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Foto nordische Landschaft

20. Juli 2006

Finnischer Popsommer Teil 1

Finnland hat im Sommer nicht nur wunderbare Natur zu bieten. Sondern auch jede Menge Einblicke in den aktuellen Zustand seiner Popszene. Fangen wir doch mal mit alten Bekannten an.

The Crash beim Ruisrock-Festival oder: Das war vor Jahren

Es gab einmal eine Zeit, da zählte der freche Kitsch-Retro-Pop der Band aus Turku zu meinen absoluten Favoriten. Doch seit »MELODRAMA« aus dem Jahr 2004 ist den Jungs um Sänger Teemu Brunila nicht mehr viel eingefallen. Die Band tritt auf der Stelle, entwickelt sich nicht wirklich weiter und verlässt sich auf die alten Erfolge wie »Star« oder »Still Alive«. Beim Festival-Auftritt singen die kleinen Mädchen in der ersten Reihe und die grossen Mädchen weiter hinten immer noch gerne mit – aber es fehlt der rechte Funke, der einfach nicht überspringen will. Die neuen Stücke wie »Big Ass Love« sind ein bisschen arg dick aufgetragen. Es fehlen die funkelnde Ironie, das unbekümmerte Bekenntnis zum Kitsch und die spielerische Leichtigkeit. Und die neuen Balladen wie »Grace« sind so pomadig, als ob Elton John zum 256. Mal in Las Vegas auf der Bühne stehen wuerde. The Crash klingen wie eine Kopie ihrer selbst. Wohin die musikalische Reise führen soll – das wird beim Konzert noch nicht mal in Ansätzen klar. Dafür gibt es als Neuerung schon wieder einen neuen Keyboarder, der sechste oder siebte in der Bandgeschichte. Im Herbst soll eine neue Crash-Platte erscheinen – und falls der Eindruck vom Ruisrock-Festival nicht trügt und nicht noch ein sehr fähiger Produzent den neuen Songs ein bisschen mehr Pep und Farbe verleiht, ist kaum mit einer positiven Überraschung zu rechnen. 80er-Jahre-Retro-Sounds alleine genügen heute nicht mehr. Was lernen wir daraus? Stillstand ist fatal.

Cats On Fire im Dynamo in Turku oder: Sind wir die neuen Helden?

Rappelvoll ist es im besten Club von Turku. Cats On Fire könnten die neuen Helden der Stadt werden mit ihrem frischen Gitarrenpop. »DRAW IN THE REINS«, die erste EP der Band um Sänger Mattias Björkas, ist eben erschienen. Ist frisch und selbstbewusst und leicht und hat so wunderbare Smiths-Zitate. Björkas ist so dürr und ungelenk wie der junge Morrissey und leidet mindestens ebenso am Leben wie der Altmeister. Aber mit viel Stil, versteht sich. Und mit jeder Menge Nerd-Charme. Wir tanzen und swingen mit und entlocken der Band so etwas wie ein kleines Lächeln. Und eine dynamische Zugabe, die zeigt, dass die Jungs auch Rocken können. Unbedingt im Auge zu behalten.

Since November im Dynamo in Turku oder: There is love on mars

Nein, kein Konzert. Aber das kann noch werden. Sondern ein lebhaft-angeregtes Gespräch mit Tomi Mäkilä, das so zischt und blubbert wie frischer Prosecco. Tomi, jahrelang Keyboarder von The Crash (die Turkuer Szene ist sehr inzestuös), arbeitet seit mehren Monaten an seinem Soloprojekt Since November und will das Debüt »STARWALKERS« noch in diesem Jahr veröffentlichen. Es geht um Sterne, Meteore und Liebe auf dem Mars – und natürlich um Einsamkeit, Unterwegs-Sein und abhanden gekommene Freundinnen. Die Kostprobe »Houston, Changing Manual« macht sehr viel Lust auf mehr. Ein unwiderstehlich mitreissendes, fröhliches, verspieltes, auf den Punkt gebrachtes Pop-Meisterstückchen, das auch nach dem zehnten Hören noch ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Falls der Rest ebenso überzeugend ist, könnte »STARWALKERS« eines der Alben des Jahres werden. Hoffentlich hören wir bald mehr vom Spaceman. Der einigermassen überzeugend und hinreissend lächelnd verspricht, dass wir uns Hoffnungen machen können.