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Foto nordische Landschaft

26. September 2006

You Look Good On The Dancefloor

 Man hat ja sonst nichts zu tun. Legt man eben mal auf einer Diplom-Party auf. Es hieß: »Wir sind hier ein kleiner Kurs und wir hören hier so ziemlich alle Rock – aber pack mal zur Sicherheit auch ein paar Platten Fettes Brot und so ein«. Ganze Kiste also von Aereogramme bis Zutons gefüllt und die leicht angestaubten Compis mit dem Chartskram schön weit unten verstaut. Für den absoluten Notfall. Und ab nach Münster. Easy Indie-Disco? Denkste!

Dass das Mischpult nur anderthalbkanalig zu fahren war? Dass die Lautstärke zwischendurch mal einfach so absackte? Dass die Anlage nur für die Beschallung eines 5×5 Meter Zimmers gedacht war? Dass es handelsübliche CD-Player gab, statt DJ-Equipment? Nebensächlichkeiten.

Viel schlimmer: die Definition von »Rock« hätte nicht unterschiedlicher sein können. Als ich dachte, dass bei »I Bet You Look Good On The Dancefloor“ von den Arctic Monkeys die Bude kochen würde, guckte die Menge nur verhalten in die Luft und stellte sich scharenweise um meinen Mischer: »Ich mag ja Rock, aber das hier ist doch ein bisschen hart, ne?«. Was soll man da sagen? Der Bann war gebrochen und aus der Liste mit den Musikwünschen wurde die Liste des Grauens: Es reihten sich »Westerland« an Shakira, Revolverheld an Robbie (ca. 78x), »irgendwas mit Beat«, Trance, »was-man-so-kennt-ausn-80ern«, R´n´B, Alphaville an »Ich Will Spaß« und NDW usw.

Klarer Fall von: krass falsches DJ-Booking. Eine Jukebox mit dem Besten aus 60er, 70er, 80er, 90ern und heute wäre an diesem Abend die Topwahl gewesen. »Wie, du hast so was nicht? Was bist du denn fürn DJ?« – lautete der lapidar-treffende Kommentar eines angeheiterten Gesellen, der mit fuchtelnden Armen seinem Unmut Luft machte. Genau so ein Zonk bin ich nämlich! Da stand ich also mit meinen Bloc Parties, Billy Talents und Mando Diaos und versuchte zu erklären, warum ich jetzt nicht »Summer Of ´69« spielen werde. Mit einer genüsslichen Mischung aus Trotz und Ideologie überforderte ich ihn anschließend gleich mal mit The Killers.

Nach ein paar Songs mit sich leerender Tanzfläche (standen ja alle bei mir ums Pult rum), gab´s dann keine Chance mehr. Entweder die Koffer packen und nach Hause düsen, oder beschließen, dass einen hier eh keiner kennt und die selbstgesteckten Prinzipien ein wenig vergessen und die spärlichen Kennt-Jeder-Hits auspacken, die irgendwo auf grauenvollen Compilations schlummerten. Ich hatte doch keine Wahl!

Hier die Top 5 der Musikwünsche des Abends

  1. »Ich hör ja auch ganz gerne Rock, aber kannste mal ´nen bisschen Trance oder Techno auflegen?«
  2. »Spiel mal was anderes von Robbie – dieses "Rudebox" kennt doch eh noch keiner…«
  3. »Kannst du mal was Kölsches spielen? Viva Colonia oder so?«
  4. »Hast du was von Freundeskreis da? Dieses "Desperados"?« [sie meinte: "Esperanto"]
  5. »Spiel doch mal was zum Tanzen!« [es lief: K-OS – Crabbuckit]

Beschämt und gebrochen lud ich gegen vier Uhr meine Koffer zurück in den Wagen. Sie fragen nach dem DJ? Er sollte nie wieder ganz der alte werden.