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Foto nordische Landschaft

17. August 2006

Tränen und Alaska

»Kannst Du überhaupt noch etwas empfinden bei Musik? Bist Du so abgebrüht?«

So lautet der typische Vorwurf eines Fans an den Rezensenten, wenn man es gewagt hat, die neue Platte der vom Fan kultisch verehrten Band zu verreißen. Tja, was soll man darauf antworten? Es käme mir komisch vor, wenn ich erwidern würde, dass ich – obwohl ich nun seit über 20 Jahren CDs rezensiere und in dieser Zeit wohl gut gern 40.000 Alben gehört habe – noch immer viel zu häufig wie ein kleines Kind flenne beim Anhören von neuer, guter Musik. Sicher wid man anspruchsvoller, das ist auch gut so. Aber der Heißhunger bleibt, die Neugierde beim Öffnen jedes neuen Briefs, der eine CD enthält, dass das – genau das – die CD sein könnte, die wieder so tief in die Seele fährt, dass man sprachlos und überwältigt ist angesichts der wunderbaren Töne, die da wie Sirenengesang in die weit offenen Ohren wehen.

Joni Mitchell-DVDWer bei uns zwischen den Zeilen liest, der weiß, dass wir alle auch eine nicht zu geringe Bewunderung für kanadische Musik mit uns herumtragen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir – wenn wir nicht schon ein Portal über skandinavische Musik betreiben würden – uns sehr intensiv der Musikszene Kanadas widmen würden. Liegt ja auch irgendwie nahe. Und so war es denn auch eine Kanadierin, die mich kürzlich wieder zum Heulen vor lauter Rührung brachte: Joni Mitchell. Ich sah mir ihre Dokumentation »Woman Of Heart And Mind – A Life Story« (ein furchtbarer Titel, aber ein guter Film) an, und es waren nicht nur ungehörte Seiten ihrer Musik, die mich tief berührten, sondern vielleicht auch Erinnerungen. Jedenfalls holte ich mir ca. 15 alte Joni Mitchell-Langspielplatten aus dem Keller (im Zeitalter der CD bewahrt man ja seine LPs im Keller auf) und hörte sie alle durch, von vorn bis hinten und zurück. Und war abermals erstaunt darüber, wie musikalisch wandlungsfähig und vor allem durch und durch glaubwürdig diese Sängerin ihr ganzes Leben hindurch geblieben ist.

Rogue's GalleryÜbrigens: Im Moment lausche ich gerade der zum neuen Johnny Depp-Film »Fluch der Karibik 2« erschienenen Sammlung von Piratenliedern »Rogue’s Gallery – Pirate Ballads, Sea Songs & Chanteys«. Dort findet man einige VIPs (Bono, Sting, Lou Reed) und viele durchaus interessante Beiträge (Richard Thompson, Bill Frisell, Robin Holcomb, Nick Cave oder David Thomas). Aber dann gibt es auch zwei Beiträge, die mir mal wieder schier das Herz herausreißen: Zum einen singt dort Lucinda Williams, dezent begleitet von Flügelhorn, Bass und Fiddle, die schönste Version von »Bonnie Portmore«, die ich jemals gehört habe … und ich habe viele gehört als Freund echter, ursprünglicher keltischer Musik. Fast nahtlos – so dass man den Übergang kaum merkt – schließt sich daran eine nicht minder berührende Version von »Shenandoah« an, angeführt von Geiger Richard Greene. Alles weder skandinavisch noch kanadisch, deshalb sorry fürs Abschweifen …

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1 Kommentare

1. Frank Keil schrieb am 21. August 2006 um 09:48

Als vor gut 25 Jahren der Punk und der New Wave in mein Leben trat, sortierte ich entsprechend mein damals noch sehr halbschmales Plattenregal neu. Vieles verschwand (und blieb verschwunden bis heute), all der Hippiekram, all der Krautrock, all die bemühten Protestsänger.

Eine aber blieb – bis heute: Eben Joni Mitchell und sie ist wirklich die Größte. Seien es ihre ersten Sachen, noch sehr folkig; seien es ihre Ausflüge in den Jazz mit den Burschen von Weather Report (sonst eigentlich kaum hörbar) und natürlich Charles Mingus.

Wenn ich manchmal dem Norden untreu bin und nach Kreta und dort in den Süden reise, versäume ich es nie, in den Höhlen von Matalla vorbei zu schauen. Dort hat sie in den späten Sechzigern gelebt und die Sonne und das Meer und die lockere Lebensart dort, scheinen ihr gut getan zu haben. Bis heute.

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