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Foto nordische Landschaft

08. Dezember 2006

Und jetzt etwas ganz anderes: Literatur (Teil 1)

Ich lag auf dem Weg, lange schon. Lag mitten auf der nassen Straße, das Gesicht auf dem Asphalt gedrückt, es regnete, es war Nacht. Im Umkreis von Kilometern kein einziger Baum, nur Bergrücken und steile Berge, bedeckt von kurzem, grünem, in der Dunkelheit fast grauem Gras, das im Wind vibrierte. Ich hatte Hunger, konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt etwas gegessen hatte, aber es musste fast einen Tag her sein. Wir waren an Land gegangen, waren in Tórshavn angekommen, ich konnte mich aber nicht erinnern, was wir dann getan hatten, alles lag in einem diffusen Brei, irgendwo weit hinten in meinem Gehirn. Mir war übel, mein Kopf tat weh, als ich mich aufsetzte, immer noch mitten auf der Straße. Die linke Hand pochte vor Schmerz, schmutzige Finger, blutige Knöchel, keine Erklärung.«

Mattias. Ein junger Mann. Aus Stavanger. Sein Idol: Buzz Aldrin. Astronaut, NASA, erste Mond-Mission; der Mann hinter Armstrong. Auch Mattias will nicht nach vorne, will nie den ersten Schritt machen. Zweite Reihe, unauffällig sein, reicht. Eben hatte er noch einen Job, als Gärtner. Eben hatte er noch eine Freundin, Helle, seine Jugendliebe. Vorbei, vorbei.

Doch nun ist er plötzlich auf den Färöer Inseln gelandet. Und dort in dem Kaff Gjógv untergekommen, äußerster Rand. Zusammen mit anderen jungen Leuten, die gleichfalls nicht recht wissen, was das Leben für sie bereithält, möglicherweise. Plus Havstein, der Psychiater. Und eine lange Zeit der Rekonvaleszenz, der Krisen, der Heilung auch beginnt, während der färöische Regen jeden Tag seinen Job erledigt.

Es gibt auch ein paar Popavancen in diesem wunderbaren Roman des Norwegers Johan Harstad: Eine Band aus Stavanger, die nach Tórshavn reist; eine Heldin, der es reicht, alle CDs von The Cardigans zu haben, die nur The Cardigans hört, nichts anderes, so dass am Ende des Buches so gut wie alle The Cardigans-Titel (»First band on the moon«) einmal erwähnt wurden. Und es gibt Abende im Cafe Natúr im Hafen von Tórshavn, wo im Sommer jeden Abend jemand spielt, jedenfalls meistens.

Aber das ist es nicht, was entscheidend ist: Es ist der Sound der Sprache; der Klang, der so mit leichter Hand ineinander geflochtenen Sätze, der fasziniert und einen gefangen nimmt und durch die Seiten treibt. So einfach und so präzise und auch so beharrlich ist in letzter Zeit selten erzählt und geschrieben worden. Also: Losrennen, das Buch besorgen. Oder es sich schenken lassen. Is’ ja bald Weihnachten.

Johan Harstad
Buzz Aldrin – wo warst du in am dem Durcheinander
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Piper Verlag, München, 2006
605 Seiten, 22,90 €

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