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Foto nordische Landschaft

28. September 2007

Hanne Hukkelberg in meiner Stadt

Normalerweise fungiert das Hamburger Imperial Theater als Krimitheater und bietet Edgar Wallace Adaptionen für Leute, die diese Rückreise in die schaurige Vergangenheit der frühen Fernsehtage tatsächlich wahnsinnig witzig finden. Entsprechend fand sich Hanne Hukkelberg und ihre Band in einer seltsamen Kulisse wieder, als sie im Rahmen des Reeperbahnfestivals eins ihrer illustren Konzerte gab: Ritterrüstungen standen ihr im Rücken, eine Burgattrappe aus Pappmaschee ragte empor, als könne jeden Monat der Frosch mit der Maske dem Hexer seinen grünen Bogenschützen abjagen, während der Nebel aus der Themse empor sickert. 

Hanne Huckelberg ließ sich davon nicht stören. Hanne Hukkelberg klöppelte sachte die Speichen ihres Musikfahrrades. Hanne Hukkelberg setzte sich ans Klavier, um ihre leicht sperrigen Folk-Walzer-Weisen vorzutragen. Hanne Hukkelberg lachte hell auf, um dann zu erzählen, dass das nun folgende Lied überhaupt nicht witzig sei.

Bestens auch ihre Band, die allerlei Instrumente bezaubernden – vom Schlagzeug über die E-Gitarre hin zum Akkordeon, einer Art Kinderklavier und einer unförmigen Tuba, wie überhaupt der Hukkelbergsound auf der Bühne noch Jazziger ausfällt als auf der Platte.

Sehr angenehm auch die Stimmung vor der Bühne: Nicht zu leer war es, nicht zu voll, sondern angenehm gefüllt mit Menschen, denen anzumerken war, dass es nicht alle zwei Sekunden lauthals krachen muss. Und das in einem leicht schäbig-plüschigem Theatersaal, der so besungen und bespielt eigentlich ganz schön aussieht und in dem – Oh Lord! -  nicht geraucht werden darf.

26. September 2007

Ein Muss für den Nordfan: das Reeperbahnfestival

Wer aus Hamburg kommt und wer in Hamburg lebt – was nicht dasselbe ist – meidet gemeinhin die Reeperbahn. Es sei denn, ihm dürstet danach, sich betrunkene, grölende, feixende und generell aus den Fugen geratene Provinzler anzuschauen, die immer noch glauben, die Reeperbahn wäre der Nabel der Welt oder sogar Hamburgs und die sich entsprechend benehmen (also nicht).

Und dennoch gibt es nächster Tage einen handfesten Grund, die Reeperbahn aufzusuchen: das Reeperbahnfestival, das sich glücklicherweise nicht nur über die Reeperbahn erstreckt, sondern Clubs und Konzerträume mit einschließt, die aus gutem Grunde weit weg von der Reeperbahn residieren (etwa das Knust oder das Uebel&Gefährlich).

Das Konzept ist einfach: Ein gutes Dutzend an Clubs öffnet abends seine Pforten und etwa im Stundentakt treten Bands und Solokünstler auf, bis der Morgen graut. Wer mag, flaniert von Club zu Club, bereit das Risiko einzugehen, das dort, wo er hin will, gerade wegen Überfüllung geschlossen ist. Man kann aber auch auf seinem einmal eroberten Stehplatz stehen bleiben und verpasst dann das, was an anderen Orten vielleicht besser gefallen hätte.

Da Hamburg zwar nicht – wie noch immer viele glauben – am Meer liegt, aber sich doch einigermaßen im Norden befindet, kommt der Nordfan wirklich auf seine Kosten: Denn es reisen Anna Ternheim und Maria Mena ebenso an wie Björn Berge oder die Rocker von Murder. Dúne ist ebenso am Start wie Hanne Hukkelberg oder die Figurines oder Friska Viljar. Je nach Temperatur der Musik finden die Konzerte in bestuhlten Häusern wie dem Imperial Theater oder in den für Klaustrophobiker wenig geeigneten Katakomben des Molotow statt. Ein Tipp ist in jedem Falle das Knust, dass einen schönen nordischen Samstagabend verspricht und wo etwa Shout Out Louds spielen werden.

Doch wohin man auch geht, ob eher das Rockerherz schlägt oder einem nach dem einsamen Jüngling an der Gitarre ist, wer über die Reeperbahn eilt, sollte sich nicht wundern, wenn einem plötzlich ein derangierter Sachse oder Rheinhesse oder Pinneberger um den Hals fällt und mit einem einen trinken gehen will, in Lokalitäten, die er aus dem Fernsehen kennt. Bitte den Mann höflich abschütteln und weitergehen. Wir Hamburger sind ganz anders.

24. September 2007

Popkomm 2007: Finnland langweilt, Belgien begeistert

Wer trifft eigentlich die Entscheidungen, welche Bands auf der Berliner Popkomm spielen dürfen? Die Veranstalter, sicherlich. Die Labels, klar. Und ein gewisses Wort mitzureden hat bei den finnischen Bands wohl auch die Umsatzankurbelhilfsorganistation Music Export Finland. Im Prinzip ist nichts dagegen zu sagen, dass sich die Vertreter von Staat und Musikverbänden darum bemühen, die heimischen Bands im Ausland bekannter zu machen. Bei der Auswahl aber sollte ein gewisser Sachverstand und Qualitätsanspruch walten. Schön wärs.

Warum muss man das Klischee von den langhaarigen Rockrabauken unbedingt jedes Mal bedienen? Und sich konventionell für Sicherheit, Vorhersehbarkeit und gepflegte Langeweile entscheiden? Präsentiert wurden an diesem Abend in der Berliner Kulturbrauerei fünf Bands, die mit Ausnahme von Lapko alle von bestürzender Durchschnittlichkeit waren. Spätestens nach drei Songs fing man an zu gähnen. Bei den Von Hertzen Brothers etwa: Brave Jungs mit einer wenig originellen Mischung aus traditionellem Rock- und Popelementen. Mit der Ausstrahlung von karierten Küchenhandtüchern.

Oder Feiled (Foto):  Die Augen mit Kajalstift fett umrandet, nett tätowiert, heftigst auf ihre Gitarren eindreschend und eine Prise gepflegten Goth einfließen lassen. Von dieser Sorte muss es weltweit etwa 328.503 Bands geben, die alle ähnlich klingen und gleich grimmig schauen. Die nächste Generation der HIM-Klone lässt grüßen und wir schlafen gleich ein. Es kommt kaum Besseres nach: Crumbland überschreiten mit ihrem altmodischen Macker-Mitsing-Rock die Grenze zur Körperverletzung. Wir ergreifen reichlich ernüchtert endlich die Flucht. Wie ein nicht unbeträchtlicher Teil des Berliner Publikums, das mit den Füßen abstimmt und einfach geht. Anderswo auf dem Riesen-Gelände der Kulturbrauerei gibt es sicherlich aufregendere Bands zu entdecken. Etwas Besseres als den künstlerischen Stillstand finden wir überall.

Irgendwie geraten wir zu den Belgiern im Maschinenhaus. Jawohl, zur grandiosen Pop- und Rocknation Belgien. Und lassen uns völlig überwältigen von Charme, Talent und Temperament von Sioen (Foto),  der für einen Singer-Songwriter ordentlich Lärm macht, seinem Piano die unglauhlichsten Töne entlockt und den eindeutig besten Violinisten dabei hat. Ein seliges Grinsenauf allen Gesichtern. Das Publikum will den kleinen Mann mit den kurzen braunen Haaren, den Knopfaugen und dem nettesten Lächeln des Abends kaum von der Bühne lassen. Und auch die uns zuvor völlig unbekannten Absynth Minded aus Gent reißen mit purer Verrücktheit, mutigem Grenzgängertum und hingebungsvoller Spielfreude mit. Danke, merci, Belgien. Douze points!

Eine letzte Chance geben wir den Finnen noch. Lapko spielen zum Schluss. Und die können zumindest was und wagen was und denen geht ab und zu ein origineller musikalischer Gedanke durch den Kopf. Obwohl meine Freundin Sabine mäkelig meint, dass Sänger Malja definitiv zu viel auf die Bühne spuckt beim Singen. Naja. Kleinigkeiten. Hier stimmen die Grundkoordinaten zumindest.

Den finnischen Verantwortlichen dieses Abends wünscht man ein wenig mehr Offenheit und Mut. Denn es gibt sie in Finnland, die aufregenden Bands. Die rätselhaften Paavoharju , die sich in kein Raster zwängen lassen. Die fröhlichen Pop-Nekrophilisten Sister Flo. Die verhuscht-eigenwillige Singer-Songwriterin Islaja. Die herzallerliebsten Popträumer Ultrasport (Foto).  Die Elektro-Romantiker Viola. Die leidenschaftlichen Rubik, die zeigen, dass Rock Tiefgang haben kann. Und nicht zuletzt die wundervoll zerbrechlichen Sternenfänger Wojciech.

18. September 2007

Nostalgie im Herbst: Ein Vierteljahrhundert A-ha

Am 14. September 1982 trafen sich in Norwegen drei junge Männer zum ersten Mal. Es gab einen Geburtstag zu feiern, den von Morten Harket nämlich. Einer der Gäste im Hause Harket hieß Pål Waakter und trug einen dunklen Anzug. Der zweite hieß Magne Furuholmen und brachte Palmenzweige und Gedichte als Geschenke mit. Zu feiern gab es außer dem Geburtstag noch etwas anderes: Die beiden Besucher kamen, um Morten als Sänger für ihre neue Band zu gewinnen. Die drei verstanden sich auf Anhieb und nannten sich von nun an a-ha. Dass sie einmal die berühmteste norwegische Band aller Zeiten werden sollten, ahnten die Jünglinge damals noch nicht.

  25 Jahre ist das mittlerweile her. Und viele wunderbare musikalische Momente, einen kleinen Niedergang und einer grandiosen Wiederauferstehung. »MINOR EARTH, MAJOR SKY« könnte mit einigem Recht zu den besten 25 Popalben aller Zeiten gezählt werden.

 Draußen ist es dunkel, klamm und feucht. Die Füße sind kalt und alle Geräusche klingen gedämpft. Da braucht man Trost durch Musik. Und welcher Song verdichtet auf so wunderbare Weise die überlebensgroße Melancholie, die der Beginn des Herbstes in jedem Jahr markiert? Summer Moved On von a-ha natürlich. Macht wie jeder wirklich perfekte Popsong unter heftigen Seelenschmerzen glücklich.

10. September 2007

Radiohören im September (2007)

Am 20’ten September wird es fünfzig Jahre her sein, dass der finnische Komponist Jean Sibelius verstarb. Entsprechend widmet Deutschland Radio Kultur ihm an diesem Tag den Abend: Zu hören wird unter anderem seine Sinfonie Nr. 3 C-dur op. 52 sein – in einer Einspielung mit dem Finnischen Rundfunkorchester, seinerzeit geleitet von – Jean Sibelius. Dazu gesellt sich ein Feature über den Komponisten und ein Studiogespräch mit Tomi Mäkelä, Musikprofessor aus Magdeburg und Autor des neuen Grundlagenwerkes “Poesie in der Luft“, das sich besonders mit der Sibelius-Rezeption beschäftigt. Die kritisch-löbliche Hommage beginnt um 20.03 Uhr.

Wer sich auf diesen Abend schon einmal vorbereiten will, der schalte sich am Samstag, den 15.9. ab ca. 21 Uhr hinzu: Sir Simon Rattle wird die Berliner Symphoniker leiten, wenn diese Sibelius’ Sinfonie Nr. 5 Es-dur op. 82 spielen.

Der Jazzfan (plus/minus) kommt am Montag, den 10.9. ab 21.05 Uhr in der Sendung Jazz Live vom Nachbarsender Deutschlandfunk auf seine Kosten: Es bietet einen Mitschnitt vom Jazzfestival im schweizerischen Chiasso, wo im Februar 2006 das Quintett der Harfenistin Iro Haarla auftrat. Mit dabei: Trygve Seim (Saxophon), Mathias Eick (Trompete), Uffe Krokfors (Kontrabass) und am Schlagzeug Jon Christensen.

Apropos Schlagzeug: Der Schlagwerker und Perkussionist Per Oddvar Johansen wird in den JazzFacts am Freitag, den 14.9., ab 22.05 Uhr im Gespräch vorgestellt – auch dies eine Sendung des Deutschlandfunks.

 
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