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Foto nordische Landschaft

23. Januar 2007

Grindwaljagd auf den Färöer Inseln – Zwischen Barbarei und Tradition

 »Raske drenge, grind at dræbe det er vor lyst« (»Flinke Jungen, Grind zu töten das ist unsere Lust«) – so lauten Worte der bekanntesten Grindwal-Weise der Färinger. Gesungen wird sie, wenn Grindaboð ausgelöst ist, der Grindalarm. Schnell werden Boote zu Wasser gelassen, um die gesichtete Walschule mit möglichst vielen Motorbooten einzukreisen und in eine flachanlandende Bucht zu treiben, wo sie getötet werden. Da die Säuger ohne ihre Leittiere als soziale Gruppe nicht existieren können, werden ausnahmslos alle Tiere, auch säugende Mütter und Jungtiere geschlachtet. Noch heute hat die Grindwaljagd auf den Färöer Inseln Priorität im Alltag seiner Bewohner. Selbst Gottesdienste sollen schon unterbrochen worden sein, als eine Sichtung von Walschulen ausgerufen wurde.

Was für Außenstehende barbarisch anmuten mag, unterliegt einer sich fortentwickelnden kulturellen Tradition und markiert den Alltag auf den abgelegenen Inseln. Ehemals als Hauptnahrungsquelle genutzt, ist die heutige Waljagd allerdings keine zwingende Notwendigkeit zur Lebenserhaltung mehr. Als Fischernation ist der symbolische Charakter und das soziale Motiv jedoch weiterhin in der eigenen Wahrnehmung wichtig. Der Fang wird unter den Einwohnern aufgeteilt – auch diejenigen, die nicht am » Grindadráp« (so der Fachausdruck) teilgenommen haben, bekommen ihren Anteil. Das stärkt Zusammenhalt und stiftet kulturelle Identität.

Zunehmend werden aber auch kritische Stimmen auf den Färöern laut, die um das internationale Ansehen fürchten – angesichts der Fotos sicherlich eine allzu verständliche Reaktion. Dennoch ist das traditionsbehaftete Denken nicht nur unter den alten Färingern weit verbreitet – auch die jüngeren neh men davon keinen Abstand. Tote Wale haben für sie nicht den expliziten Schockeffekt, der es der deutschen Wahrnehmung sicherlich erschwert, beim Anblick von sich rot färbenden Meeresabschnitten, aufgeschlitzten Walföten und sich verzweifelt wehrenden Grindwalen Objektivität zu wahren. Die Färinger blenden den emotionalen Part aus. Für sie ist es eine natürliche Art der Fleischgewinnung, die in anderen Gesellschaften hinter den Türen von Schlachthöfen abseits der tagtäglichen Wahrnehmung in noch stärkerem Maße stattfindet. Ein Fakt, der aus deutscher Sicht nicht zu leugnen ist. Zudem sei diese Jagd nicht durch moderne Fangflotten industrialisiert. Tierschützer hingegen argumentieren mit der guten Versorgungslage der Färöer durch andere Fisch- und Fleischprodukte (die vor allem nicht derart Schwermetall belastet sind als die Meeressäuger) und die schonungslosen undhochtechnisierten Jagden mit »Frühwarnsystemen« von Flugzeugen aus, die den Grindwalen keine Chance des Entkommens lassen.

 Lückenlos sind jedenfalls die geführten Statistiken über die Grindwaljagd seit 1709. Bis einschließlich 2005 wurden 1850 Walschulen zusammengetrieben. 255.467 Tiere fanden den Tod. Nicht mitgezählt sind andere Walarten wie Weißseitendelphine, von denen alleine 2006 beim »Grindadráp« am 26. August in Hvalba 250 Tiere getötet wurden. Die Färöische Regierung legt wert auf die »humanen« Tötungsmethoden, die gesetzlich verankert wurden. Wurden bis 1993 die lebenden Grindwale bisweilen noch mit einem Spitzhaken, der ihnen durch das Blasloch in den Leib gerammt wurde, an Land gezogen. So ersetzt dies heute ein abgerundeter Haken, der die Leidenzeit verringern soll. Mit einem scharfen Messer werden dann schnell und fast schmerzfrei Rückenmark und Halsschlagader zertrennt. Selbst über die Schlachtungsmethoden gibt es akkurat geführte Statistiken: Durchschnittlich stirbt heutzutage ein Wal inzwischen binnen 30 Sekunden. Doppelt so schnell wie noch vor fünfzehn Jahren. Der große »Grindadráp« am 07. August 2006 in Gøta dauerte gerade einmal zwanzig schreckliche Minuten. 131 tote Grindwale notierte der Aufseher der Kommune auf seinem Zettel.

Die letzten 5 Beiträge von Markus Wiludda

6 Kommentare

1. Frank Keil schrieb am 23. Januar 2007 um 17:30

Schöner Artikel, der klar macht, wie unterschiedlich man den Grindwalfang sehen kann.
Ein kleiner Nachtrag: Mittlerweile vergeht den Fähringern der Appetit am Grindwal langsam. Die Tiere sind nämlich durch die in der Nordsee schwappenden Umweltgifte enorm belastet. Das sind einerseits große Mengen polychlorierter Biphenyle (die PCBs), aber auch Quecksilber und verschiedene Dioxine, die die Tiere in ihrer Speckschicht einlagern, wo es dann entsprechend lange bleibt – im Gegensatz zu Tieren, die ihr Fell- oder Federkleid regelmäßig wechseln.
So weit ich weiß, rät das Gesundheitsministerium vom Verzehr der Innereien wie Nieren und Leber ab. Auch sollen besonders Kinder nur noch einmal im Monat Grindwal essen.
Das hat seinen guten Grund: Eine Untersuchung im vergangenen Jahr legt den Verdacht nahe, dass fähringische Kinder aufgrund der hohen Belastung durch die PCBs nach Schutzimpfungen gegen Tetanus und Diphterie nicht genügend Antikörper bilden können und so weniger impfgeschützt sind.

2. Frank Keil schrieb am 02. April 2007 um 14:22

»Niemand spricht bei uns über den Grindwalfang. Du hörst nichts darüber im Radio, siehst nichts im Fernsehen, liest nichts in der Zeitung. Kein Restaurant führt Wal offiziell auf seiner Karte. Dabei ist der Grindwal nicht bedroht, im Gegensatz zu den Großwalen, und wir fangen pro Jahr in unseren Gewässern nur ein bis zwei Prozent des Bestandes weg. Außerdem ist es doch kein Unterschied, ob ich nun einen Wal töte, um sein Fleisch zu essen, oder ein Schwein oder eine Kuh. Ich war beides, war Zuschauer, aber ich habe auch selbst Wale geschlachtet. Das ist nicht wild romantisch, das ist einfach sehr dramatisch. Der erste Wal wird getötet und das Meer färbt sich augenblicklich rot. Und deswegen sagen wir: Frauen und Priester sollten bei der Waljagd nicht zusehen.«
Der färöische Schriftsteller Jógvan Isaksen neulich mit mir im Gespräch.

3. Jacqueline Bienstock schrieb am 24. Februar 2008 um 03:14

Das ist schrecklich … Welche Art von Job ist das? Einige Traditionen sind weit davon entfernt, einen Beitrag für die Gesellschaft.

4. Schlachtefest — was bleibt, ist die Erschütterung | geBILDet schrieb am 26. April 2009 um 11:45

[...] auch weitere Links zum Thema angeboten. Der letzte Link in der Liste funktioniert so nicht, aber hier kommt man zum Artikel “Grindwaljagd auf den Färöer Inseln – Zwischen Barbarei u… auf Polarblog.de. Und: Möglicherweise bestimmt bringt es nicht allzu viel, wenn man eine [...]

5. Sandra Kaiser schrieb am 19. Juli 2010 um 12:35

Tradition? Wohl eher die Lust am Töten, Quälen, Blutsehen!
Ich schäme mich ein Mensch zu sein! Wozu sind Menschen fähig? In der heutigen Zeit ein absolut unnötiges Massaker, um`s Sattwerden geht´s hier doch wohl schon lange nicht mehr!

6. Katharina schrieb am 19. April 2012 um 12:53

Sandra Kaiser, hast du wohl noch nie Fleisch oder Fisch gegessen? Meinst du die Tiere werden da nicht aufgeschlitzt und zerstückelt? Es geht in unseren Breiten genauso grausam zu, wie dort auf den Faröer Inseln. Nur es sieht keiner, alles was wir sehen ist das abgepackte Steak im Supermarkt. Auch Bioschweine werden aufgeschlitzt, so ist das eben.
Wenn man wirklich etwas gegen Tier-Massaker hat, sollte man überhaupt keine Tiere mehr essen.

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