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Foto nordische Landschaft

19. Mai 2013

Wiederkehrende Träume mit Cold Mailman

Wunderbare Sonderlinge sind sie, die hierzulande leider noch nahezu unbekannten norwegischen Indie-Popper Cold Mailman. Lange, viel zu lange hat es gedauert seit der Veröffentlichung des großartigen Zweitlings »RELAX, THE MOUNTAIN WILL COME TO YOU« (allein dieser Albumtitel schafft es weit nach vorn in imaginären Bestenlisten!), aber jetzt haben die fünf Herren und die Dame aus Bodø mit »HEAVY HEARTS« nach dreijähriger Schaffenspause endlich das Anschlusswerk vorgelegt. Und sind sich treu geblieben, ohne auf der Stelle zu treten: Schlau, aber nicht verkopft. Sorgsam, aber nie langweilig. Zurückgenommen, aber auf dynamische Weise so. Die Band um Sänger Ivor Bovitz liebt das Doppeldeutige, das Komplizierte und das Vielschichtige, ohne dabei unzugänglich oder elitär zu wirken. Cold Mailman pflegen die Kunst der feinen Selbstironie und bezeichnen den eigenen Stil als »postapokalyptischen Surf-Emo-Pop«. Ha!

Wie kann man angesichts dieses intellektuellen Überbaus denn fest im Poplager verwurzelt bleiben? Einfache Antwort: Durch eine grundsätzliche Leichtfüßigkeit. Und durch ein Bekenntnis zum Melodrama, aber im Arthouse-Cinemascope-Stil. Bei Cold Mailman muss man mitdenken, ohne dass es dabei zu offenkundig anstrengend wird. Weil Denken einfach Spaß macht! Wie sagte schon Benedict Cumberbatch alias Sherlock Holmes in der wundervollen BBC-Serie »Sherlock«, die den Conan-Doyle-Detektiv auf coole Weise ins 21. Jahrhundert holt: »Brainy is the new sexy!« Genau so ist es! Und das haben auch die Norweger verstanden. Raffiniert geht es hier zu, verschachtelt und anspruchsvoll, aber immer zugänglich und offen. Das Video zum Song »My Recurring Dream« ist eine Wundertüte voller subtiler Anspielungen, die uns so durcheinanderwirbeln, dass uns auf angenehme Art schwindelig wird.

Cold Mailman: “My Recurring Dream” from Audun G. Magnæs on Vimeo.

Foto: Synne Øverland Knudsen

08. Mai 2013

Finstere Balladen mit Janne Westerlund

Hat er die braven Bewohner der Provinzmetropole Darmstadt des Sonntagabends zur besten Tatort-Zeit in ihrer beschaulichen Ruhe gestört? Ein wenig schon. Denn Geschichten zur guten Nacht, zu denen sich selig schlummern lässt, erzählt Janne Westerlund gewisslich nicht. Die Schauermär um das Schicksal der süßen Emily Rose ist eher ein Garant dafür, um uns lange wachzuhalten und beunruhigenden Gedanken nachzuhängen. Die äußere Gestalt Westerlunds ist auch nicht dazu angetan, um uns in ruhiger Sicherheit zu wiegen. Eine latente Beunruhigung geht von diesem spindeldürren Gesellen aus, der gleichwohl vor Intensität glüht. Das muss man erstmal abkönnen an eine Sonntagabend: Dass das Leben kein kuscheliger Ort ist und die Menschen mitunter sehr merkwürdig. Einzelne flüchten. Was ein Jammer ist.

Westerlund ist alleine mit seiner Gitarre unterwegs. Das genügt ihm vollkommen, um die Welt mit seinen beunruhigenden kleinen Songs sachte aus den Angeln zu heben. Und nur wer sich aus Zuhören einlässt, wird mitunter mit zärtlichen und wunderschön kontemplativen Balladen wie »A Prayer For Judee Sill« belohnt. Andere Tracks sind von einer solchen emotionalen Intensität, dass es sich kaum aushalten lässt. Finster scheint der Mond über diesen mitleidlosen Americana-Folk-Landschaften. Und nein, das Banjo ist keinesfalls ein harmloses Instrument, wenn man der geliebten Person seine Seele verspricht und damit die Tore zur Verdammnis weit öffnet.

Janne Westerlund zeigt hier übrigens nur einen sehr kleinen Teil seines künstlerischen Potenzials. Denn der Mann ist seit vielen Jahren bei Circle aktiv, einer der innovativsten und wagemutigsten Bands, die der finnische Experimentalrock und insbesondere die Küstenstadt Pori hervorgebracht hat. Ein Durchhören aller Circle-Alben rüttelt sämtliche Hörgewohnheiten auf rauhe Weise durcheinander. Aber an diesem Abend ist Westerlund in der schwarzen Romantik zuhause. Ist das unheimliche Element, das unvermittelt Einzug hält. Und doch so vertraut ist.

Sylvi Lehti 1v – Janne Westerlund from Alejandro Lorenzo – Photography on Vimeo.

28. April 2013

Making Marks suchen das Glück

Ach, das Glück ist eine so flüchtige Angelegenheit! Making Marks suchen es schon seit vielen Jahren. Auch schon, als sie noch My Little Pony hießen und wunderbar leichte Songs über die Zeugung von Kindern zu Beatles-Sounds oder Oden zu Ehren des erfinderischen TV-Helden MacGyver spielten. Bei der Wahl ihrer Bandnamen hat das Boys-Girls-Quartett aus Oslo kein so glückliches Händchen wie beim Schreiben ihrer nachdenklichen bis frechen Tweepopsongs: Die Suche nach My Little Pony aus Norwegen in den Weiten des Web ist alles andere als einfach! Aber das ist auch das Einzige, was es hier zu mäkeln gibt.

Nun gut! Die norwegischen Cousins von Belle And Sebastian segeln zwar unter neuer Flagge, aber die Grundhaltung ist doch ähnlich: Man pflegt schwerelose Harmoniegesänge, ist von angenehmer Nachdenklichkeit und zurückhaltender Schlauheit. Man trägt zur Hälfte Brille und sinnt in Songs mit absonderlichen Titeln wie »Barcodes« über gehobene Alltagsdinge nach. Und zitieren dabei ganz unauffällig die Smiths. Nein, dieses Licht geht nicht aus, trotz aller gegenteiligen Behauptungen!

Vom flüchtigen Glück haben Making Marks vielleicht nur einen kleinen Zipfel erhascht, aber hey! Die Jungspunde experimentieren dafür mit elektronischen Begleitgeräuschen oder lassen sich auf Orgelklänge ein. Und klingen in ihrer sanften Melancholie doch immer so, als seien sie statt zu Biene Maja-Kassetten zu den klassischen Simon & Garfunkel-Alben aufgewachsen.

Brav sind diese Jungspunde trotz aller großäugigen Verträumtheit noch lange nicht! Es ist ganz schön schwierig, gut zu sein! Und diese tiefe philsosophische Fragestellung in ein Popgewand zu kleiden und als falschen Sänger den Lebensmittelhändler Senior aus dem Gemüselädchen nebenan in die Schulaula zu schicken, dazu gehört schon was!

15. April 2013

»22 Fragen an …« Harald Eilertsen – Imbalance

Harald Eilertsen, Sänger / Bassist der norwegischen Thrash-Band Imbalance und Macher der »NORSK URSKOG«- Sampler, beantwortet unsere »22 Fragen an …«:

1  Warum gibt es Deine Band (noch)?

Weil es der Weg ist, unsere kreative Seite auszudrücken.

2  In wessen Fußstapfen tretet ihr?

Wir versuchen unsere eigenen Fußstapfen zu schaffen. Aber natürlich ist da immer jemand, der den Weg zuvor beschritten hat.
Aspekte verschiedener Musik- und Metalrichtungen. Pantera, Slayer und Venom, wenn ich welche nennen müsste. Und technischere Bands wie Behemoth oder Meshuggah.

3  Welcher Song ist euer schlechtester? Warum?

»You Are doomed«. Ihm fehlt das, was wir danach versucht haben aufzubauen. Ihm fehlt Identität. Er klingt wie etwas, das Du in einer Schulband machst.

4  Bühne oder Studio – wo fühlt Ihr euch wohler? Warum?

Bühne.
Weil die Musik dort echt ist. Und Du bekommst sofortige Reaktionen der Zuhörer.

5  Was fehlt Dir auf Tour immer am meisten?

Kompletten Beitrag lesen …

12. April 2013

Kleine Nachtmusik mit Andrea Rydin Berge

Eigentlich wollte ich über fröhliche, übermütige Frühlingsmusik schreiben. Kommt noch! Aber dann kam dies und jenes dazwischen und es wurde langsam dunkel. Ein schmaler Neumond ging am Horizont überm Hinterhof auf. Und irgendwannn kam Andrea Rydin Berge daher, die mit ihrer klaren, kraftvollen, unaufgeregten Stimme stille Kringel in den blauschwarzen Himmel malte. Eigentlich kommt die Sängerin, Pianistin und Harfinistin vom Jazz her, aber als neugierige Grenzgängerin hat die junge Norwegerin eine Neigung zum Singer-Songwritertum entdeckt. Vielleicht deshalb, weil sich zu reduzierter Instrumentiertung hier so wunderbar die kleinen, schrägen Geschichten für den flüchtigen Moment erzählen lassen. Verträumte Zustände lassen sich doch besser im Pop-Modus ausleben. Unschuld und Naivität sowieso, wie im sehr reduzierten Track »Early December«. Dass sie ein freches Glitzern in den Augen hat, kann Rydin Berge selbst im still-balladigen »Lean On Your Love« nicht ganz verbergen. Ein wenig Lebenshilfe zur Partnerwahl gibt es gratis dazu.

Jazz-inspirierter Pop? Blitzt immer mal wieder auf in einer Welt, in der elektronische Musik doch ach so hip ist. Ach, wir wollen aber doch auch die klassischen kleinen Erzählungen hören, die von leiser Reflektion geprägt sind und wo jedes Wort zählt. Erinnert sich eigentlich noch jemand an Joni Mitchell? Andrea Rydin Berge, die Frau mit den sehr roten Rosenohrringen, sie tut es bestimmt. Etwa in dem sehr feinen Song »The Strange And The Normal«.

Rydin Berge ist übrigens dieser Tage auf Tour im norddeutschen Raum unterwegs. Könnte sich lohnen, hinzugehen!

 
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