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Foto nordische Landschaft

30. Oktober 2007

Dark Tranquillitys Mikael Stanne: »Wir lieben unsere Gesellschaft«

Am 23. Oktober 2007 spielen Dark Tranquillity in Karlsruhe. Ich nutze die Gelegenheit um den äußerst gutgelaunten Front-Rotschopf Mikael Stanne zu interviewen, der für (seine) Musik lebt – und sie liebt.

Es herrscht das übliche Chaos: Der Tourmanager, den ich anrufen soll, steckt wohl noch im Flieger. Als ich dennoch endlich im Substage stehe, stopft die Band gerade ihre hungrigen Mäuler. Und so folgt anschließend ein Blitz-Interview zwischen Tür und Angel, im wahrsten Sinne des Wortes: Aus Mangel an Sitzgelegenheiten im uns zugewiesenen Vorraum, nehmen wir den Einlass-Tresen in Besitz.

dark tranquillity mikael stanne

Wie war die Tour (mit Sonic Syndicate, Soilwork und Caliban) bisher?
Großartig! Wir fingen in Großbritannien an – und es war sehr viel besser als erwartet.

Besser als erwartet – seid ihr so pessimistisch?
(lacht) Oh, wir rechnen immer mit dem schlimmsten. Das beste Publikum hatten wir aber in Frankreich, Italien, Spanien.

… und in Deutschland?

Da ist es auch gut, aber gerade die Italiener zeigen ihre ganze Leidenschaft, die drehen völlig durch!

Habt ihr eine fixe Setlist, oder wexelt ihr je nach Land/Stadt die Songs?
Oh, wir ändern sie je nach Spieldauer. Auf dieser Tour wexeln die Headliner: Wir waren in Italien, Spanien und Großbritannien Headliner, hier sind es Caliban.

…und wenn nun ein paar Fans lautstark einen bestimmten Titel fordern…?
Oh, den spielen wir dann manchmal. (denkt nach, grinst) auf dieser Tour kam’s tatsächlich ein paar Mal vor.

Polizeischutz in Venezuela

Ihr seid in den letzten Jahren wirklich rund um die Welt getourt – habt ihr ein Lieblingsland?
Land nicht direkt, aber generell spielen wir sehr gerne in Südamerika. (lacht) Die sind wahnsinnig. In Venezuela drehten die Leute total durch und wollten die Bühne stürmen. Vor uns standen dann lauter Polizisten, die bildeten eine Kette um Hunderte von Leuten davon abzuhalten auf die Bühne zu stürmen.

Habt ihr die Show abgebrochen?
Hell no!!! Das Management wollte das zwar, aber wir sagten: Wir sind von Schweden nach Venezuela geflogen, wir spielen diese Show! Also spielten wir – mit dieser lebenden Polizistenmauer vor uns.
(Pause) Und die Japaner, die sind auch ganz verrückt. Die sind ganz still während du spielst, scheinen wirklich zuzuhören und klatschen dann. …und reisen den Bands hinterher. Bis nach Deutschland.
(Pause) Wir hoffen mal in China, Thailand und Neuseeland auftreten zu können.

Gibt es da schon konkrete Pläne?
Nein. Aber wir bleiben dran (grinst).

Habt ihr denn außerhalb Europas in großen Clubs gespielt?
Das war ganz unterschiedlich. (lacht) in Mexiko war die Show ausverkauft. Und wir mussten eine zweite spielen.

Am gleichen Tag?
Ja. Direkt hintereinander. Erste Show, kurze Pause, dann starteten wir die zweite Show.

Während ihr Pause gemacht habt, ist der erste Teil der Leute raus, und der zweite rein?
(strahlt) Genau! Das war großartig!

dark tranquillity


»Ich hasse es rumzuhängen«

Das sind noch nicht alle kuriosen Konzerte – ihr habt dieses Jahr auf einer Fähre gespielt …
Ja die »Metal Cruise«. Das hatte eine schwedische Zeitschrift organisiert. Das war echt total verrückt (grinst) …die  Leute konnten ja nicht weg, die mussten uns sehen.

… wenn sie euch noch sehen konnten …
(lacht) Ja, es lagen schon ziemlich viele Betrunkene auf dem Boden rum. Du weißt ja, was die Leute auf Fähren zwischen Finnland und Schweden machen.
(Pause) Aber es war klasse, sechs Bands, Tiamat und Hardcore Superstars waren dabei; und natürlich kamen ganz viele Freunde von uns mit. Es war einfach eine Riesenparty.

Und wenn ihr mal nicht auf der Bühne steht, was macht ihr an euren freien Tagen während der Tour?
Nichts. Nur essen und trinken. (schmunzelt) Wir hatten nur einen einzig guten Offday: Als wir nach Las Vegas sind. Ich hasse freie Tage auf Tour! Ich bin süchtig nach dem Adrenalin-Stoß, den ich auf der Bühne verpasst kriege. Ich hasse es rumzuhängen und auf nichts zu warten. (enthusiastisch): Einmal spielten wir 32 Tage am Stück; DAS war großartig!!!

Also seht ihr nichts auf Tour …?
Wir können natürlich immer Sightseeing machen- aber ich bin nicht der Typ dafür. (lachend) Ich brauchte schon ein paar Shows in Paris um endlich mal den Eifelturm zu sehen. Fünfmal in Rom – und nicht einmal beim Kolosseum.
Und natürlich sehen wir auch was, wenn wir mit dem Bus unterwegs sind. Wir übernachten immer im Nightliner. Ich hasse es in Hotels ein- und auszuchecken.

Und zurück von der Tour, was macht ihr dann?
Das erste, das ich machen werde wenn diese Tour vorbei ist: Zu Rush in Stockholm zu gehen.

Wohnst du inzwischen in Stockholm?
(heftig abwehrend) Nein, nein! Wir wohnen alle in Göteborg. Das ist so klein und nett – auch wenn es die zweitgrößte Stadt Schwedens ist. Wir Bands kennen uns da alle, wir sind eine große Familie, sind alle befreundet. Ohne so dumme Sachen wie Rivalität.

dark tranquillity


Design: Niklas Sundin

Apropos andere Bands: Euer Gitarrist Niklas Sundin, entwirft ja nicht nur Cover für euch …
Niklas macht seit 1999 alle unsere Cover und unsere T-Shirts, aber auch für andere Bands wie In Flames. Wir wuxen zusammen auf; er zeichnete schon immer, er hat schon für unsere Demos die Cover gemacht. Er fotografiert auch. »cabinfevermedia« das ist Niklas’ Firma, sein Alltagsgeschäft.

Bleiben wir bei den Alben: Ich habe gehört, ihr habt noch Material, das es nicht auf »FICTION« geschafft hat …
Da sind nur zwei Songs übrig, einer ist auf der Japanischen Ausgabe als Bonus-Track. Halt nein, es sind vier Songs – aber zwei sind Instrumentals.

Werden wir von euch in Zukunft öfter mal ein Instrumental hören, plant ihr möglicherweise demnäxt eine EP?
Nein, wir machen wohl erst mal eine Live-DVD. Aber wir mögen Instrumentals, die sind sehr interessant. Die haben ganz andere Schwingungen. Sehr cool.

Ihr wart auf »FICTION«  vielseitig, das letzte Stück mit weiblicher Gastsängerin geht Richtung Gothic …
Oh, wir sind da nicht so fixiert, wenn es gerade passt, dann machen wir auch das.

Welche Vorliebe hast du denn persönlich, Klargesang oder »growlen«?
Ich schreie in der Band lieber (grinst), ich bin damit aufgewaxen. Ich kann all meinen Frust, meine Wut rausschreien.

Was hältst du eigentlich von Frontgrunzerinnen, wie Angela Gossow oder damals bei Holy Moses …
… Sabina Claasen! Cool. Ich war Sabina Claasen-Fan. Es sollte mehr Frauen in dem Bereich geben. Mit Arch Enemy habe haben wir schon getourt, das war aber bevor Angela sang.
(Pause) Allerdings, wenn ich so darüber nachdenke, höre ich eher Männern zu.

dark tranquillity


Eine paar Worte zu den Anfängen…

Euer erstes Album erschien beim finnischen »Spinfarm«-Label, wie kam’s dazu?
Evo von Spinefarm hörte unsere EP und sagte »wow!«
(Pause) Er hat uns einen Vertrag angeboten; er sagte: ‘Wir helfen euch über die Anfänge, ihr könnte gehen wann ihr wollt.

Also kein Knebelvertrag …
Nein. Das war richtig cool. Die haben gerade das erste Sentenced-Album rausgebracht (A.d.R. »THE TROOPER«) – und ich liebte es! Es war soooo cool auf dem gleichen Label zu sein!

Hast du immer Metal gemacht – oder mal an was anderes gedacht?
Ich hab schon immer Gitarre gespielt und gesungen, immer in Metal-Richtung. Unser Dark Tranquillity-Stil entwickelte sich, wir lernten durch das Proben.

Apropos: Die Gründungsmitglieder sind fast alle noch dabei – was ist das Geheimnis? (A.d.R: Mikael Stanne, Niklas Sundin, Martin Henriksson, Anders Jivarp, nur Anders Fridén (In Flames) stieg 1995 aus)
Wir wuchsen zusammen auf, wir lieben Musik, wir lieben reisen. Alles passt, Freundschaft, Respekt. (lacht) Wir lieben unsere Gesellschaft, es ist die natürlichste Sache der Welt für uns.

Ein schönes Schlusswort, vielen Dank für das Interview Mikael.

Fotos © Centurymedia

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