30. Oktober 2006
Von der Unkenntnis der »Deutschen Schallplattenkritik«
Dass der »Preis der Deutschen Schallplattenkritik« von Fachleuten (und Publikum) nicht ernst genommen wird, ist kein Geheimnis. Kein Wunder, denn die zur Abstimmung ausgewählten CDs erscheinen ebenso wie die Begründungen der Jury oft mehr als fragwürdig. Woran das liegt? Nun – man möge einfach mal einen Blick auf das Durchschnittsalter und die Qualifikationen der Jury werfen.
Es fällt auf, dass die dort vertretenen Juroren zum überwiegenden Teil den Zenith ihrer Karriere überschritten und oft den Anschluss an aktuelle Srömungen verpasst haben. Demzufolge wählen sie mit ihrem nicht sonderlich progressiven Musikgeschmack (aus Angst vor Fehlentscheidungen?) vor allem Mainstream-Themen aus, bzw. solche, bei denen man »nichts falsch machen« kann. Kleine Label werden nicht – oder erst ab einer bestimmten Größe – berücksichtigt. Gibt es im Jazz denn nur ECM und ACT als preiswürdige Label?

Freilich ist der oft gehörte Vorwurf, die Jury des »Preises der deutschen Schallplattenkritik« stünde bereits mit einem Bein im Grab, etwas böse. Doch: Frisches Blut in diesen Reihen wäre verdammt nötig, wenn sich diese Institution nicht weiter der allgemeinen Verspottung aussetzen will. Denn die Urteilsbegründungen der Juroren weisen erstaunlich wenig Musik-Sachverstand auf und klingen immer ein wenig so, als würde ein minder bemittelter Erwachsener einem Kleinkind etwas erklären wollen. Jüngstes Beispiel: der Begründungstext zur Preisverleihung an die CD »BOAHJENÁSTI – THE NORTH STAR« des Geir Lysne Listening Ensembles.
Dass das Ensemble »Listening Ensemble« heißt, hat ein wenig mit dem Namen des Bandleaders zu tun: Lysne wird wie das englische Listener ausgesprochen. Aber im Grunde ist der Name als Programm zu verstehen, als Aufforderung, sich auf die Klangwelt des norwegischen Bandleaders und Komponisten einzulassen und die Bilder, die sich unweigerlich beim Hören einstellen, zuzulassen. Zum dritten Mal gelingt es dem Ensemble, in dem die kreativsten Musiker Norwegens versammelt sind, seine unkonventionelle Synthese aus Archaischem und Experimentellen auf eine neue Ebene zu bringen. Hierbei spielt der aus Lappland stammende Johan Sara eine nicht unwesentliche Rolle. Er ist Spezialist jener samischen Gesangstechnik, die man Yoik nennt und die man irgendwo zwischen dem Jodeln, dem Obertongesang der Tuva und dem Scat des Jazz ansiedeln könnte. Er genießt es, seine Stimme nicht nur solistisch hören zu lassen, sondern setzt sie wie ein Instrument ein, das sich als zusätzliche Klangfarbe in virtuose Bläserpassagen schmiegt. Außergewöhnlich und virtuos auch der durch seine Musik auf Eisinstrumenten bekannte Terje Isungset, der mit seiner Maultrommel der Soloflöte von Tore Brunborg absolut Gleichwertiges entgegensetzen weiß. Wenn es also stimmt, dass Geir Lysne solche Klänge beim Kinderhüten erdacht hat, dann sollten mehr Männer in diesem kreativitätsfördernden Bereich tätig werden!
Ich erspare mir das Hinweisen auf Ungereimtheiten wie jene, dass der geografische Begriff »Lappland« seit langem als diffamierend betrachtet wird oder dass »Joik« sowohl im Deutschen wie im Samischen mit »J« geschrieben wird und nur im Englischen mit »Y«.
Mir geht es vielmehr darum, dass hier eine im Vergleich zum restlichen CD-Katalog von Geir Lysne eher schwache Aufnahme ausgewählt wurde, die in der Tat vor allem durch das Auftreten Johan Saras gewinnt. Doch warum gewährt man dann nicht Saras ohnehin viel besseren Solo-Aufnahmen einen Preis oder den spannenden »Ice-Recordings« des im Text ebenfalls lobend erwähnten Terje Isungset? Weil – man möge hier gern widersprechen – keiner der Jury-Mitglieder diese Aufnahmen kennt.
Muss man sich da als Musikjournalist nicht schämen, mit der Institution der »Deutschen Schallplattenkritik« auch nur in Verbindung gebracht zu werden?
P.S. Noch immer versuche ich mir vergeblich vorzustellen, wie sich eine »Klangfarbe in Bläserpassagen schmiegt« …


