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Foto nordische Landschaft

05. Oktober 2006

Perfekte Inszenierung: Skandale im Musikbusiness

 Skandal! Wenn Paris Hilton sich in ihrem neuen Video als Scharfmacher eines pubertierenden Jungen inszeniert. Skandal! Wenn die grenzdebile Ghettobraut Liza Li in ihrem neuen Video ihren Ex ermorden möchte und Wörter wie »Schwanz« und »Schlampe« wie eine Monstranz ihrer achso bösen Gossenmentalität vor sich her trägt. Der Aufschrei der amerikanischen Sittenwächter, der die publicityträchtigen Auftritte der blonden Hotelerbin wie ein Echo begleiten, amüsiert wie immer die europäischen Konsumenten, die nicht im Ansatz auf die Idee kommen würden, die nur angedeuteten Mädelsphantasien eines Jungen als Verrohungselement und Bestätigung des allgegenwärtigen Sittenverfalls an zusehen. Vielmehr würde man wohl gelangweilt einfach das Programm wechseln. Aber auch deutsche Zeitungen zeigen sich befremdet und erbost: Liza Li – ein Antibeispiel für die Jugend? Sind wir moralisch inzwischen untherapierbar verwurmt und das Musikbusiness frei von allen positiven Wertvorstellungen?

Alles halb so schlimm. Die bewusste Provokation gehört seit jeher zu den wichtigsten Stilmitteln des künstlerischen Ausdrucks. Wo Irritationen auftreten, wo die Konfrontation mit den eigenen Werten und Schamesgrenzen zur Selbstreflexion anregt, wo Grenzen in moralischer, sexueller oder gewaltbehafteter Dimension übertreten werden, wird die Kunst vorangetrieben. So ist zumindest das Selbstverständnis vieler Künstler zu erklären, die Skandale mit wertigen Inhalten verknüpfen. Und selbstredend ist provokante Agitation ein Ausdruck der Gesellschaft, der mit der Entwicklung Schritt hält und so langsam seinen Wirkungskreis reduziert. Wo alles erlaubt ist, wird es immer schwieriger, Tabus aufzustöbern und zu ge- und missbrauchen. Wo es in den 60ern alleine das Wort »Sex« war, ist es nun eher der Faktor »Gewalt«, der uns aufschrecken lässt – in konträrer Positionierung zu den USA, wo doppelbödige Prüderie anscheinend noch weiter verbreitet ist als hier in Europa. Aber auch hier verschieben sich die Grenzen. Wo die Zensur noch vor ein paar Jahren medienwirksam eingegriffen hätte, sind Worte wie »Schwanz«, »Schlampe« und »Drecksau« inzwischen durchaus übliches und anerkanntes Jugendrepertoire und somit kaum Aufregung und Beanstandung wert. Ob sie verkaufsfördernd sind, sei auch ausdrücklich an dieser Stelle dahingestellt.

Dennoch darf und muss nach den Gründen der Provokation gefragt werden, die gerade in der Musikbranche nicht den hehren Zielen des wahren künstlerischen Anspruchs genügt. Ist die skandalbehaftete Provokation nur Selbstzweck, nur PR-Gag oder steckt mehr dahinter? Eine Antwort kann nicht immer in zufriedenstellendem Maße gegeben werden. Dennoch: Aufmerksamkeit erheischen, nicht übersehen und überhört werden, im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen – das sind wohl die plattesten Gründe für inszenierte Skandale, die zudem jeglichen Anspruch an wahre Kunst in ihrer gesellschaftlichen Funktion verleugnen. Bei den Kollegen von rap.de und bildblog.de stand vor wenigen Wochen Lady »Bitch« Ray in der Diskussion, die mit ihren befremdlichen Wortkriegen, sexuell aufgeladenen Neologismen und der bloßen Aneinanderreihung von Pornohandlungen (»Hengzt Arzt Orgi«) die ironische Aufladung anvisiert, aber aufgrund der bodenlosen Platth eit leider um Meilen verfehlt. Harter Analverkehr zur Steigerung der Gesangsqualitäten, fragte ein Musikforum? Oder das neue sexuelle Selbstverständnis der Frauen, die Eva Hermans neues Werk wohl eher nicht gekauft haben? Was die ehemalige Radio Bremen-Moderatorin zu dieser billigen, durchsichtigen und vor allem nicht jugendfreien Fäkal-Kampagne zu Steigerung des eigenen Bekanntheitgradsgetrieben haben mag, ist eigentlich irrelevant. Aber es zeigt, dass der geplante Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen immer funktionieren wird und zudem bilderbuchhaft, wie man alle weiteren Dimensionen des künstlerischen Anspruchs umschifft. Über Reimführung, Beats und musikalisches Geschick braucht man nämlich an dieser Stelle erst gar nicht nachgedacht werden. Wahre Provokation zu üben, die nicht als übermäßig inszeniert gilt und trotzdem eindringlich, tiefgründig ist, findet weiterhin wohl nur in der Avantgardekunst statt.

Zur Insistierung des eigenen Images sind es vor allem HipHopper, die mit offensiven Worten agieren und die Härte der Straße in ihre Texte herüberretten wollen. Die Grenze zwischen Realness, tatsächlichem Straßenslang und der aufgesetzten Provokation ist dabei fließend. Auf political correctness wird nur zu gern gepfiffen. Die Macho-Phantasie des »Arschficksongs« des Berliner Aggro-Rappers Sido wurde allerdings von der Bundesprüfstelle für jugendgefärdende Medien trotz explizitem Inhalt nicht indiziert – lediglich das Video erhielt eine Fre igabe ab 16 Jahren. Ein Indiz dafür, dass die Überschreitung von Geschmacksgrenzen, die ja auch immer gesellschaftlich geprägt sind und gesellschaftlichem Wandel unterliegen, Einzug in den Alltag gehalten hat. Wenn selbst drastische Frauenverachtung bis hin zu latenten Vergewaltigungsphantasien in unserer Zeit als »normal« und »unbedenklich« von den Prüfstellen angesehen werden, sind Skandale dann nicht nur massenmediale Zeugen von ökonomischen Strukturen? In Wahrheit würden viele den Skandalen nämlich Diskussionsunwürdigkeit attestieren. Erst der erbost gehobene, immer eher konservative Zeigefinger von Zeitung, Radio und Fernsehen macht aus einer Banalität einen Skandal. Jedoch greif auch hier das bekannte Schwarz/Weiß-Schema nicht immer. Klar entpuppen sichdie meisten Skandale als unhaltbare Luftblase, aber gerade der Text von Sido und seiner Einschätzung durch die Bundesprüfstelle ist ein gutes Beispiel für einen möglichen kritischen Dialog, der durchaus seine Berechtigung hätte. 

Aber in der musikalischen Szene und besonders, wenn es sich um den Output großer Labels handelt, scheint der kalkulierte »Verbotenes-Wort«-Skandal, auf den die angeschlossenen Medien wieder werbewirksam hinweisen, weiterhin ein beliebtes Marketinginstrument zu sein. Und er wird es bleiben, so lange Industrie und Medien daraus Kapital schöpfen kö nnen. Das Label Epic versucht derzeit mit der Dänin Anna David erfolgreich zu sein. »Fick Dich« ist eine harmlose und eingedeutschte Beziehungsabrechnungshymne (das Original »Fuck Dig« war in Dänemark ein ausgesprochener Hit), die nur Schärfe durch die beiden auf dem Maxi-Cover zur Schau gestellten Worte gewinnt.  Aber Re
levanz?

Trotzdem scheint die natürlich-menschliche Faszination an »Verbotenem« ungebrochen – und sei es noch so offensichtlich. Vielleicht braucht unsere Kultur einfach »Skandale light«, vielleicht brauchen wir banale Streitthemen? Wie viel aber davon erträglich ist, muss wohl jeder für sich entscheiden. Lady »Bitch« Ray verzeichnet weiterhin auf ihrer Homepage Rekordklickzahlen für ihre dreckigen Dreiminüter und gibt sich weiter willig der eigenen Lächerlichkeit preis. Und Anna David klettert derweil die Airplaycharts-Treppchen Platz für Platz nach oben.

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