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Foto nordische Landschaft

08. Januar 2007

Neue Botschafter – Skandinavische Bands mit Staatsknete im Ausland

Der Kritiker von der New York Times wundert sich sehr. Da schickt das dänische Ministerium für Kulturelle Angelegenheiten die Rockband Figurines auf den CMJ Music Marathon nach New York – und unterstützt seine musikalischen Botschafter mit 18.000 Dollar auf ihrer Promo-Tour durch die Neue Welt.  Der Amerikaner schüttelt verwundert den Kopf. Keine US-Verwaltung würde auf die abstruse Idee verfallen, Garagenbands aus Boston oder Austin auf ihren Reisen ins Alte Europa zu unterstützen. Auch eine Form von kulturellen transatlantischen Missverständnissen.

Music Export Denmark sieht die Sache naturgemäß etwas anders. Ähnlich wie die Kollegen in Norwegen, Schweden und Finnland. Die Skandinavier haben Musik als interessantes Exportgut erkannt und fördern ihre musikalischen Flaggenträger mit einigen Euros und noch ein paar Cents. Es handelt sich dabei nicht um die Riesensummen, die so manche Plattenfirma in das Bewerben ihrer Umsatzträger steckt. Aber der Staat bietet seinen musizierenden Landeskindern eine Möglichkeit, sich vor einem internationalen Publikum zu präsentieren.

Meist geschieht dies zu den wichtigsten Musikmessen wie der in wenigen Tagen startenden Eurosonic in Groningen. Nur ein kleiner Auszug:  Finnland sendet Lapko, Rubik, Islaja und Bloodpit auf die holländischen Bühnen. Norwegen versucht sein Glück mit 120 Days (unsere CD des Monats Dezember 2006!), The Cheaters und Stonegard. Dänemark hat mit seinen Indie-Lieblingen Broken Beats und den außerhalb Hamlet-Lands weitgehend unbekannten Oh No Ono, Duné und The Psyke Project gleich vier Bands am Start. Von den Schweden ganz zu schweigen: Hello Saferide, Anna Ternheim, The Je Ne Sais Quoi, Johnossi … Wer in Grenznähe zu unseren liebsten Fussballfeinden lebt: Rüberfahren! So viel geballte skandinavische Präsenz auf einem Fleck ist in den nächste Monaten hierzulande nicht in Sicht.

Bleibt die Frage des Skeptikers von der New York Times: Lohnt sich der Aufwand? Sind internationale Superstars mit Hilfe von Staatsknete aufgebaut worden? Lässt sich der Erfolg von Auftritten auf wichtigen Branchen-Treffs ganz exakt in Tantiemen umrechnen? Ein weites Feld, würde der alte Briest sagen. Sicher, es gibt kleine Erfolge:  So haben etwa die finnischen Kitschpopper The Crash im vergangenen Jahr nach ihrem Auftritt auf der französischen Musikmesse MIDEM in Cannes einen Publishing-Vertrag mit der deutschen EMI ergattert, meldet Music Export Finland stolz Vollzug. Finnland stand im letzten Jahr im musikalischen Fokus dsr weltgrößten Branchenmeetings. Dass das skandinavische Land inzwischen auf Augenhöht mit Großbritannien oder dem aufregend-exotischen Island genannt wird: Davon ist allerdings bislang nichts zu spüren.

Auch die Figurines bringen ihr aktuelles Album »SKELETON« demnächst in den USA und in Kanada heraus. Grund zum Optimismus oder nur ein Strohfeuer? Von den dutzenden Bands, die an diesem Wochenende in Groningen spielen, werden nur sehr wenige internationale Beachtung finden. Und ohne die finanzielle Unterstützung ihrer Kulturfonds hätten es einige unter ihnen mit Sicherheit nicht vor ein breiteres Publikum geschafft. Auch wenn es nur für ein paar Stunden ist.