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Foto nordische Landschaft

05. November 2006

… … And Then We Take Berlin: Tiger Lou und andere Neu-Hauptstädter

Kommen die goldenen Zeiten wieder? Als Ende der 70er strauchelnde Superstars wie David Bowie zeitweise in Berlin lebten und die  düstere Mauerstadt einer der coolsten Orte auf der Weltrockkarte war?

Berlin, damals noch von beiden deutschen Staaten hochsubventionierte Haupt- und Frontstadt, ist heute so pleite, dass die Löcher in dem Straßen abseits der Boulevards schon lange nicht mehr geflickt werden.  So pleite, dass die Grundschule meines Patenkindes Mitja so heruntergekommen aussieht, dass selbst der damalige Bundestagspräsident Thierse bei der Besichtigung vor Ort entsetzt genug war, um einige Euros für Verschönerungsarbeiten herauszurücken. So pleite, weil die einzige Hochburg der Industrialisierung nie den Anschluss an die ach so wunderbar funktionierende Dienstleistungsgesellschaft gefunden hat.

Was aber höchst lebendig ist, das ist die Off-Kulturszene.  Kein Wunder. Mieten und Lebenshaltungskosten sind deutlich billiger als in anderem Großstädten wie München oder Frankfurt. Ungenutzte ehemalige Industriegebäude finden sich abseits der hippen Szeneviertel noch massenweise. Und Neugier, Toleranz und Offenheit liegen den Berlinern  – wenn sie nicht gerade mit Maulen, Meckern oder Ruppigsein beschäftigt sind.

Die Freiräume der Hauptstadt haben immer ein großes Anziehungspotenzial für auswärtige Künstler gehabt. In letzter Zeit vor allem für die Skandinavier. Tiger Lou gönnt sich nach ausgiebiger Tourerei  eine kreative Pause in Berlin, teilt er in gewohnter Lakonie auf seiner Homepage mit.  Er schreibt neue Songs und denkt darüber nach, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen will. Vielleicht dem Friedenscorps beitreten? Und hat gerade gemeinsam mit seiner Fau Andrea aka Firefox ak ein Weihnachtslied für eine Compilation des schwedischen Labels Razzia Records aufgenommen. Hoffentlich wirkt sich der dauergraue Berliner Winter und der immer noch gegenwärtige Geruch von Kohleheizungen nicht negativ auf Rasmus´ Kreativität aus.

Zu den Neu-Berlinern aus dem Norden gehören auch die Dänen von Lily Electric. Die ihren neuen Proberaum ausgerechnet in dem Komplex gefunden haben, wo ehemals der DDR-Staatsrundfunk residierte.  Begeistert berichten sie in ihrem Blog von den »netten Berlinern« (sollte es die tatsächlich geben?) und den Deutschstunden bei Frau Günther. Zu den prominentesten Berlin-Fans aus Dänemark gehören übrigens Kashmir, die sich im Interview mit Nordische Musik als große Fans von Bowies Berliner Alben outeten.

Weitere skandinavische Berliner gefällig? Múm aus Island haben sich vom heruntergekommen Charme Berlins ebenso inspirieren lassen wie ihre Landsleute Kimono. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Der Tanz auf dem Vulkan kann angesichts dieser Anziehungskraft der deutschen Metropole weitergehen. Wir warten neugierig auf Tiger Lous Berliner Album.

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2 Kommentare

1. Markus Wiludda schrieb am 06. November 2006 um 01:26

Der neuen alten Faszination Berlins erliegen natürlich noch viel mehr international anerkannte Bands. Als aller erstes sei noch Erlend Øye von den Kings Of Convenience genannt. Und sonst? Mein urzes Brainstorming umfasst wohl keine vollständige Liste: Peaches … Liars … Five Deez … Jim Avignon (ist der nicht auch gebürtiger Schwede?) … Gonzalez … Hidden Cameras …

2. Peter Bickel schrieb am 06. November 2006 um 08:30

Und ich steuere aus dem Stehgreif bei: John Alexander Ericsson, Madrugada, Andreas Johnson, Ferenc Snétberger, Sanagi, Kalle Kalime, Kristiina Tuomi, …

Eine weitere Recherche würde sich noch mehr ans Tageslicht bringen. Ein schöner Beitrag.

Wobei ich als gebürtiger Münchner und jetziger Wahl-Großhansdorfer, der über zwanzig Jahre in Berlin lebte, mal behaupte, dass der abgefuckte Großstadt-Moloch seine einstige Faszination weitgehend verloren hat. Auch in den Künstlervierteln ist die Toleranz der Korruption gewichen – wie sonst ist es zu erklären, dass im Park hinter meiner Berliner Wohnung der Papst seine Botschaft bauen konnte, ohne das sonst übliche, mehrjährige Verfahren einer Baugenehmigung? Dass ein geschütztes Robinien-Wäldchen dem Kanzler-Garten weichen musste? Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden.

Die jetzige Berliner Künstlerszene zehrt noch von den Vorräten der Siebziger und Achtziger Jahren …

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