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Foto nordische Landschaft

16. April 2007

120 Days und zehn tanzende Kölner

Das Leben wäre langweilig und grau, würde man sich nicht hin und wieder bewusst dafür entscheiden, etwas völlig Unvernünftiges zu tun. Wie zum Beispiel am frühen Sonntag abend 200 Kilometer nach Köln zu fahren, wohl wissend, dass es am gleichen Abend noch zurückgeht und Montag früh der Wecker unbarmherzig die neue Lohnarbeitswoche einläutet.

120 Days aus Norwegen haben für mich mit ihrem gleichnamigen Album eines der besten Debüts des Jahres 2006 vorgelegt und landeten auf meinen Jahres-Charts ganz vorne. Die Synthierocker mit Krautrock-Wurzeln sind jetzt zum ersten Mal in Deutschland unterwegs – mit genau drei Konzerten. Der geografisch nächstgelegene Veranstaltungsort lag leider in Köln. »Die muss ich einfach sehen«, sagte die eigensinnige Stimme der Unvernunft. »Du bist völlig gaga«, gab sich die Vernunft geradezu herablassend erwachsen. »Ist mir doch egal«, sagte die Unvernunft anarchisch, grinste von einem Ohr zum anderen und streckte der Vernunft die Zunge heraus.

Allein schon der grandiose Sonnenuntergang über dem Rhein, mit der Silhouette des Kölner Doms im Hintergrund und einem famos lichterblinkenden Riesenrad am Ufer im Vordergrund war schon die halbe Reise wert. Und mitten in das quirlige Leben in der Kölner Südstadt einzutauchen und noch ein Eis zu essen – wunderbar. Es gab dann nur einen kleine Überraschung: Die Kölner Konzertgänger interessierten sich überhaupt nicht für die norwegischen Postrocker.  Gerade mal 15 Besucher tauchten im Prime Club auf. Und von denen hatten gerade mal zehn Konzertgänger Lust zu tanzen. Ob dieser sehr bescheidene Zuspruch in kausalem Zusammenhang mit der katastrophalen Niederlage stand, die der 1. FC Köln just an diesem Sonntag durch die fantastischen Kicker meiner Heimatstadt Freiburg erlitten hatte, war nicht zu ergründen.

Interessante Situation. An diesem Abend gab es somit zwei große Fragen zu beantworten.  Erstens: Funktioniert die stark synthie- und elektroniklastige Musik von 120 Days auch live? Und zweitens: Wie reagiert die junge Band, die in ihrer Heimat zu den großen Namen gehört und eben von einer ausgedehnten Tournee durch die USA zurrückkommt, auf 15 zahlende Besucher bei ihrem historisch ersten Konzert in Deutschland? Arrogant und lustlos oder souverän und spielfreudig?

Große Überraschung, große Freude: Es funktioniert! Obwohl die Musiker zu Beginn des Konzerts fast hinter ihren Synthies verschwinden, entsteht bei den ausufernden, treibenden, raffiniert aufgebauten Songs rasch eine Sogwirkung. Sänger Adne Meisfjord taucht bald hinter den Synthieburgen auf. Schreit, als hinge sein Leben davon ab und fordert die 15 Kölner energisch zum Näherkommen auf. Zehn folgten der Aufforderung. Der Club ist leer und die Akustik ist nicht vom Feinsten aber, egal! Tanzen ist hier kein Wunsch, sondern ein Muss. 120 Days nehmen die 15 mit auf eine Reise in die dunkleren Landschaften des Postrock und heben gemeinsam mit ihnen ab. Den Pfad der konventionellen Rockmusik verlassen sie an keiner Stelle, aber dass Synthies so erdig-schweißtreibend sind, war vorher nicht zu erahnen. Ganz schnell wird klar, dass Basser Jonas Dahl hier eine Schlüsselrolle spielt und ein cooles Grundgerüst legt. Drum-Maschinenmeister Arne Kvalnik mischt ganz vorne mit und tänzelt grinsend um seine Regler. Ab und zu trommelt er auch mal.

Musikalische Einflüsse blitzen auf wie die Stroposkop-Lichter. Kraftwerk meets Donna Summer meets New Order meets Neu! Das ist aufregend und bräuchte einen kathedralengroßen Saal mit ebensolcher Akkustik, um sich in seiner ganzen Majestät zu entfalten. Aber eine ziemlich gute Ahnung bekommt man auch so.  Der Sänger gefällt sich zwischendurch in coolen Posen, aber dosiert ist das bei der Stimme erlaubt.

Was für die Band spricht: Sie spielen ein volles Set vor leerem Haus. Adne mischt sich zwischendurch unters Publikum und tanzt mit. Und als Zugabe gibt es ein ausgedehntes Spacemen-3-Cover und danach sind alle völlig durchgeschwitzt und strahlen. 120 Days und 15 Kölner.

In einem so kleinen Rahmen ergibt sich die Kommunikation zwischen Musikern und Publikum ganz von selbst. Die Band steht kurz nach dem Konzert vollzählig am Merch-Stand, tauscht sich mit den Leuten aus, plaudert entstpannt und sammelt dicke Sympathiepunkte. Sänger Adne sieht so lächerlich jung aus, dass man ihn am liebsten mit einer Tasse Kräutertee zum Einschlafen ins Kinderbett stecken würde. Schlagzeuger Arne erweist sich als ausgesprochen freundlicher und offener Mensch, der lächelnd erklärt, warum 120 Days an diesem Abend mein Lieblingsstück »C-Musik« nicht gespielt haben. »Wir hatten das richtige Equipment dafür nicht dabei!« Und dass 120 Days wahrscheinlich im Sommer bei Rock am Ring spielen werden. »Und dann spielen wir auch C-Musik. Nur für Dich!«