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Foto nordische Landschaft

26. April 2007

Softic in meiner Stadt

Vermutlich bin ich ein netter Mensch, deshalb darf das Kind morgens auf der Fahrt zur Schule im Auto N-Joy-Radio hören. Dies ist ein so genannter Jugendsender, bei dem grauenhaft gutgelaunte Moderatorendoubles öffentlich grauenhaft gutgelaunte Popsongs abspulen, sie mit grauenhaft gutgelaunten Witzen vorher und nachher garnieren und zehn Minuten reichen schon und dem halbwegs akustisch gebildetem Zeitgenossen dringt die Popseife in alle Körperöffnungen und der Tag ist augenblicklich versaut.

 Zum Glück gibt es in meiner Stadt den in der Blinzelbar beheimateten „H7-Club für improvisierte Musik“, wesentlich getragen von dem wirklichen Musiker Heiner Metzger, der diesmal das Quartett Softíc zu Gast hatte. Vier agile Burschen aus Kopenhagen, als da wären der Ex-Luxemburger Marc Lohr am Schlagzeug, Claus Hojensgard an der Trompete und der elektrisch verzerrten Gitarre sowie Anders Hjort Straarup an allerlei elektrisch angeschlossenen Tasteninstrumenten plus Kevin Christensen am Laptop und am Bildmischer. Entsprechend ging die Reise in die Tiefen des Impro-Jazz, mit deutlichen Anleihen beim Ambient-Sound, die immer aber dann, wenn die Loops zu gefällig werden drohten, durch allerlei Antiharmonischem abgelöst wurden. Eindrücklich waren besonders jene Passagen, in denen sich plötzlich handgemachter und geradezu traditioneller Jazz und zuweilen auch Rock kurzzeitig seinen Platz eroberte, bis sie sich unter dem Ansturm von ungestümen und asynchronen Klangfolgen wieder von dannen schlichen.

Wichtig für das Spiel der Band und für den Hörer beeindruckend, ist zugleich die visuelle Umsetzung und Kommentierung des Gehörten beziehungsweise die sogleich folgenden musikalischen Reaktionen auf das zuvor Gesehene. Damit mischten sich beständig auflösende und sich zitierende Farbflächen und grafische Muster auf der Leinwand und diesmal auf einem zur Straße hin führenden Fenster und es blieb eben nicht bei dem üblichen Video-Geblubber und Geflirre, das so manche Band im Schminkkoffer führt. Somit geht es bei Softic entschieden mehr um im ganz wörtlichen Sinne bildende Kunst und nicht um nachträgliche und bald standardisierte Bebilderung ihrer Stücke.

Und also wurde es ein intensives, nachhörenswertes und sehenswertes und dabei auch nicht unanstrengendes Konzert, das für wieder freie und gereinigte Ohren sorgte, was will man auch mehr.

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