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Foto nordische Landschaft

21. August 2006

Und jetzt etwas ganz anderes: Kunst (Teil 1)

Es war schon ein merkwürdiger Sound, der da zu hören war: Ein Schaben und Scheuern, ein leichtes Klirren und manchmal auch schrilles Kratzen; zuweilen ertönte der Schrei eines Hahns. Was zu sehen war: eine in einem weißen Papieranzug gekleidete Frau lief in einem quadratischen Raum immer im Kreis, wie in einem Käfig. So ein weißer Anzug, wie ihn die Mitarbeiter kriminal-technischen Untersuchung immer tragen (man kennt das aus den TATORT Krimis), dazu waren die Arme und Beine, die Brust, der Rücken und der Kopf des Anzuges mit dichtstehenden Stacheln bestückt, mit denen sich die Frau immer wieder an den Wänden und an dem zum Raum gehörenden Fenster rieb und abarbeitete. Eine lange Stunde lang: eine Performance der Künstlerin Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir im Hamburger Kunsthaus FRISE, im einst zu Dänemark gehörenden Stadtteil Altona.

 Die letzten Wochen war sie hier zu Gast und ist dort jetzt mit einer kleinen, feinen Ausstellung mit Sprachzeichnungen vertreten: „Wie sehen Sie ihre Zukunft?“

Eine Frage, die ein Richter unlängst einem Angeklagten stellte, da saß die Künstlerin im Hamburger Landgericht und verfolgte diverse Prozesse von der Zuschauerbank aus. Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir spricht dank einiger Hamburgaufenthalte sehr gut Deutsch, doch geht es ihr bei ihren Aufzeichnungen aus dem Gerichtssaal nicht um eine irgendwie geartete soziologisch-künstlerische Auseinandersetzung anhand der Felder Verdacht, Beschuldigung, Lüge, Recht, Ohnmacht und Moral. Vielmehr hat sie alles, was gesprochen wurde, in Linien, Kurven, Schnörkel, Striche und Punkte übersetzt, die nun Blatt an Blatt in einem schneeweißen Raum prangen (ihr Lieblingstier ist das Schneehuhn), wie leichthändige Wandteppiche. Mal verknäulen sich die Zeichnungsnotizen, mal tummeln sie sich wie Noten von links nach rechts, mal auch schlagen sie spitz nach unten oder oben aus, wie die Diagramme eines EKGs oder eines Lügendetektors, auf das ein jeder und eine jede phantasieren kann, was sich dort im Gerichtssaal ereignet und wie man miteinander gesprochen, was man geleugnet, eingestanden und zugegeben hat. Titel wie EIN GRAMM HEROIN, HAT AUF EINEN PARKENPLATZ FÜR BEHINDERTE GEPARKT oder auch DER ANGEKLAGTE WIRD FÜR DIEBSTAHL EINER HOSE UND EINER FLASCHE ALKOHOL, DIE ER SEINEM VATER ALS GESCHENK GEBEN WOLLTE, VERURTEILT öffnen die Assoziationsräume.

Wer in Hamburg weilt, sollte sich dieses anschauen. Alle anderen sollten sich ihren Namen merken: Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir.

Die Ausstellung ist zu sehen vom Freitag, den 25.8. bis Sonntag, 27.8., jeweils 16-18 Uhr

Nächste und letzte Performance: Sonntag, 27.8., 16 bis 17 Uhr