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Foto nordische Landschaft

29. Dezember 2007

Musik von vorne: Bands für 2008 [2/4]

Wir wagen es und versprechen keinerlei Vollständigkeit: Hier folgt der zweite Teil des musikalischen Ausblicks auf das Jahr 2008. Teil 1 findet ihr unter folgendem Link. Zwischen Popmusik von zweifelhafter Qualität und erster Güteklasse ist dieses Mal alles dabei…
ALPHABEAT (DK)

 »In The Moonlight, On A Joyride« –diese kurze Zeile macht alles klar. Hier erwartet uns keine hochfliegende Denkerlyrik und passend dazu ist die Musik eben das, was Oma landläufig »fesch« und »beschwingt« nennt. Ein bisschen einfältig, aber jederzeit verschwenderisch ausstaffiert. Wer auf liebliche Weine im normalen Leben verzichtet, der tue das auch besser bei diesen Sloganizern. Kein simpler Beat ist zu simpel und von schlechten Reimen wird sich quasi permanent ernährt. In England wird derzeit ausgiebig getourt und der NME preist diesem Popmusik-Sechser durchaus die Zukunft. Zwischen Wham!, B52’s und Abba ist eben alles »superduber«. Und ja, auch das ist auch ein Zitat.

Homepage: myspace.com/thisisalphabeat
THOSE DANCING DAYS (SWE)

 Peter Bjorn And John, Bloc Party, Les Savy Fav – die Labelmates sprechen eine eindeutige Sprache. Das Label Wichita sucht nach Qualitätsprodukten und der Erfolg lässt meist nicht lange auf sich warten. Fünf Ladies aus Nacka, einem Vorort von Stockholm machen sich 2008 in ganz Europa auf den Weg. Entlang Northern Soul, Hammond-Pop und jugendlicher Ungeduld. Selbst die Videos strotzen vor Charme und 80s-Feeling. Die Stimmen muss man mögen, die Naivität auch. Vielleicht sind auch diese Songs im Winter verboten und entfalten erst auf saftigen Midsommar-Wiesen ihre endgültige Kraft?

Homepage: myspace.com/thosedancingdays

FRISKA VILJOR (SWE)

 Auf dem Arm hat sich Sänger Daniel einen großen schwarzen Balken tätowieren lassen. Man könnte meinen, er hat einfach eine ganze Armada an Treueschwüre an die Liebsten überstechen lassen. Ist natürlich nicht der Fall – allerdings nicht ganz abwegig. Denn mit ihrem diesjährigen Album und besonders den angekoppelten Touren haben sie auch hier in Deutschland durchaus Erfolg gehabt. Anders als die meisten Schwedenbands zeigen sie, dass sie jeden Abend auf der Bühne Spaß haben können. Mit oder ohne Alkohol. 2008 folgt Album Nummer zwei und dafür kann es nur eine Richtung geben: Steil nach oben!

Homepage: friskaviljor.net

26. Dezember 2007

Musik von vorne: Bands für 2008 [1/4]

Popmusik aus Skandinavien ist (frei nach Effi Briest) ein weites Feld. Nur wenige Bands schaffen es, sich auch in Deutschland durchzusetzen. Abseits der großen Major-Konzerne kann man die Erfolge an wenigen Fingern abzählen. Und über Erfolg entscheidet letztlich auch noch der Würfelbecher des Glücks. Wir wagen trotzdem einen Ausblick auf zwölf Pop-Bands, die 2008 von sich hören lassen. Im großen oder kleinen Kreis.
BOYS IN A BAND (FO)

 Eigentlich kennt man die Färöer nur als Gruppenletzter in der EM-Qualifikation. Musikalisch regierte dort die anachronistische Punkband »200« mit erhobenem Zepter. Was Rockmusik betraf, war sie in den letzten Jahren das Maß aller Dinge. Nun gibt sich eine Neukommerband kämpferisch. Ein paar lokale Nachwuchswettbewerbe hat sie schon gewonnen und ging auch als Sieger aus dem Battle Of The Bands hervor: Boys In A Band. Den Namen vortrefflich von einem Libertines-Titel abgelinst, versuchen sie sich nicht am Imitat – und klingen dennoch irgendwie so, wie die momentan angesagten Bands der englischen Insel. Mit scharfkantigen Gitarren und jeder Menge Melodien, die nicht ganz so plakativ daherkommen, wie von den Kollegen aus dem UK.

Homepage: myspace.com/boysinaband
EF (SWE)

 Ganz anders EF. Diese orientieren sich an den großen Epen, umgeben sich mit Wortlosigkeiten und quälen gleich dreifach die sechs Saiten. Die Abenteuer und Leidenschaften verpacken sie in höchst dramatische und schöne Postrock-Songs, wie sie sonst (mit Ausnahme der etwas ruppigeren Scraps Of Tape, die an dieser Stelle ausdrücklich ebenso empfohlen werden) nur aus den USA oder Canada kommen. Ihr Zweitling »I Am Responsible« nimmt nicht nur die Schuld auf sich, sondern gibt auch 58 herzliche Minuten offene Arme. Live übrigens ein energetischer Tornado!

Homepage: efmusic.nu

SLAGSMÅLSKLUBBEN (SWE)

 Was Madonna Anfang der 90er auf den Sperrmüll warf, haben die sechs Jungs vom Slagsmålsklubben einfach wieder herausgekramt. Alte C64-Computer, käsig überbackene Casio-Keyboards – hauptsache bunt schillernd und laut. Subtil ist anders. Mit frischem Schwung auf die Jetztzeit programmiert, starteten sie bereits in Schweden und England mit ihrem Album „Boss For Leader“ durch. 2008 wäre eine gute Gelegenheit den am Löschpapier knabbernden und Smilies fressenden Tanzwütigen auch hierzulande eine Überdosis Happy Rave zu verpassen. Dank der Einimpfung von 10 Kilo Melodien pro Sekunde ist das nämlich eine sehr spaßbringende Angelegenheit. »Sponsored By Destiny« und der furiose Kirmestechno-Abschluss »Pælsmaestaren« sind die Casio-Monolithen!

Homepage: smk.just.nu

22. Dezember 2007

Huuhkaja! Teil 2: Ein Uhu macht Karriere

Kurz vor Weihnachten wird es uns unerwartet friedlich ums Herz und wird uns klar, dass jetzt die Zeit für eine nette Geschichte gekommen ist. Und die geht so: Dass ein riesiger Uhu (huuhkaja in der Landessprache)  im Juni durch einen eindrucksvollen Auftritt im Olympiastadion zu Helsinki den zwischenzeitlichen Abbruch eines Fußball-Länderspiels erzwang, ist noch in bester Erinnerung. Die finnische Nationalmannschaft fasste durch den couragierten Auftritt des im Stadion lebenden Uhus neuen Mut und rang das gegnerische belgische Team schließlich mit 2:0 nieder.  Seitdem ist der Vogel (lateinisch Bubo Bubo) in Finnland ein Held und es gibt nicht wenige einheimische Touristen, die eigens ins Olympiastadion pilgern, um vielleicht einen Blick auf »Bubi« zu erhaschen. Jawohl, der Uhu brauchte natürlich einen Namen. Da er sich bevorzugt auf den Reporterplätzen niederlässt, musste der legendäre Radiokommentator Bror-Erik »Bubi« Wallenius schließlich als Namenspate herhalten.

Jedes Jahr kurz vor Weihnachten küren die Journalisten der in Helsinki tätigen Lokalredaktionen den »Bürger des Jahres« der Hauptstadt. Anno 2007 gab es einen einsam an der Spitze liegenden Gewinner: »Bubi«, den Uhu! Erstmals in der Geschichte dieser Auszeichnung ging Platz eins also an einen Vogel. Klar, schreibt der »Helsingin Sanomat« , die größte Tageszeitung des Landes, klar hätte es auch einige verdienstvolle menschliche Kandidaten gegeben, aber »Bubi« hat sie alle lässig abgehängt. Ein Uhu ist also die Persönlichkeit, über die man in Helsinki in diesem Jahr am meisten gesprochen hat.

Die Auszeichnung ist natürlich mit einem Geschenk verbunden:  Einer signierten Lithografie der Künstlerin Tuula Juuti. Da »Bubi« den Preis schlecht persönlich abholen kann, soll das Werk jetzt im Olympiastadion aufgehängt werden. Viele Fans des Vogels hoffen indessen, dass er seine Flugkünste bald wieder vor einer internationalen Kulisse zeigen wird. Etwa bei den Qualifikationsspielen zur Fussball-Weltmeisterschaft 2010, wenn das deutsche Team kommt. Ballack und »Bubi« etwa gäben ein schönes Bild ab.

18. Dezember 2007

Unbedingt lesenswert: Wolfgang Müllers »Neues von der Elfenfront«

„Vor einigen Jahren reiste der isländische Präsident Ólafur Ragnar Grímsson nach Berlin, um die Humboldt-Universität zu besuchen. Matthias Mergl, Bibliothekar der Skandinavistik-Abteilung, regte an, den Präsidenten mit einem Ständchen zu beglücken. Einige Mitarbeiter der Bibliothek probten bereits das Lied „Òlafur Lilijurós“. Es handelt von einem verliebten Mann, der einer Elfe mit einem Pferd hinterher eilt, vom Rücken des Tieres fällt und sich dabei den Arm bricht. Kurz vor dem Besuch des Präsidenten Òlafur gab dieser in Island die Verlobung mit seiner neuen Frau Dorrit Mussaieff bekannt, fiel beim Ausritt vom Pferd und brach sich den Arm. Der verantwortliche Isländischlektor Andreas Vollmer empfahl daraufhin den Studenten, auf das Begrüßungsständchen zu verzichten. So erfuhr der Präsident nie von dem geplanten Begrüßungschor.“

Der Künstler Wolfgang Müller ist seit Jahren einer der besten Kenner Islands. Es haben ihn dabei von Anfang an weit weniger die landschaftlichen Besonderheiten der in der Betrachtung dann meist menschenleeren Insel interessiert, als vielmehr das Alltagsleben der auf ihr wohnenden Menschen. Auch hat er sich nie auf vordergründige Gleise setzen lassen, wie sie die Reisemagazine beständig auslegen von wegen: In Reykjavik gibt es die wildesten Partys, die schönsten Mädchen, die angesagteste Szene, etc. Ihn interessiert das normale Kulturleben des Landes und da er seit einiger Zeit immer wieder auf Island lebt, ist ihm vieles mit einer ganz eigenen Selbstverständlichkeit vertraut, dass in seinen Reisebeschreibungen einen ganz eigenen und gänzlich unprätentiösen Ton anschlagen lässt, als in Texten oder Berichten beständig aufgeregten und sich fortlaufend aufregender Journalisten.

Nun ist von ihm ein neues Buch erschienen, das allerlei kleine Geschichten, Berichte und Episoden enthält und eben von Kenntnis der Verhältnisse mehr als grundiert ist. Ob es um die Geschichte des Odishünhchen geht oder das Erstarken der ökologischen Partei durch die Wasserkraft – Müller kennt sich aus. Kalli Bjarni als Gewinner der Sangessendung „Idol Stjörnuleit“ wird ebenso vorgestellt wie die Gemeinde der Heiden in Rekjavik oder das Säugetierpenismuseum in Húsavík. Über das Nordlichtgeräusch wird ebenso berichtet wie über das neueste Elfenpolitbarometer, das zeigt, dass die Männer weit weniger an Elfen glauben wie die Frauen. Auch fehlt nicht eine Beschreibung der insgesamt dreizehn Weihnachtsmänner, die auf Island demnächst unterwegs sind – vom Kellenlecker bis zum Würstchenklauer.

Kurzum: Ein Muss für jeden Islandfan; auch weil es wunderbar leichtfüßig geschrieben ist und daher äußerst vergnüglich zu lesen ist.

Wolfgang Müller
Neues von der Elfenfront – Die Wahrheit über Island
Suhrkamp TB, Frankfurt/Main, 2007
308 Seiten, 11 Euro

*nicht nur weil Weihnachten naht …

16. Dezember 2007

Dur statt Moll – Ólafur Arnalds in Münster

 Was ein Akkord so alles ausmachen kann! Ólafur kringelt sich noch immer auf der Bühne und kann sich vor Lachen kaum halten. Statt wie immer den Song mit einem Moll-Akkord zu beenden, hat er noch eine Dur-Sentenz eingebaut – sein Musiklehrer wäre stolz auf ihn. Denn der dränge ihn jedes Mal dazu, seinen Songs wenigstens einen Hauch von Hoffnung einzuverleiben, die sowieso immer einen melancholischen Duktus aufweisen.

 Gepaart mit dem Missgeschickt bei »30:55« scheint dies ein gar denkwürdiger Abend für den grundsympathischen 20jährigen aus Island zu sein. In den Proben übte man der Erzählung nach nämlich nicht nur die verträumten Epen des Debütalbums, sondern auch eine Technoversion von Ace Of Bases »All That She Wants« (trotz mehrfacher Forderung leider nicht im Konzertteil), die just dann zurückschlug, als die Geigenbogen am höchsten flogen: Als falsch programmiertes Tool auf dem Laptop, was mit donnernden Beats dem Song Einhalt gebot. Das wäre zwar niemandem im Publikum störend aufgefallen, im Gegenteil, aber Herr Arnalds schien so beeindruckt, dass er sich noch minutenlang mit schüchterner Stimme für dieses Malheur entschuldigte.

Vor seinem Auftritt durfte aber erst einmal sein Cellist Enkidu sein Können unter Beweis stellen. Das tat er, in dem er seine Schuhe auszog – für das bessere Karma. Sowieso schien der wuschelige Gnom mehr Haare als Ego zu besitzen. Als Einmann-Projekt spielte er happysad dancingtunes, was ein wenig deplaziert anmutete, da das mit 250 Personen außerordentlich gut gefüllte Gleis 22 zur Hälfte auf Bierbänken Platz nahm.  »Traffik« überzeugte mit furiosem Geigenschwung und einnehmender Melodieführung, auch wenn Enkidu zurecht anmerkte, sein Unterfangen erinnere an fiese Karaoke, weil er ausschließlicher zur Beatmaschine sang – es fehle nur noch der Fernseher zum Ablesen.

Ólafur Arnalds betrat kurze Zeit später mit seinem Streicherquartett die Bühne. Enkidu ausgeklammert allesamt eindeutig nicht befugt am Kiosk nebenan eine Flasche Alkohol zu ordern. Mit scheuem Blick und nervösen Zittern legte er mit einem brandneuen Song los, der auf dem Nachfolger zu seinem Debüt »EULOGY FOR EVOLUTION« erscheinen soll. Die reduzierten und entschleunigten Epen fanden ihren Widerhall beim ebenso konzentrierten Publikum, das sich gänzlich in eine Atmosphäre der Stille fügte. So hatten Olafur und seine Mitstreiter leichtes Spiel. Man merkte ihnen zunächst nicht an, dass sie bereits ein paar Tage auf Tour sind, denn leichte Unsicherheiten am Piano und bei den Streicherinnen zeugten davon, dass hier trotz klassischem Ansatz keine routinierten und klassisch ausgebildeten Musiker am Werk sind. Das tat der Stimmung keinen Abbruch. Der stoische Beat von »Himininn Er Ad Hrynja«, einem Song seiner Tour-EP, fügte sich in die wuchtigen Streichermelodien ein, bevor mit »09:52“ leise Töne die Oberhand gewannen.  Das wortlose Spiel mit der Dramatik, dem Ausufernden, dem Zurückgezogenen spendete viele Glücksmomente. Die schrulligen, grundsympathischen Ansagen taten Übriges hinzu.

Großer Gewinner des Abends war gerade trotz der Techno-Attitüde das wundersame »30:55«. Die Beats aus dem Laptop reichten diesem Song eine Rasanz, die gerne öfter zu spüren gewesen wäre, zumal das Schlagwerk komplett fehlte. Der Rest war purer, wunderschöner Wohlklang, den Coverversionen von Death Cab For Cutie und Cursive passend abrundetet. Statt dem Weihnachtsoratorium von Back wird wohl auch nächstes Jahr das Konzert eines gewissen Isländers rot im Kalender vermerkt. Musik, die noch lange warm hält.

 
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