Herzensbrecher
Darf die Kritikerin schwärmen? Bei Konzerten einen verklärten Blick haben und ein himmlisches Lächeln im Gesicht? Ja klar, sie darf. Finde ich. Vor allem wenn es sich um Tiger Lou handelt. Wie Herr Kellermann und seine Band es jedes Mal schaffen, noch ein Stückchen besser zu sein als beim letzten Konzert…das ist erstaunlich. Und ganz wunderbar.
Heimspiel in Darmstadt, in der heimelig-heruntergekommenen Atmosphäre der Oetinger Villa, einem wilhelminischen Schauerschloss, wo sich Werwölfe und schlafwandelnde Jungfrauen wohlfühlen dürften. Ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, geprägt durch seinen improvisierten Charme, immer wieder bedroht durch städtische Begehrlichkeiten.
Firefox AK. die Band von Kellermann-Gattin Andrea, beginnt den Abend. Wirkt gereifter, kompakter, auf dem Weg zu sich selbst als Band. Spielte Andrea im vergangenen Jahr noch allein, nur begleitet von allerlei technischem Schnickschnackgerät, hat sie heute Keyboarderin und Bassisten dabei. Noch fehlt der letzte Funke, um wirklich mitzureißen. Aber die kleine Frau steht selbstbewusst auf der Bühne, ist härter geworden, gewachsen als Sängerin. Das kann noch was werden. Und zum letzten Song springt noch ein schmaler, blasser junger Mann im kreuzbraven karierten Hemd auf die Bühne und singt Backup. »Hoffentlich tauscht Tige Lou sein Hemd noch aus, das ist ja furchtbar«, maunzt meine Freundin Sabine.
Rasmus Kellermann tut ihr den Gefallen und erscheint wie der Rest von Tiger Lou in schwarz auf der Bühne. Und sämtliche Kritik an Äußerlichkeiten wird unerheblich. Das zweite Album »THE LOYAL« bildet das Rückgrat des Abends. Heftiger, emotionaler, rockiger als der sanftere, verträumtere Erstling »IS MY HEAD STILL ON?«. Tiger Lou, der unermüdliche Tourer, hat in den letzten Jahren ein Fundament gelegt. Das Darmstädter Publikukum singt mit, tanzt und feiert die Schweden, die als Band in den letzten Monaten noch stärker zusammengewachsen sind. Aber geprägt sind durch Intensität, Talent und Ernsthaftigkeit von Kellermann, der die Zuneigung des Publikums heftig erwidert, sich die Seele aus dem Leib singt, zwischendurch gekonnt mit den Konzertgängern flirtet. Von dem ein Strahlen ausgeht, das sich auf den ganzen Saal überträgt. »Er bricht uns doch jedes Mal das Herz«, sagt Sabine, lächelnd, nassgeschwitzt wie der Rest des Publikums. Nichts anderes haben wir erwartet.
Bitte bald wiederkommen. Von euch kriegen wir so schnell nicht genug.
Die letzten 5 Beiträge von Eva-Maria Vochazer
- She screams without a sound: Synne Sanden - 06. 02. 2012
- SLKJ: Der finnische Löwe und der tote Hase - 01. 02. 2012
- Reykjavik ohne NASA? Unvorstellbar! - 29. 01. 2012
- Dänische Romantiker, norwegische Feierbiester: Eurosonic 2012 - 25. 01. 2012
- Soon You Can Hide No More: Eurosonic 2012 - 21. 01. 2012



1 Kommentare
1. Markus Wiludda schrieb am 06. Juni 2006 um 01:18
Unglaublich! Gehen wir eigentlich jedes Mal zu denselben Künstlern? Ich hab die beiden Kellermanns auch letzten Freitag gesehen.
Leider hatte Tiger Lou in einer Kirche ein absolutes Soundproblem – so gab es nur einen Geräuschbrei, der sich an den hohen Wänden gebrochen hat. Schade, denn gute Songs hat er ja. Ach, aber eine neue, etwas weitere Hose soll er sich mal zusehen, das tut ja schon beim bloßen Hinschauen weh. Und wiederkommen meinetwegen auch – obwohl der ja sowieso mindestens zwei, drei Mal pro Jahr nach Deutschland kommt.