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Foto nordische Landschaft

01. Juni 2006

Die Schnittchen-Taktik

 Die Goldgräberzeiten sind vorbei. Dauertrunkene Champagnerschürfer, verprasste Marketingmillionen und hoch dotierte Verträge – die Musikindustrie war noch vor wenigen Jahren das wahre Wirtschaftswunder. So schien es wenigstens, denn hinter der schillernden, penetrant fröhlichen und jederzeit gut frisierten Fassade wollten viele den siechenden Untergang des Großprofits nicht wahr haben. Erst fünf nach zwölf donnerten die Glocken und ließen die oberen Etagen den Prosecco fallen: tiefrot gefärbte Zahlen und ein Publikum, dass immer mehr Download und Nero Burning Rom für sich entdeckte, trieb den Angstschweiß auf die Stirn. 65% aller Labelangestellten in Deutschland verloren ihren Job. Fusionen und Insolvenzen standen an der Tagesordnung. Das späte Erwachen hatte seinen Preis.

Aber ganz komplett ist die Dekadenz nicht von der Bildfläche verschwunden. Und so wurde am Mittwoch Abend das neue Folkpop-Signing der EMI ihm Rahmen eines Showcases vorgestellt. Daniel Cirera heißt der lausbübige Typ mit Glatze und Gitarre, der an anderer Stelle schon ausführlicher vorgestellt wurde. Die schwedische Antwort auf Jack Johnson (meint das Label), mit mehr Biss und ironiegetränkten Texten. Das Augenzwinkern ist allgegenwärtig. Auch in dem Edelrestaurant direkt am Kölner Rheinufer. »I play some songs and you get drunk, that´s the deal«, warf Daniel vor seinem Auftritt in die Runde. Es wurde sich zugeprostet – die Rechnung geht aufs Label. Und es freuten sich eingeflogene Redakteure aus ganz Deutschland über flüssige Nahrung und permanenten Nachschub, den die allzeit flinken Kellner unter die Nase hielten: Scampi an Guacamole-Relish, Kalbspieße mit Peperonischoten, raffiniert gefüllte Champignons und Gazpacho. Wer sagt da schon nein? Und so erntete der Schwede auch ordentlich Applaus – bis während seiner 10-Song-Performance der Geräuschpegel der weiterdiskutierenden 200 geladenen Gäste (Sonnenschein, Handshake, Sonnenschein, Lächeln) wieder unangenehm in die Höhe schnellte. Ein gelungener Abend resümierte das Label und der Künstler – beim vierten Showcase in Folge lernt man auch solche Situationen mit einem durchaus ernstgemeinten Lächeln zu überstehen.

Daniel Cirera also demnächst auch in Ihrem Radio. Und vielleicht sogar wegen der soliden Soloperformance, die etwas mehr eigenständige Gitarrenarbeit und schlicht bessere Songs im Stile von »Roadtrippin« (hoffentlich die nächste Single) aufgewertet hätte. Mit Band und Bongo sieht die Sache hoffentlich demnächst noch sonnenscheiniger aus. Auch ohne Bestechung, pardon, Dank ans Medienvolk.

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1 Kommentare

1. Peter Bickel schrieb am 28. Juni 2006 um 10:42

Gestern die CD auch ins Haus bekommen …

Wirklich nett. Hörenswert. Eigenständig.

Und: Skandale bringen noch immer die beste Publicity. Kann man schon allein daran erkennen, dass Dein letzter Beitrag über Daniel Cirera, in dem Du seine Textzeilen mit »Motherfucker” und »Cock sucker« zitierst, bei uns Top-Abrufzahlen erzielen.

Da sieht man mal, wonach die Leute im Internet so suchen …

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