Home
Foto nordische Landschaft

23. November 2006

Schwulenhatz auf den Färöer Inseln

Als ich W., der so gerne von seinen Reisen auf die Färöer Inseln erzählt, neulich mal wieder traf, fragte der mich: »Hast du schon gehört, dass die Schwulen und Lesben alle von den Färöern abhauen?« Hatte ich noch nicht, konnte aber mit einer weiteren Information etwas anfangen: dass eine örtliche Rockband gegen die dort zunehmende Hetze gegen Homosexuelle vorgehen würde.

Das konnte nur 200 sein, die einzige und wahre Punkband der Inselgruppe; deren Markenzeichen ein ausgestreckter Mittelfinger ist. Ich mailte Niels, dem Sänger und Gitarristen der Band, und er mailte mir zurück:

»Hey Frank,
das große Problem ist, dass unser Parlament den Passus “sexuelle Orientierung” nicht in das Antidiskriminierungsgesetz aufgenommen hat, das dank der EU europaweit gilt und eben in allen anderen westlichen und erst recht den skandinavischen Ländern selbstverständlich ist. Mit in Gang gekommen ist das alles durch einen Priester, der letztes Weihnachten in seiner Ansprache und in einem Zeitungsartikel Homosexualität als unvereinbar mit der Schöpfung erklärt hat – und er hat viel Zustimmung bekommen. Derzeit kreist die Diskussion darum, ob die Bibel die alleinige Grundlage für politische Entscheidungen ist oder eher nicht. Das ist ziemlich crazy. Und ja, eine Band geht mir ihrem neuen Album namens »Graceland« dagegen vor und diese Band sind wir, natürlich.«

200

200 (eine einerseits ernste, aber auch ironische Anspielung, eben 200% für die Unabhängigkeit von Dänemark zu sein) haben diesen Priester zunächst angezeigt; auf ihrer neuen Platte »Graceland« finden sich eine Reihe von Protestsongs wie »Homophobia« und »Taliban«. Letzterer Titel erklärt sich so: Von den eher liberalen Insulanern, wie sie hauptsächlich in Torshavn leben, werden die anderen Gebiete, aber hauptsächlich die Nordinseln gern als »Afghanistan« und die dortigen Bewohner als »Taliban« verspottet. Tatsächlich findet sich hier zuweilen eine seltsame Melange aus Hinterwäldlern, evangelikalen Hardlinern und Anhängern der Anti-Alkoholliga.

Zwar mögen Meldungen, Homosexuelle würden jetzt die Inseln verlassen, übertrieben sein; Fakt aber ist, dass es zu einem ersten Übergriff gegen einen jungen Schwulen gekommen ist und überhaupt die Stimmung gegen über Schwulen und Lesben zuweilen offen aggressiv ist. Auch drängen verstärkt christliche Fundamentalisten in die Öffentlichkeit, fordern ein allgemeines Arbeitsverbot am für sie heiligen Sonntag und rufen die Schulen dazu auf, nicht länger die Abstammungslehre nach Darwin zu vertreten.

Die Klage von 200 gegen den Priester Mogens Tilsted Christensen aus Hvalvík (das ist im Norden von Streymoy) als dem Sprachrohr der homophoben Insulaner ist mittlerweile abgewiesen worden. Mit folgender, geradezu logischer Begründung: Da auf den Färöern Schwule und Lesben nicht gegen Diskriminierung geschützt seien, könne man nicht gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben vorgehen.

200 rufen nun dazu auf, mit Unterschriften gegen diesen Zustand zu protestieren. Eintragen kann man sich auf der Homepage von http://www.act-against-homophobia.underskrifter.dk/index.php.

Für heftige Kritik unter den skandinavischen Politikern und Politikerinnen sorgt weiterhin die Weigerung des färöischen Parlaments, schwulen und lesbischen Paaren den Eintrag als Lebensgemeinschaft zu ermöglichen. Zur Erinnerung: Das »Mutterland« Dänemark war weltweit das erste Land, das den Status der eheähnlichen Gemeinschaft gesetzlich garantierte.

Die letzten 5 Beiträge von Frank Keil

Noch keine Kommentare!

Schreibe einen Kommentar

Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*
Bitte gib das Sicherheitswort auf dem Bild ein.
Anti-spam image