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Foto nordische Landschaft

22. Juli 2007

Go outside again: Ruisrock 2007

Irgendwann gegen ein Uhr nachts beginnt der Boden unter unseren Füßen zu schwanken. Der Himmel über den Schären hat eine unwirklich zarte und durchscheinende Schattierung von helllblau erreicht. Wennn mehrere tausend Leute begeistert tanzen und springen,  dann beginnt eben irgendwann ein kleines Erdbeben. Das dürfte völlig im Sinne des spaßigen Größenwahns sein, den The Hives mit Vorliebe zelebrieren.  Die Schweden sind der Hauptact des zweiten Ruisrock-Tages 2007 und eine gnadenlos gute Livekapelle. Auch wenn sie außer dem guten alten schweißtreibenden Garagenrock nichts Revolutionäres zu bieten haben – hier zählen Leidenschaft und voller körperlicher Einsatz. Allein das sehr überdimensionierte Ego von Sänger Pelle Almqvist inklusive prahlerischer Großredereien zu erleben, das gehört zum Spiel. Das nächste Hives-Album wird selbstverständlich der größte Kracher aller Zeiten werden, verkündet Pelle selbstbewusst. Klar!

 Die ganz, ganz großen Namen, mit denen Festivals wie Roskilde oder Hurricane punkten, fehlen bei Ruisrock 2007. Sehr viel heimische Prominenz von Pop bis Metal und eine nicht unbeträchtliche Abordnung aus Schweden sind am Start. Viele alte Bekannte dabei, die schon in den vergangenen Jahren aufgetreten sind. Wie zum Beispiel The Ark:  Sänger Ola Salo (Foto) muss sich, was die Entertainer-Qualitäten angeht, nicht hinter seinem Landsmann Almqvist verstecken. Dekadente Fleisch- und Fummelschau und jede Menge Glamrock-inspirierter Sahnestückchen zum Mitsingen. Dass die Finnen ihren Nachbarn und damit The Ark beim diesjährigen Eurovision Song Contest nur sieben Punkte gegeben haben, trägt Salo dem Publikum nicht nach und singt den Eurovision Song »The Worrying Kind« mit ironischem Gusto. Nichts für ungut!

Sagen wir noch was zum Wetter: Am ersten Tag wunderbar, am zweiten Tag trübt es sich ein und am dritten Tag regnet es von morgens bis abends in Strömen. Es ist folglich eine weise Einschätzung gewesen, auf den Sonntag zu verzichten. Zumal da eher die härteren Töne vorherrschen und ich höchstens bedauere, Mando Diaos ersten Ruisrock-Auftritt verpasst zu haben. Aber die Schweden touren sowieso ausführlich durch den deutschen Festivalsommer. Demnächst auch in einer Stadt in Spuckweite.

Dass die Finnen beim druckvoll-melodischen Indierock ganz vorne mitmischen, zeigen die Lokalhelden Lapko und Disco Ensemble mit engagierten und leidenschaftlichen Auftritten. Disco Ensemble schaffen 2007 es sogar bis auf die Hauptbühne.  Dafür bekommt Lapko-Sänger Malja (Foto) von uns mit kritischem Damenblick den Preis für das drittnetteste Lächeln aller auftretenden Künstler verliehen. Wenn das nichts ist! Zwischendurch verirren wir uns kurz zu Sunrise Avenue und geraten genau in die Klatsch- und Mitsingorgie zu »Fairytale Gone Bad« hinein. Nichts wie weg!

Kommen wir doch lieber zu den echten Glanzlichtern der Ruisrock-Ausgabe 2007. Zu Magenta Skycode etwa: Was sind die Weltschmerz-Weltmeister in diesem Jahr als Band zusammengewachsen! Klang das vor einem Jahr im Tavastia-Club in Helsinki schon recht überzeugend, ist es heute geradezu unverschämt gut, was die Jungs um das frisch kahl geschorene Mastermind Jori Sjöroos hier auf die Bühne bringen.  Bei »Go Outside Again« kriegen wir Mädels in der zweiten Reihe ganz verklärte Augen vor Begeisterung. Und den neuen Gitarristen, den kennen wir doch auch irgendwoher. Nach einigem Überlegen macht es klick: Es ist der Schlagzeuger unserer liebsten Smiths-Epigonen Cats On Fire ! Turku, die Heimatstadt beider Bands, ist eben klein! Wer will da noch die US-Poser-Kapelle Juliette And The Licks sehen, die zeitgleich spielen? Wir nicht! Und die Pipettes finden wir auch nicht so doll. Die könnnen ja noch nicht mal ein Instrument spielen, pfui! Die kanadischen Billy Talent haben bei uns schon bessere Chancen.

Bleiben wir aber bei den heimischen Bands. The Crash, ehemals unsere Lieblingskitschpopband, haben zwar seit Jahren nichts mehr richtig Überzeugendes vorgelegt, und das neue Album »PONY RIDE« bewegt sich, was die Grenze zum Dudelschlager angeht, auf sehr, sehr gefährlichem Terrain.  Aber bei aller Kritik: The Crash können, wenn sie gut drauf sind, live unwiderstehlich sein. Und sie erwischen einen ihrer besseren Abende, getragen von der Begeisterung des Publikums, das jede Zeile textsicher mitsingt. Erinnern wir uns noch an ihren ebay-Hit »Star«? »You are very uncool, but forever wonderful«? Stimmt diesmal ganz genau!

Und danach, als der Regen bereits einsetzt, das erste Mal die Don Johnson Big Band hören. Die spielt wunderbarerweise im großen Zelt, und die großen Tropfen pladdern heimelig auf weißes wasserabweisendes Tuch. Drinnen rinnt der Schweiß. Vom Tanzen! Eine schlingernde Achterbahnfahrt über die Kirmeswiese der Populärmusik von Weltmusik über Jazz und Hiphop und Rock. Temperamentvoll und aufregend und immer wieder überraschend. Live eine echte Entdeckung!

Zu den schönsten Ruisrock-Erfahrungen gehört jedesmal das Nach-Hause Radeln in völlig erschöpftem Zustand nachts um zwei halb drei, umgeben von ebenso erschöpften, aber friedlichen Festivalbesuchern, die ihres Weges stolpern. Manch Strauchelnder wird die Nacht im Wald verbringen, falls ihn nicht gutmütige Freunde zu den Bussen mitschleppen. Im Osten geht schon langsam wieder die Sonne über den Schären auf. Schön wars!