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Foto nordische Landschaft

09. Juni 2006

Die Mär von der ewigen Dunkelheit

Was wäre das publizistische Leben ohne Klischees? Und so wird wohl munter weiter der Unsinn verzapft werden, dass es in Skandinavien im Winter stockdunkel ist, alle Schweden blonde Haare haben und dieses Land nur Folkgruppen oder ruppigen Gitarrenrock à la Hellacopters und The Hives hervorbringt. Gegen diese Klischees anzukämpfen wäre dringend nötig, doch es ist ein aussichtsloser Kampf.

Nennen wir einige der kursierenden Mythen beim Namen:

Mythos 17: In Skandinavien regnet es ununterbrochen.

Schönes Wetter in BergenBevorzugt wird dieses Statement über Bergen (siehe Foto rechts) – in der Tat die norwegische Stadt mit den meisten Regentagen – losgelassen, aber auch auf fast alle anderen norwegischen Orte wird es gern angewandt.

Beschäftigt man sich jedoch näher mit dem skandinavischen Klima, so stellt man fest, dass es in etwa dem norddeutschen Sommerklima ähnelt. Und über Hamburger Bands würde doch auch niemand sagen, dass sie vor lauter Wetter-Frust nur depressiv-melancholische Musik machen, oder?

Mythos 38: Alle Skandinavier wohnen in roten Holzhäuschen.

Jaja, das Pippi-Langstrumpf-Land. Blonde Jungen und noch blondere Mädels, wettergegerbte Bauern, die immer Zeit haben und freundlich sind; Elche, die auf der Wiese grasen und beim Frühstück ans Küchenfenster kommen. Willkommen im Ikea-Prospekt.

Einer der beliebtesten und wohl nie auszurottenden Klischees ist jedoch der

Mythos 1: In Skandinavien ist es ein halbes Jahr lang dunkel.

Beginnen wir mit zwei wahllos herausgegriffenen Beispielen bewusst geschürter Volksverdummung, obwohl es die Autoren hätten besser wissen müssen:

1.
Ein Schulbuchverlag bittet mich, Nordlicht- und winterliche Nachtfotos zur Verfügung zu stellen für ein Sachbuch zur Nacht. Wir werden uns schnell über das Honorar einig, und ich schicke einige Dias von winterlichen Nachtaufnahmen – nicht ohne in einem Begleitschreiben ausführlich darauf hinzuweisen, dass diese Bilder zwar während der sogenannten »Mørketid« (Dunkelzeit) entstanden sind, jedoch zur Nachtzeit. Und dass es in Nordskandinavien im Dezember und Januar trotzdem von etwa 10 bis 15 Uhr taghell ist, auch wenn die Sonne nicht über den Horizont steigt.

Als ich dann einige Monate später mein Belegexemplar von »Geheimnisse der Nacht« (Velber Verlag) in den Händen halte, trifft mich schier der Schlag. Eines meiner Nachtbilder ist folgendermaßen untertitelt: »14 Uhr ist es auf diesem Bild, also zwei Uhr nachmittags. Und doch scheint es finstere Nacht zu sein. Mond und Sterne sind am Himmel zu sehen. Es ist Polarnacht, die dunkelste Zeit im Norden.«

Nyksund bei NachDer Bildtitel zu einem anderen Nachtbild von der kleinen Vesterålen-Siedlung Nyksund (siehe Foto oben) lautet: »Alle Häuser werden hell erleuchtet. Und der Schnee strahlt das Licht zurück. Ganz dunkel ist es also nicht in den Polarnächten.« Hat man da noch Worte? Die wichtigste Aufgabe eines Schulbuchverlags sollte es doch sein, Kinder und Jungendliche aufzuklären und nicht anzuschwindeln!

2.
Die Tromsøer Band Washington veröffentlicht ihr Album »A NEW ORDER RISING«; es erscheint in Deutschland bei Glitterhouse: melancholische Musik, die an Midnight Choir und ähnliche Pop-Grübler erinnert. Der der CD beiliegende Pressetext beginnt mit folgenden Worten: »Tromsø liegt nördlich des Polarkreises. Also etwa auf einer Höhe mit Nord-Alaska und Sibirien. Hier ist es kalt, bitterkalt. Und pro Jahr etwa sieben Monate lang stockduster. Doch wo es am dunkelsten ist, strahlen die Sterne am hellsten. Aufgang Washington.«

»Herregud«!

Das Schlimmste an diesem Quatsch ist ja, dass es die Leute glauben. Aber mal ehrlich, liebe Plattenfirmen, Journalisten und Verlage, Ihr macht Euch lächerlich: In jedem Infoblatt zu einer skandinavischen Band schreibt Ihr diesen Schmarrn, dass dort oben zwangsläufig schwermütige Musik entstehen müsse, weil man ja sowieso fast das ganze Jahr über in ewiger Dunkelheit hocken müsste. Selbst Bands aus Kopenhagen, Oslo, Bergen oder Stockholm bekommen diesen Stempel verpasst, obwohl sie doch nur wenig nördlicher wohnen als Hamburg.

Bisweilen wird dieser Quatsch noch gesteigert mit weiteren eingeflochtenen Mythen über Kerzenbeleuchtung und dunkle Petroleumfunzeln, über Buschpiloten, die die Leute im Norden mit dem Nötigsten versorgen müssen, über vorrückendes Packeis auf der Höhe von Trondheim und die aus der Dunkelheit resultierenden Alkoholprobleme quer durch alle Bevölkerungsschichten.

Die Wahrheit … ist nicht so dunkel

Haus im SchneeSchauen wir mal Mitte Dezember, also in der dunkelsten Zeit des Jahres, nach Tromsø, fast 500 Kilometer nördlich des Polarkreises. Tromsø liegt nördlicher als Island und auf einer Höhe mit der Discobucht in Grönland und mit der nördlichen Festlandsküste Alaskas – nach Meinung der hiesigen Journaille eine Gegend, in der von Oktober bis Mai ewige Dunkelheit herrschen muss. Tut sie aber nicht (siehe Bild rechts, am 28. Dezember).

Obwohl die Sonne etwa Anfang November nicht mehr über den Horizont steigt und erst Mitte Januar wieder zurückkommt, ist es nie richtig dunkel. Tagsüber ist es mindestens so hell wie bei uns in Deutschland: Es wird gegen halb 10 Uhr taghell, auch wenn die Sonne nicht aufgeht. Aber sie ist da, erleuchtet die Bergspitzen rötlich und sorgt für ein unglaublich weiches, pastellfarbenes und regelrecht poetisches Licht, das man hierzulande nie erleben wird. Dunkler wird es erst wieder gegen halb zwei Uhr nachmittags. Und sowohl Tage wie Nächte wirken sehr viel heller als unsere fast immer trüben Wintertage.

Zum einen liegt dies am Schnee, der jedes bisschen Restlicht mit erstaunlicher Kraft reflektiert. Und zum anderen bleibt es im Norden wegen des flachen Einfallswinkels der Sonne auch nach dem Sonnenuntergang noch sehr lange hell. Das zeigt ein Vergleich mit der Wüste: Dort ist es abends und nachts sehr viel dunkler, denn die Sonne geht hier um 18 Uhr abrupt unter. Fast von einem Moment zum anderen steht man in einer tiefschwarzen Nacht, während die nordischen Abende eher unseren bewölkten Nachmittagen gleichen.

Nordmeer bei NyksundHinzu kommt, dass der Norden normalerweise nie so lange indifferent-bewölkte Grauperioden erlebt wie Deutschland. Wenn sich dort oben der Himmel zuzieht, wird es zwar oft richtig dunkel, wie beim Weltuntergang. Doch das dauert nie lang, und meist fetzen die Wolken wieder schnell über den Himmel hinweg (gut zu sehen am obigen Bild vom Nordmeer bei Nyksund Anfang Januar) und lassen der Sonne genügend Platz. Sogar das Mondlicht erschien mir viel heller als etwa in den verschneiten Alpen, so dass ich des Öfteren auch in der Polarnacht Nachtwanderungen unternahm. Ein Schwede in Jäkkvik am Polarkreis meinte gar:

»Ich könnte nie im Süden in Stockholm l
eben.
Da ist es so dunkel!«

Er erzählte mir auch, dass die Sami zwölf verschiedene Namen für Nordlichter kennen. In der Tat zeigen sich diese einzigartigen Farb- und Licht-Schauspiele in so mannigfaltiger Weise, dass ein Wort allein dafür nicht ausreicht. Das Nordlicht kann man schon im September beobachten, und es taucht bis zum März immer wieder bei klarem Himmel auf, doch die intensivsten »Nordlys«-Spektakel erlebt man meist im Dezember und Januar. Meist grün, doch manchmal auch rot oder lila ziehen weich auslaufende Licht-Schlieren mit teils erstaunlicher Geschwindigkeit über den Nordhimmel. Oft sind es auch Lichtbögen, die im Halbkreis den Nordpol überspannen und dann in feine Fäden zerfließen. Gerade die unvorhersehbaren und stets neuen Gestalten, Formen und Farben sind es, mit denen die Nordlichter in ihren Bann ziehen.

Etwa ab Mitte März bis Anfang September kehrt sich das Verhältnis von Tag und Nacht völlig um. Bei Skitouren im Mai sind auch die Nächte taghell, und im Juni scheint die Sonne sogar die ganze Nacht. Jetzt kommen die dicken Stoff-Vorhänge in den Berg-Hütten zum Einsatz, ohne die man wohl überhaupt keinen Schlaf mehr finden könnte. Beim Wandern ist man nun nicht mehr an Tageszeiten gebunden, sondern kann je nach Lust und Laune laufen.

Obwohl diese ständige Helligkeit für die Mehrzahl der Touristen wohl ein entscheidender Grund für einen Skandinavien-Urlaub zur Sommerzeit sein dürfte, kann sie sehr irritieren. Denn der eigene Rhythmus kann sich nicht mehr dem natürlichen Tages- und Nachtwechsel anpassen, sondern muss seinen eigenen Takt finden. Es dauert manchmal eine gewisse Zeit, bis er wieder ein natürliches Maß gefunden hat. Andererseits macht dieses Verschwinden der Nacht auch süchtig – wie im Rausch versucht man, soviel wie möglich wärmende Sonne und Licht zu erhaschen, ganz nach dem Motto: Schlafen kann ich im nächsten Monat auch noch.

Ich persönlich schätze die Mittsommernächte mit ihren wunderbaren Abendstimmungen überaus, aber ich empfinde die Farbschattierungen des Winterlichts zwischen November und Februar als wesentlich faszinierender. Niemals zuvor habe ich so glutrote Himmelsstimmungen erlebt wie während der Polarnacht. Und das extrem weiche und pastellfarbene Licht der ersten Sonnenstrahlen im Januar sucht seinesgleichen: Wegen der feinen Licht-Abstufungen fühlen sich Fotografen hier im siebten Himmel. Man betrachte das dazu folgendes Bild, das Mitte Januar – also in der »Polarnacht« – östlich von Tromsø entstand und die Rückkehr der Sonne zeigt:

PolarnachtUnd jetzt – liebe Leute – schreibt bitte nie mehr diesen Unsinn mit der Polarnacht …

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4 Kommentare

1. S.K schrieb am 11. Dezember 2010 um 17:00

Guten Tag,

Schöne Seite, aussagekräftiger Inhalt und vor allem eine hohe ethische Einstellung, die sehr bemerkenswert ist.

Ich will nur soviel sagen. Seien sie froh daß sie sich nicht mit Zeitgeschichte befassen. Sonst sähen sie tatsächlich schwarz für unsere Kinder.

Mit freundlichen Grüßen

S.K

2. S.K schrieb am 11. Dezember 2010 um 17:04

Ach ja. Tragikomisch ist ihre Seite auch noch.

Schones WE

3. Simi schrieb am 09. Juni 2011 um 21:19

Sehr richtig ihre Aussagen,
Aber leider ist das Foto von der Siedlung Nyksund seiten verkehrt :)

4. Peter Bickel schrieb am 09. Juni 2011 um 21:58

Du meinst das Straßen-Foto? Stimmt, da könntest Du recht haben. Dann ist mir das Dia wohl falsch herum in den Rahmen gerutscht …
Man möge es mir verzeihen, dass ich jetzt zu faul bin, um das zu korrigieren.

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