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Foto nordische Landschaft

10. Februar 2007

Wolfkin, Schweini oder Teitur?

Das hat man nun davon, wenn man seine Freunde zu Konzerten von Skandinaviern mitnimmt, um ihnen zu zeigen, was richtig gute Musik ist. Sie wollen unbedingt wieder hin!  Dabei war der Abend doch so schön durchgeplant: Erst Fussball-Länderspiel, (naja, zumindest die erste Halbzeit!), dann ab nach Frankfurt, um die vom Kollegen Frank so warm empfohlenen Wolfkin zu hören.

Doch dann kommt diese Mail. »Fahren wir heute abend nach Heidelberg zum Teitur-Konzert?«, fragt die Konzertgeh-Freundin dringlich an. Der junge Musiker von den Faröern habe ihr doch vor einigen Monaten so gut gefallen. Und die Platte »STAY UNDER THE STARS« erst, die hat sie sich nach dem Gig vom freundlichen Teitur selbst signieren lassen.

»Freundin«, seufze ich tief. »Es ist doch Länderspiel heute abend! Das heißt sozusagen Schweini, und ich bin bekennender Schweini-Fan, auch wenn er einen schlechten Tag hat. Und Kuranyi spielt wieder!«

»Ach, die spielen auch ein andermal! Lass uns mal spontan sein!«

»Na gut!«, stimme ich ganz leise grummelnd zu.  Durch Schneeregen kämpfen wir uns über rutschige Autobahnen zum wirklich wunderbaren Karlstorbahnhof, einem der angenehmesten Clubs in der Kategorie »überschaubarer mittelgroßer Veranstaltungsort«. Und die Laune wird schlagartig besser. Genug gejammert, denn dies wird eines der Konzerte, die noch den ganzen folgenden Tag eine intensive Wärme im Herzen hinterlassen. Von denen man mit glänzenden Augen erzählt.

Die erste Überrschung ist das sehr junge Publikum. Hatten wir doch gedacht, dass der intellektuell anspruchsvolleTeitur eine Fangemeinde aus der Kategorie »30plus« anziehen wüde. Nichts da! In den ersten Reihen tummeln sich die Girlies in den knappen, pastellfarbenen Shirts. Und die können fast alle Lieder auswendig mitsingen.

Ob es am schlunzig-ungelenken Charme liegt, mit dem sich Teitur auf der Bühne bewegt? Am seinem allerliebst färöisch eingefärbten Englisch? Oder ganz einfach an seinen Qualitäten als Songwriter und seiner unbestreitbaren Bühnenpräsenz? Ach, dieses Rätsel wollen wir jetzt nicht lösen. Sondern uns einfach darüber freuen, dass Teitur zu der angenehmen Kategorie Künstler gehört, die nicht Monat für Monat das gleiche Programm abspulen, sondern in ihrem Repertoire neue Akzente setzen und Songs neu arrangieren und interpretieren. Begleitet von zwei zurückhaltenden Begleitmusikern an Bass und Schlagzeug, die eine Plattform bauen, von der aus Teitur abheben kann.

Eine Jukebox der besonderen Art kündigt der immer leicht zerknautscht wirkende Musiker für den Abend an: Das gesamte aktuelle Album will er in der korrekten Reihenfolge herunterspielen. Vom verträumten Liebeslied »Don´t Want You To Wake Up« bis zu »All My Mistakes«, einer kleinen Hymne für alle, die glauben, dass Fehler manchmal das Beste im Leben sind.

 Das Heidelberger Publikum hat Teitur spätestens nach dem dritten Song auf seiner Seite. Er wechselt zwischen Klavier und Gitarre, guckt verschmitzt von unten wie Lady Diana, radebrecht auf deutsch und vergleicht das Heidelberger Schloss mit den tausenden von Schlössern, die auf den Faröern herumstehen. Und singt sich derweil die Seele aus dem Leib. Das tut er so intensiv, dass es akute Herzschmerzen verursacht. Und außerdem lernen wir, warum »Eleanor Rigby« Teitur inspiriert. »All The Lonely People, Where Do They All Come From?«: Teitur will diese Frage beantworten. Und nimmt in seinen Songs etwa die Perspektive von dem komischen Typen ein, der das Karussel auf dem Rummelplatz betreut. Das ist sehr klassisch und trotzdem überraschend.

Ganz zum Schluss kommt er zur zweiten Zugabe alleine mit der Akustik-Gitarre auf die Bühne und spielt die zwei schönsten Songs vom ersten Album »POETRY AND AEROPLANES«. »Josephine«, eine Liebeserklärung an eine Kindheitsfreundin. Und »I Was Just Thinking«, der ultimative Schwanengesang auf  bröckelnde Fernbeziehungen. Das ist so schön, das man fast das Atmen vergisst und das entfernte Gläserklingen von der Bar draußen als unerhörte Störung empfindet.

Wir sollten unbedingt mehr auf unsere Freunde hören! Ääähm, und wer war nochmal Schweini?