gefühle schimmern immer durch. Das ist vielleicht die wahre Souveränität!

21. Oktober 2017

Das Fabrikmädchen und das Unheimliche: Minja Koski

Wenn das Unheimliche plötzlich in den Alltag einzieht, dann zieht es uns sacht den Boden unter den Füßen weg. Und dann bleiben Erinnerungen lange, lange lebendig. Minja Koski, finnische Schauspielerin und Sängerin, hat eine besonders verstörende Erinnerung: Als sie ein kleines Mädchen war, versuchte eine Jugendliche, sich im Teich vor der Dorfdisco zu ertränken. In Kuhmo war das, der Heimatstadt der Musikerinn, einem 6.000-Seelen-Nest in Nordfinnland, hart an der russischen Grenze. Minja alias M hat das Erlebnis in einem sanft verstörenden Song namens »Kaarina« verarbeitet. Man spürt fast, wie Dunkelheit und Wald an das Haus heranrücken. Es ist, als ob kleine schwarze Vögel durch das Debütalbum »TEHTAANTYTTÖ« flattern. Übersetzt heißt das Fabrikmädchen, was wohl die einzige Karrieremöglichkeit in Kuhmo sein dürfte.

Das Mädchen und die dunklen Mächte, die aus den Wäldern rufen, das ist nur eines der Leitmotive dieses subtil verstörenden Albums. Denn Minja hat sich hier mit dem Turkuer Produzenten und Soundtüftler Miikka Ahlman zusammengetan, der das Poe´sche Grauen mit aktuellen Beats unterlegt und so die Schauermär mit leichter Hand Richtung Dancefloor entführt. Die scheinbare Naivität, die Minja Koski stimmlich transportiert, führt in die Irre: Diese Frau weiß genau, was sie tut! Sie singt über das Leben an den Rändern, wo sich die Gewissheiten verflüchtigen, was die Sinne ungemein schärft. Was passiert denn den Mädchen aus den Grimm´schen Märchen? Genau, sie gehen wie Rotkäppchen, Gretel und Schneewittchen im Wald verloren. Minja Koski ist eine heutige Nachfahrin dieser Heldinnen, die vom Wege abkommnen und lernen, dass die faszinierendsten Gestalten tief verborgen im schwarzen Dickicht leben. Ach ja, und die finnische Sprache eignet sich bestens für diese Ausflüge in dunkelschwarze Wunderwelten!

04. Oktober 2017

Das traurigste Mädchen Schwedens: Sarah Klang auf dem Reeperbahn Festival 2017

Wenn man Sarah Klang lauscht, dann könnte man glatt auf die Idee kommen, dass sie das traurigste Mädchen Schwedens ist: So jung und schon so desillusioniert! Mit einer Stimme, die warm und lebenserfahren klingt. Und wenn man die Augen schließt und nur lauscht, dann könnte man meinen, dass die junge Frau aus Göteborg ihre prägenden Jahre in den USA verbracht hat. Dem ist aber mitnichten so. Zu ihrem Auftritt beim Reeperbahn Festival in der knallvollen Pooca Bar trägt Sarah Klang ein weißes Kleid. Größer könnte der Gegensatz zu ihren melancholischen, countryesken Balladen kaum sein! Die tiefe Traurigkeit des Blues schwingt hier ebenso mit wie die schwül-düstere Popmusik der 80er Jahre.

Um Bühnenpräsenz muss sich die Schwedin an diesem angenehm milden Abend nicht bemühen: Sie hat sie einfach. Einfühlsam unterstützt von ihrer Begleitband taucht Sarah Klang ab in düstere Gefühlswelten, die von zerbrochenen Beziehungen und schmerzhaften Abschieden künden. In innigen und doch opulenten Track “Strangers” geht es um eine gescheiterte Beziehung – und um die Belastung, dem Ex in der Kleinstadt fast täglich über den Weg laufen zu müssen. Unschön, das! Mit der privaten Sara hat dieser Seelenjammer allerdings nichts zu tun: Sie ist mit einem ihrer Bandmitglieder glücklich liiert, erzählt sie beim Konzert. Aktuelles Liebesglück und Herzschmerz in den Songs beißen sich also keineswegs! Von Sarah Klang dürften wir noch hören in den kommenden Monaten: Sie hat eben einen Plattenvertrag beim Hamburger Label Ferryhouse unterschrieben und bringt Anfang 2018 hierzulande ihr Debütalbum heraus.

(Foto: Linnéa Wilhelmsson)

30. August 2017

Summer Breeze 2017 – Samstag: Auf Händen getragen

Frühester Arbeitsbeginn des diesjährigen Summer Breeze. Die Veranstalter haben um elf Uhr zur jährlichen Pressekonferenz geladen – und hier sind ein paar Zahlen-Daten-Fakten rund ums Festival:

Dieses Jahr sind 40.000 Besucher anwesend. Aus den beiden Hauptbühnen wurde die Summer Breeze-Stage; sie besitzt die größte transportable Drehscheibe Europas auf einem Open-Air-Festival mit 20 Metern Durchmesser. 27 Kilometer Bauzaun wurden im Vorfeld aufgebaut.

Natürlich wird auch über das Unwetter von gestern gesprochen. Die gute Nachricht ist, dass es nicht so schlimm war wie befürchtet; niemand kam zu Schaden. Zwischendurch haben wir Mühe, die Antworten der Veranstalter zu verstehen: Auf der SB-Stage legen die Excrementory Grindfuckers dermaßen laut los, dass Veranstalter Achim Ostertag sanft grinsend ein »wen hab ich da gebucht?« entfährt.

Im Anschluss an die Pressekonferenz hätten wir uns mehr Zeit lassen sollen auf dem Weg zur SB-Stage. Primal Fear (D) liefern ein schauriges Gejaule ab, aber da müssen wir durch. Denn Delain (NL) spielen nach ihnen. Bei den Holländern sind ausgesprochen viele Männer anwesend. Muss wohl an den schönen Frauen auf der Bühne liegen – oder doch an der Musik? Frontfrau Charlotte Wessels versteht es jedenfalls das Publikum mitzureißen.

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