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Foto nordische Landschaft

16. August 2006

Ich habe Elvis gesehen

Ich habe Elvis gesehen. Wir fuhren den Vejers Havvej entlang, ich und mein Sohn, in unserer türkisgrünen Familienkutsche, einem Renault Kangoo. Da stand er, vor der Eisdiele, wo es Softeis mit Lakritzüberzug gibt, schräg gegenüber dem Kleiderstore, wo ich mir zwei Tage zuvor eine neue Regenjacke gekauft hatte, für nur 699 dänische Kronen, auch hier war Sommerschlussverkauf, den es eigentlich ja nicht mehr gibt.

Elvis trug einen glitzerblauen Anzug mit hochgeschlagenem Kragen. Er sah dicklich und müde aus, und er schwankte leicht vor und zurück, während die Passanten langsam vorbei gingen, hauptsächlich Deutsche mit Kindern in Bollerwagen, die nach einem Softeis – mit oder ohne Lakritzüberzug – quengelten. Was er sang, wir hörten es nicht. Die Autofenster waren zu, es war windig draußen, es war überhaupt kein allzu warmer Tag, und Elvis schwankte tonlos auf dem Bürgersteig und klammerte sich an sein Mikrophon. Wir waren unterwegs, meine Frau abzuholen, die so gern von unserem Campingplatz in Börsmose den Strand entlang joggt, bis nach Vejers, und die wir dann am Autostrand einsammeln, wenn der Wind zu sehr weht und das Laufen gegen den Wind auf die Stimmung schlagen könnte, und so war das an diesem Nachmittag.

»Das war Elvis, mein Sohn«, sagte ich, als wir vorbei waren und ich Elvis nicht mal mehr im Rückspiegel sah, etwa auf Höhe des SPAR-Marktes, bevor das Strandhotel linkerhand folgt.

»Elvis?«, fragte mein Sohn.

»Elvis«, sagte ich, »genau der: Elvis.«

»Ach, Elvis«, sagte er.

Weiter sagte er nichts, und wir fuhren weiter. Wir wollten rechtzeitig am Strand sein; meine Frau springt gerne nach dem Laufen zum Erfrischen in die See und braucht dann ein Handtuch, damit ihr andererseits nicht allzu kalt wird.

Als wir zurück kehrten und auf ein Leichtbier und salzige Pommes hinter dem Bäcker parkten, sang Elvis nicht mehr. Er hatte seinen glitzerblauen Anzug ausgezogen und saß nun zusammen gesunken auf einem dieser üblichen Rohrstühlen aus dünnem Metall und Korb-Imitat, trank langsam aus einem Bierglas, und niemand beachtete ihn. Nur die Musikanlage stand noch da, ein Lautsprecher auf einem Ständer, zu seinen Füßen ein Verstärker in einer schwarzen Kunststoffbox.

Heute lese ich in der Zeitung, dass der amerikanische Regisseur Adam Muskiewicz (was hat der noch mal drehen lassen?) demjenigen 3 Millionen Dollar zahlt, der Elvis gesehen hat.

3 Millionen und auch noch Dollar. Ich könnte jetzt reich sein, aber vermutlich wird jetzt jemand anderes reich; jemand, der in Vejers wohnt und weiß, wo Elvis sich aufhält und was er arbeitet und mit wem er verheiratet ist und was er für einen Oldtimer fährt; die Dänen stehen ja auf Oldtimer. So ist das im Leben. Elvis in Jütland, wer hätte das gedacht.

»Schwamm drüber«, sagt mein Sohn gerade. Und zählt dann doch auf, was wir uns für 3 Millionen Dollar alles kaufen könnten. Einen Wohnwagen zum Beispiel.

15. August 2006

Finnischer Popsommer Teil 3

Der finnische Popsommer neigt sich seinem Ende zu  – und gemeinerweise spielen zwei meiner Lieblingsbands an diesem Abend fast gleichzeitig, aber an verschiedenen Orten. Da helfen nur ruckartiges Losreißen und ein schnelles Fahrrad.

 Boomhauer im Dynamo in Turku oder: Wer spricht schneller als Saku Krappala?

Ein Extrastoß Adrenalin gefällig? Geht ganz einfach: Das heftigste Garagenrock-Trio der Welt beim Heimspiel zu erleben. Wer vorher schon dachte, dass Sänger und Gitarrist Saku Krappala ziemlich hippelig ist, der wird seine Meinung rasch ändern. Saku muss der unangefochtene finnische Rekordhalter im Schnellsprechen sein: Atemlose, mit Lichtgeschwindigkeit heruntergeratterte Zwischenansagen, deren Absurdität und Skurrilität es mit dem Tempo aufnehmen können, versichert meine hilfreiche Übersetzerin Elina.

Wer Feinsinniges in der Populärmmusik mag, ist bei Boomhauer an der falschen Adresse. Es geht hier um den maximalen Energieausstoß während der Drei-Minuten-Songs und um die Höchtmenge Schweißabsonderung in diesem Zeitfenster. Und es macht einen Riesenspaß, den Jungs bei der Arbeit zuzuschauen, wie sie sich gekonnt die Bälle zuspielen und mit Präzision, Spielfreude und Leidenschaft bei der Sache sind und vor Begeisterung brennen. Saku hüpft wie ein Springteufel, Schlagzeuger Mikko schafft ein dynamisch treibendes Grundgerüst und Basser Marko zeigt sogar Anzeichen von Emotionen. Das ist die Essenz des Rock´n´Roll – bis zur Erschöpfung mitzutanzen und sich völlig verausgabt in den frühen Morgenstunden  nach Hause zu trollen.

Matti Johannes Koivu beim Down By The Laituri-Festival in Turku oder: Vorstellung und Realität

Matti Johannes Koivu, Sänger von Ultramariini. hat mit »PUUHASTELLEN« bislang eines meiner Lieblingsalben des Jahres vorgelegt: Souveräner, federleichter Singer-Songwriterpop mit einem wunderbaren Chanson-Einschlag. Geeignet für alle Dämmerstunden dieser Welt.

Irgendwie hatte ich mir Koivu als einen zarten, blassen, sehr jungen Poeten mit sensiblen Gesichtszügen vorgestellt. Auf der Bühne eines kleinen, recht altmodischen Klubs in Turkus Innenstadt aber steht ein ungelenker, verkrampfter, dürrer Mitzwanziger mit langem, strähnigen Blondhaar und merkwürdig stechenden Augen. Eher der Hippie-Hängerecke zuzuordnen. Ausstrahlung: Fehlanzeige. Den Rotwein trinkt er vorsorglich gleich aus der Flasche, eine der weniger sympathischen, aber durchaus häufig zu beobachtenden finnischen Eigenheiten.

Den Charme seines Albums kann Koivu an diesem Abend live nur in Ansätzen vermitteln. Begeitet wird er von einem ähnlich ausdrucksarmen Kollegen an der Zweitklampfe. Trotz viel guten Willens meinerseits gibt es von diesem Auftritt nur wenig Positives zu berichten. Die Songs laufen fast allesamt ins Leere, was hauptsächlich an der lauen und lustlosen Bühnenpräsenz des Herrn Koivu liegt. Auch wenn wir ihm milde zugestehen, dass er vielleicht einen schlechten Tag hatte: Matti, es gibt dringenden Handlungsbedarf, denn so wird das nichts. Geh mal bitte ein paar Blocks weiter und schau dir genau an, was Saku Krappala dir als Persönlichkeit auf der Bühne voraus hat. Es wäre schade, wenn sich das Koivu´sche Talent nur auf Platte entfalten könnte.

13. August 2006

Von Zwangspausen, schweren CD-Päckchen und Schiffsmeldungen

Wie die Zeit vergeht … am 27. Juni (!) schrieb ich meinen letzten Beitrag hier im Polarblog. Aber manchmal passieren eben Dinge nicht so, wie sie sollen. Dann ist der CD-Stapel nach zwei Wochen Paddelurlaub in Südschweden besonders hoch, dann liegt man wegen einer ambulanten Operation für ein paar Tage flach, dann muss der Hund eingeschläfert werden und geht der PC kaputt – zwar gefolgt von einer schön schnellen, neuen Kiste, die jedoch erst in tagelanger Installationsarbeit in ein arbeitsfähiges Werkzeug verwandelt werden muss.

Mein Arbeitsplatz»Kenn’ ich«, wird mancher sagen, »ist das ganz normale Leben«. Stimmt. Ist auch alles kaum der Erwähnung wert, aber eben eine Erklärung, warum der »Chef im Hintergrund« eine Zeitlang abgetaucht ist. Und weiterhin im Hintergrund werkelt: Die letzten zwei Tage habe ich CD-Päckchen für unsere fleißigen Mitarbeiter gepackt, auf dass ihnen nie die Rezensionsarbeit ausgeht.

Und wenn mir dann am Ende der Kopf raucht vor Arcturus und Lars Danielsson, Old Man’s Child und Masqualero, Viktoria Tolstoy und William Hut, Tulus und Trentemøller, Jimi Tenor und Kaija Saariaho, Jon Balke und Entwine oder Frifot und Mercenary, dann braucht’s etwas musikalische Ruhe: Minor Majority. Musika 77 (die Neue). Oder gepflegte Schwermut: Joycehotel (ebenfalls die Neue). Wobei die beiden letzteren sogar in der engeren Auswahl der CD des Monats September sind. Denn auch das gibt es allmonatlich demokratisch zu regeln: die Wahl der Monats-CD samt Einsammeln der Kommentare.

Und während in den nächsten Tagen nun ca. 60 CDs auf dem Weg zu unseren Fachleuten sind (natürlich per Einschreiben, da die diebischen Postbeamten die sonst wieder – wie schon so oft – abgreifen), kann ich mich entspannen: bei Lasse Halströms Literaturverfilmung »Schiffsmeldungen«. Die ist nicht wie sonst oft bei Hallström genial (in den meisten Rezensionen bekam der Film eine 7/10-Bewertung) und natürlich nicht so gut wie das vor Jahren gelesene Buch, aber durch und durch nordisch. Und die Landschaftsaufnahmen beweisen mir wieder einmal, dass ich – wenn ich nicht eines Tages an den skandinavischen Polarkreis ziehe – nach Neufundland auswandere.

Schiffsmeldungen

Zum Beispiel ins verfallene Haus der Quoyles.

11. August 2006

Petrus, Peter, Björn und der Rest

 Gerade verwandelt Petrus meine Strasse in einen veritablen Jachthafen. Der perfekte Moment mal wieder meiner Lieblings-Sommerplatte des Jahres anzuschalten und im gnadenlos guten Logbuch der werten Radiokollegin zu stöbern. Ach, und bitte gleich mal diese Tourtermine mit liebevollem Gekringel und doppelroter Unterstreichung auf den eigenen Kalender schmaddern!

Peter Bjorn And John auf Tour

11. September:  Köln – Gebäude 9
12. September:  Hamburg – Molotow

13. September: München – Atomic Cafe
14. September: Berlin – Privatclub

08. August 2006

Finnischer Popsommer Teil 2

An Konzerten herrscht selbst im Hochsommer, wenn das ganze Land auf Mökki-Urlaub ist, kein Mangel. Steigen wir doch gleich mal in Bus nach Helsinki.

Magenta Skycode im Tavastia in Helsinki oder: Darkpop rules ok

Zum ersten Mal den traditionsreichsten Rockclub Helsinkis zu besuchen und gleich auf der Gästeliste zu stehen…sehr cool! Ein großes Dankeschön an Tomi Mäkila, Keyboarder von Magenta. Für die Ferienzeit ist das Tavastia sehr gut gefüllt. Kein Wunder, denn Magenta Skycode, das neue Projekt von Jori Sjöroos, hat mit »IIIII« bislang eines der überzeugendsten Alben des Jahres aus der Düster-Pop-Ecke vorgelegt. Ganz klar zu spüren: Die Band, die erst seit kurzer Zeit zusammen spielt, muss erst noch zusammenwachsen, den Feinschliff entwickeln. Der Intensität tut dies keinen Abbruch. Die Songs entwickeln eine Sogwirkung, die sich auch live entfaltet. Der Gig im Tavastia eines der Konzerte, auf das ich besonders gespannt war – und die fünf Magentas bestätigen das Potenzial der Platte. Hoffnungslosigkeit, Melancholie, die  wundervolle Kunst des fortgeschrittenen Verzweiflungsanfalls: Sjöroos und seine Mitmusiker zelebrieren den gehobenen Weltschmerz und rocken die blauen Stunden um Mitternacht. Die Interaktion mit dem Publikum stimmt auf den Punkt: Die potenziellen Hitsingles des Albums wie »People« oder »Go Outside Again« werden inbrünstig mitgesungen. Magenta Skycode haben sich in Finnland ihre Fangemeinde schaffen können. Jetzt wäre es an der Zeit, über den Tellerrand Richtung Resteuropa zu schauen. Die Voraussetzungen stimmen.

Samae Koskinen beim Down By The Laituri-Festival in Turku oder: Weißer Lärm

Der Club ist ziemlich altmodisch und abgeranzt, der Publikumszuspruch hält sich in Grenzen, und draußen ist es um Mitternacht sowieso noch hell. Samae Koskinen, Frontmann der Popträumer Sister Flo aus der Weltstadt Rihiimäki, steht mit seiner Gitarre alleine auf der Bühne. Der untersetzte junge Mann mit einem Topf-Haarschnitt wie aus dem »Namen der Rose« und einem unsäglichen karierten Hemd traut sich was als Solokünstler. Sein Album »Vol. 1« überzeugte im Frühjahr durch Leichtigkeit, Selbstbewusstsein, perfekten Sinn für Popmelodien und literarischen Anspruch: Basis waren Texte junger finnischer Lyriker. Koskinen ist ein Meister des Understatement, er ist souverän, er lächelt auf der Bühne in sich hinein und beherrscht  seine Zwischentöne. Ach dumme Welt, was willst Du von mir, ich hebe einfach ab und fliege davon und froh macht mich das sowieso. Diesem unterkühlten Charme kann sich auch die tumbste Dumpfbacke in der Ecke nicht entziehen. Die Botschaft erschließt sich selbst Zuhörern, die das Finnische nur in Ansätzen beherrschen: Hier gibt es eine kleine Kostbarkeit zu entdecken. Und als ultimativen Glückskeks fürs Publikum singt Koskinen noch eines der schönsten Lieder von Sister Flo, »White Noise«. Ein Song, der es unbedingt unter die 20 besten Popsongs aller Zeiten schafft. Mein Lächeln ist selbst am nächsten Tag noch da.

 
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