Finnland, fröhlich
Kürzlich in der Straßenbahn. Eine junge Frau fragt nach dem Weg zur Uni. Den erkläre ich ihr freundlich. Sie bedankt sich herzlich und plaudert noch ein bisschen, deutet auf meine Umhängetasche mit dem charakteristischen Blumendesign.
»Coole Tasche, gefällt mir! Wo gibts die denn zu kaufen?«
Ich, erfreut. »Oh, das ist eine Marimekko-Tasche aus Finnland!«
Hinter ihrer Stirn laufen sichtbar die Assoziationsketten ab und dann bricht es aus ihr heraus:
»Finnland! Ach ja! Dunkel, kalt, Winter, besoffene Leute, Kaurismäki!«
Sie war noch nie in Finnland, wie sich auf Nachfrage herausstellt.
Bingo!
Die finnische Tourismusbehörde zieht mit Sicherheit in jedem Jahr, in dem ein neuer Kaurismäki herauskommt, seufzend zehn Prozent vom Umsatz ab. Herr Kaurismäki ist ein großer Künstler, aber er hat Stereotypen von den stets schweigenden Finnen und der urbanen winterlichen Unwirtlichkeit der finnischen Hauptstadt im kollektiven Unbewussten des weltweiten Kinopublikums zementiert.
Keiner bringt es fertig, Helsinki so depremierend aussehen zu lassen wie Kaurismäki. »Muss es denn immer alles so hässlich sein bei ihm?«, fragt selbst meine sonst so moderate Finnischlehrerin Liisa erzürnt.
Das heitere, lebenslustige, farbenflirrende, sommerliche Helsinki – bei Kaurismäki nicht vorhanden. Ebenso wenig wie das erwartungsvoll hüpfende, frühlingshafte Helsinki oder das wuselige, in satte Farben getauchte herbstliche Helsinki. Sicher: Auch die finnische Hauptstadt hat hässliche Ecken wie jede andere Metropole auch. Gebongt. Aber die Mär von den ewig pessimistisch vor sich hinstarrenden Landeskindern können wir doch ein wenig entmystifizieren: Mit fröhlicher finnischer Popmusik, zum Beispiel!
Eine kleine Auswahl für ein Anti-Kaurismäki-Mixtape:
• Paakon von Samae Koskinen
• Houston, Changing Manual von Since November
• Genius On The Run von Laurila
• Draw In The Reins von Cats on Fire
• White Noise von Sister Flo
• Vanha Auto von Maria Gasolina
• Valerie von The Tunes
• Tired Of All The Lovers von Ultrasport
• Boy In A Glass Box von The Rollstons
• Go! von Daisy
• 20 Fingers 20 Toes von Goodnight Monsters
• Wear Out The Soles von Brightboy
• Candy Candy von I Was A Teenage Satan Worshipper
• Big Ass Love von The Crash
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2 Kommentare
1. Frank Keil schrieb am 19. Januar 2007 um 11:20
Na, na, na – ein Anti-Kaurismäki-Mixtape, da muss der Fan (ich!) gleich wiedersprechen und den (jawohl!:) Meister in Schutz nehmen …
Aber im Ernst: Das Problem liegt daran, dass die Leute (etwa die von der Tourismusbehörde) nie begreifen, dass es sich bei (zum Beispiel) Kaurismäki-Filmen um Kunst handelt, auch altmodisch »Spielfilm« genannt.
Es geht somit nicht um die 1:1 Wiedergabe von »Wirklichkeit« (was immer das ist), sondern um deren (in diesem Fall) filmerischer Bearbeitung.
Dabei ist – wer genau hinsieht, merkt das sogleich – gerade Kaurismäki ein Vertreter der poetischen Abstraktion. Sein letzter Film (»Lichter der Vorstadt«) etwa strotz beispielsweise vor Anspielungen an das expressionistische Theater der 20er Jahre und an den Stummfilm (der Stummfilm ist überhaupt ein Schlüssel für viele seiner Filme wie auch »Das Mädchen aus der Streichholzfabrik«.
Von daher ist jeder und jede verloren, wenn er oder sie nun losgeht und sein »Film-Helsinki« in Helsinki sucht und folglich nicht findet; so wenig wie irgendwo Kati Outinnen im Supermarkt an der Kasse sitzt.
Ich erlebe diesen Vorgang der Verwechslung oft im Alltag, wenn sich Leute beklagen, dass St. Pauli und die Reeperbahn ganz anders ist, als sie immer im Fernsehen sehen.
Oder wenn sie sagen: »Du bist Hamburger? … Das hört man gar nicht! …
Du sprichst gar nicht wie diese Heidi Kabel …«.
2. Eva-Maria Vochazer schrieb am 19. Januar 2007 um 11:43
Um Missverständnisse auszuräumen, Frank: Unwidersprochen ist Herr K. ein großer Meister. Er macht ganz wunderbare Filme und ist nebenbei auch noch ein talentierter Schauspieler, wie er letztens grandios in einer Nebenrolle im sehr skurillen Rollstuhlfahrer-Roadmovie »Aaltra« bewies.
Der Mensch liebt Stereotypen. Das ist dumm. Dummheit ist leider keine der sieben Todsünden. Sollte unbedingt mit aufgenommen werden, Herr Papst. Gegen Dummheit helfen Provokation und Ironie. Manchmal.:)