28. September 2006
Popkomm für Fortgeschrittene Teil 1
Eigentlich hatte die Musikmesse Popkomm in diesem Jahr einen brasilianischen Schwerpunkt. Aber angesichts der kaum überschaubaren Masse an Konzerten von Musikern aus Skandinavien konnte man durchaus auf die Idee kommen, dass die wahren Champions aus dem hohen Norden kamen. Beim Nightflight durch die Berliner Clubs, zum Beispiel in der Kulturbrauerei, ist vor alllem Durchhaltevermögen angesagt. Was dem Spass beim Befriedigen der Neugier keinen Abbruch tut.
Bei der Finnischen Rocknacht am ersten Popkomm-Abend ist vor allem wieder ein Phänomen zu beobachten: Die Sänger der Bands sind alle keine Hünen. Eher das Gegenteil. Dies ist keine dumme sexistische Tussenablästerei, sondern eine durch Fakten untermauerte Beobachtung. Wer eine nachvollziehbare Begründung für dieses (rein finnische?) Phänomen hat – bitte Mail an mich.
Lapko-Sänger Malja ist zwar ungefähr nur so groß wie Prince und steht beim Singen gerne auf den Zehenspitzen, aber jetzt verlassen wir auch souverän die Niederungen von Äußerlichkeiten und widmen uns den wahren Werten. Das Trio hat die Energie von mindestens einem der drei geplanten finnischen Kernkraftwerke und spielt eine sehr eigene Mischung aus treibenden Rock, hysterischem Darkpop, glamouresken Unterströmungen und ziemlich viel Teenage Angst. Dass die Band live unwiderstehlich ist, hat sich schon bis in die deutsche Hauptstadt herumgesprochen und die Mädels mit den Lapko-Shirts sind bereits im halben Dutzend vertreten.
Nichts wirklich Neues unter der Sonne bringen Brightboy aus Helsinki mit ihrem gepflegt-hedonistischen 80er-Synthie-Wavepop, aber das Gleiche lässt sich von Dutzenden anderer Bands behaupten. Das Quintett steckt, was die Bühnenausstrahlung angeht, noch etwas in den Startlöchern, aber das Ganze ist ausbaufähig. Die potenziellen Hits des Debütalbums »LOVE FOR THE STREETS« kommen flott daher und Sänger Antti Westman findet langsam den Entertainer in sich. So richtig ins Schwitzen gerät man dabei aber nicht. Macht nichts, zeigen die Jungs doch, dass der finnische Musiker als Spezies an sich durchaus dazu in der Lage ist, eine gepflegte Eleganz zu entwickeln.
Als eigentliche Überraschung des Abends aber entpuppen sich The Winyls. Dass Rock laut, dreckig und leidenschaftlich sein muss, um nachhaltig mitzureißen – das Quintett weckt das Berliner Publikum mit ganz einfachen Mitteln aus seiner abgeklärt-coolen Pose. Da gibt nichts zu überlegen, hier wird mitgetanzt. Dem Feinsinnigen widmen wir uns später. Und dabei sind die Jungs durchaus wandlungsfähig und nicht ungewitzt. Sänger Leady Winyl ist ein kleiner Derwisch, von dem ein schmutziges Leuchten ausgeht. Die Konkurrenz für Kapellen wie The Hives oder die Flaming Sideburns könnte hier heranwachsen. Und das Klischee von den »verrückten Finnen« bedienen die Fünf hier nebenbei zudem in vorbildlicher Weise.
Wer wissen will, warum die Welthaarsprayvorräte bald zur Neige gehen, sollte sich bei der vierten Band des Abends, nämlich Naked, erkundigen. Das Quartett fällt vor allem durch seine eigenwilligen Frisuren auf. Da könnten selbst die Mädels von den B-52s neidisch werden. Die Musik, ein wenig origineller Glamrockverschnitt, ist nicht weiter bemerkenswert. Tendiert eher in die Langweiler-Ecke.
Abgesehen von diesen Erkenntnissen bleiben vom ersten Popkomm-Tag vor allem die Beobachtungen, dass Teitur nicht nur ein intelligenter und lebhafter Gesprächspartner ist, sondern auch die erstaunlichsten grauen Augen hat. Und dass selbst die Mädchenschwärme von Sugerplum Fairy mit so banalen Teenager-Problemen wie Pickeln zu kämpfen haben. Interviews mit beiden Künstlern bald auf »Nordische Musik« .


