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Foto nordische Landschaft

14. Mai 2006

Mari Boine auf der Folkbaltica

Mari BoineDas Maketing ist ein eigenartiges Geschäft. In Norwegen steht Mari Boines neue CD (Universal) seit 24. April in den CD-Regalen und stieg sogar bereits in die Charts auf. Und in Deutschland? Da stellte man fest, dass man einige Wochen Vorlauf benötigt, um CD-Veröffentlichung und Medienberichte zu synchronisieren (als ob das ein Geheimnis gewesen wäre!) und dass man, wenn man die ganze Promo-Maschinerie jetzt starten würde, in die Fußball-WM hineinkäme. Ja und? Ich dachte immer noch, CD-Rezensionen fänden im Kulturteil und Fußball im Sportteil der Medien statt. Wie gesagt: Das Marketing ist ein eigenartiges Geschäft …

Mari Boine live auf der FolkbalticaDoch zum Wesentlichen: Ich wollte nicht warten bis zum deutschen Erscheinungstermin des Mari Boine-Albums »IDJAGIEDAS« am 25. August (wer die CD früher hören will, kann sie über die üblichen skandinavischen CD-Shops wie CD On bestellen) und offiziellen Promotermin am 8. Juni in Berlin, wo alle Journalistengespräche an einem Tag gebündelt werden. Ich ließ mir von Uwe Kerkau, meinem »Lieblings-Promoter«, die CD schicken, akkreditierte mich für die Folkbaltica und arrangierte über Konzert-Veranstalter Jens-Peter Müller sowie Mari Boines deutschen Manager Donald Weimer einen Gesprächstermin, so dass ich wohl der derste deutsche Journalist war, der die samische Sängerin zu ihrem neuen Album interviewte.

Der Zeitplan war knapp: Mari Boine reiste direkt aus Norwegen an; im Auto von Hamburg nach Flensburg kommend traf sie erst gegen halb sechs ein. Das Interview musste flexibel arrangiert werden – als ich um halb fünf ihre neue Band beim Aufbau traf, die sich nun »Mari Boine Project« nennt, wurde klar, dass das Gespräch erst nach dem Konzert stattfinden konnte. Nicht weiter tragisch: So hatte ich Gelegenheit, Maria Kalaniemi noch persönlich zu sprechen, nachdem wir unser Interview vor einigen Monaten nur per Telefon geführt hatten.

Als das Konzert gegen halb neun in der Flensburger Alten Post begann, in einem glasüberdachten und teilbestuhlten Innenhof, der zwar eine stilvolle Atmosphäre ausstrahlte, aber dennoch etwas kühl erschien für ein eher spirituelles Konzert, war es noch hell. Der Atmosphäre tat das keinen Abbruch, denn es waren ganz offensichtlich Fans da: überwiegend ergraute Nordland-Urlauber, die Mari Boine über die Jahre hinweg zu der Bekanntheit in Deutschland verholfen hatten, die sie eben mittlerweile innehat.

Obwohl die Sängerin auf der Bühne sehr introvertiert wirkte und kaum eine Gefühlsregung erkennen ließ – das ist jedoch häufig bei ihr der Fall – wiegte sich die Menge recht schnell in den schamanistischen, durch ihre Einfachheit hypnotisierenden »Tribal Beats«: Wer Leder und Federschmuck oder wallende Gewänder trug, war auch outfitmäßig klar im Vorteil.

Mari Boine liveDas Repertoire: eine gesunde Mischung aus alten Bekannten (»It Sat Duolmma Mu« aus der Frühzeit, »Goaskinviellja« aus den Mittneunzigern) und aktuellem Material von der hierzulande noch nicht erhältlichen CD (zum Beispiel »Diamantta Spaillit« / Reindeer Of Diamond«, das bschreibt, wie wieder einmal samische Ländereien wegen Schürfrechten enteignet und ausgebeutet werden sollten).

Die Band: engagiert und einfallsreich, doch die Formation mit Perkussionist Norbakken, Bassist Silset und Gitarrist Ludvigsen wird wohl immer unerreicht bleiben. Besonders Drummer Gunnar Augland hat einfach einen schweren Stand gegen den stets einfallsreichen Klangfarben-Reichtum seines Vorgängers.

Doch das Publikum war begeistert, und so musste Mari Boine gegen ihren Willen in einer allerletzten Zugabe einen Spontan-Joik mit Tänzchen auf die Bühnenbretter legen. Manager Donald meinte, so ein enthusiastisches Konzert hätte er noch nicht erlebt, doch erinnere mich an ein ähnlich begeistertes Boine-Publikum Mitte der Neunziger in der Berliner Passionskirche. Vermutlich war er damals noch nicht für die Sängerin tätig …

Ach ja, das Interview: In einem abgedunkelten Raum (»Auf der Bühne ist immer so viel Licht«), nah beieinander sitzend und mit leiser Stimme beantwortete die musikalische Botschafterin der Sami konzentriert und ernsthaft alle Fragen zu Schamanismus, den Kampf der Sami und Joik-Vorbilder, obwohl wir beide zu dieser fortgeschrittenen Stunde (23 Uhr) etwas ausgepowert waren.

Es war ein gutes, ein interessantes Interview. Zu lesen im August auf Nordische Musik und in den Zeitschriften NORDIS sowie XAVER.

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1 Kommentare

1. Frank Keil schrieb am 15. Mai 2006 um 12:44

Schöne Beschreibung der Dame! Bin gespannt auf das Interview und wie sich die Gute vielleicht eines Tages (jetzt schon?) von dem doch manchmal etwas tranigen Späthippie-Nordlandgetue absetzt. Mir gehen jedenfalls bei ihren Konzerten diese wallenden, in blödsinniger Vesenkung versunkenen Odin-Nachmacher ziemlich auf den Senkel.

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