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Foto nordische Landschaft

09. Dezember 2007

Island, euphorisch: Múm in Frankfurt

Eins vorneweg: Die wahren Helden des Abends kommen aus Coburg. Fünf aufgekratzte Jungspunde turnen an diesem stürmischen und verregneten Anfangsdezembertag vor der Frankfurter Brotfabrik vergnügt aus ihrem Auto mit Coburger Kennzeichen. »Seid ihr extra wegen des Konzerts aus Coburg gekommen?«, frage ich als zufällige Beobachterin dieser Szene fassungslos. »Ja freilich, wir wollen Múm sehen!« kommt die strahlende Antwort, als ob es sich um eine besonders dumme Frage handelte. Die Entfernung Coburg-Frankfurt beträgt geschätzte 250 Kilometer. Das sind wahre Fans! Auch weitere Autokennzeichen lassen einem vor Rührung schlucken angesichts der zurückgelegten Strecken.

Die Coburger sollen ihre lange Anfahrt nicht bereuen, denn es wird ein warmer, aufregender, intensiver und spielerischer Abend. Ein Abend zum Liebhaben und Liebgewinnen, und das ist durchaus ernst gemeint.

Den Anfang macht die bunte Großgruppe Seabear,  Freunde des Hauptacts, die gickernd gute Laune verbreiten und mit dem Enthusiamsmus junger Jagdhunde die Schachtel mit dem Spielkram plündern, der dem Nachwuchs den Weg zur hehren Kunst weisen soll. Her mit Melodika und Mundharmonika! Im Ergebnis scheinen die wuselnden Sieben (oder Acht?) beweisen zu wollen, dass Naivität, Experimentierlust und viel Interaktion untereinander die wahren Voraussetzungen musikalischer Größe sind. Ob Arcade Fire auch einmal so angefangen haben? Zum letzten Song tumnmeln sich dann über ein Dutzend Musiker auf der Bühne, denn Múm haben ihre Freunde sichtbar lieb. Oder sind Isländer im Ausland etwa nicht gerne alleine?

Múm strahlen an diesem Abend, als ob sie Wind und Kälte ernsthaft Paroli bieten wollten. Ein Leuchten geht von dieser Band aus, in derem pulsierenden Zentrum Cellistin Hildur Gudnadsdóttir steht. Die Isländer entwerfen kluge, filigane Klangmuster, die sie behutsam aufblühen lassen wie die ersten Tulpen im Frühling. Ein neugieriges Erkunden, wohin die Reise denn gehen könnte, mit durchaus offenem Ausgang. Weniger elektronisch als erwartet, sehr viel sinnlicher, konkreter. Schlagzeug und Gitarre halten sich zurück, damit sachte Schwebendes in Ruhe treiben kann.  Eine traurige Trompete schmeichelt. Die Songs vom neuen Album »GO GO SMEAR THE POISON IVY« kommen geradezu triumphierend selbstbewusst daher, als wollte sich die Band selbst versichern, dass sie die jüngsten personellen Aderlasse gut verkraftet hat. Es ist keine verkopft-intellektuelle Stubenhocker-Musik, die Múm hier entwerfen, sondern eine, die zu neuen Märchen des Alltags verführt. Sehr tanzbar. Die beiden Sängerinnen girren und schreien und umschmeicheln sich stimmlich, als seien sie auf der Suche nach der größten Liebesgeschichte des Jahrhunderts. Hildur Gudnatsdóttir hat anderthalb Stunden lang ein seliges Lächeln auf den Lippen.

Zur Zugabe kommen die Seebären nochmals mit auf die Bühne und beschwören mit großer Geste die Notwendigkeit des Kollektivs und die Schönheit des Austausches. Alles tanzt ausgelassen. Wie entstehen diese Glücksmomente? Aus dem Gefühl, an einem intensiven kreativen Prozess teilzuhaben? Aus der Erkenntnis heraus, das Schönheit immer ganz kurz vor der Vollkommenheit zurückschrecken muss, um noch ein Versprechen offen zu halten? Fragen über Fragen, die nach diesem wunderbar inspirierenden Abend auch die Coburger auf ihrem langen Heimweg beschäftigt haben dürften.

01. Dezember 2007

In Verteidigung des jungen Herrn Dixgård

Dieser Konzertbesuch an einem trostlos verregneten und eklig klammen Novemberabend hat eine Vorgeschichte im Sommer. Und die geht so: Veranstaltungen wie Rock am Ring sind mir fünf Nummern zu groß. Wozu gibt es das Internet? Das Festival wird live im Netz übertragen, und an diesem Samstag schaue ich immer mal wieder rein, unter anderem in den Auftritt von Mando Diao. Sehr pulshochtreibend, was die großmäuligen Schweden hier bieten. Selbst virtuell ist man 45 Minuten später völlig nassgeschwitzt.

In dieser Juninacht erscheint mir Mando Diao-Sänger Björn Dixgård im Traum. Wir unterhalten uns äußerst intensiv über Musik und setzen das Gespräch dann auf einer anderen Ebene fort, ääähm, sagen wir mal so, es ist uns beiden dabei ziemlich wohl ergangen. Professor Freud, bitte übernehmem Sie! Ehrensache, dass auf angenehme Träume auch Monate später gute Taten folgen müssen und ein kleines blaues Auto Ende November über nasse Autobahnen Richtung Süden rutscht.

Björn Dixgård ist dieser Tage solo unterwegs. Was die Kreischemädels in Verwirrung stürzt. Sollte das Ende von Mando Diao angebrochen sein? Die Teenie-Fraktion in den knappem Tops ist an diesem Abend in der Alten Feuerwache in Mannheim wie erwartet reichlich vertreten. Na und? Ist das Faktum, dass Herr Dixgård nicht gerade hässlich ist, ein Grund, um ihn nicht zu mögen? Mitnichten!

Herr Dixgård hat neben seiner Hauptfunktion als Jungmädchenschwarm nämlich noch andere Talente: Er ist ein leidenschaftlicher Musiker und Sänger. Auf Solopfaden lässt er sich nur von einem Trompeter und einem Percussionisten unterstützen und unterläuft so auf feine, aber effektive Weise alle Klischees vom wilden Angeber-Rocker. Auf der Bühne brennt eine weiße Lampe der Stilrichtung Edel-Ikea. Weniger ist mehr. Herr Dixgård trägt heute Hemd im Cowboy-Stil und gibt sich zunächst mal countryesk, bluesig und huch!  fast jazzig. Sehr zurückgenommen. Nur die Gitarre und er. Irgendwann mal wackelt er theatralisch mit dem Hintern, was die erwarteten spitzen Schreie im Publikum erzeugt. So, als wollte er sagen: »Mädels, hier habt ihr was ihr wollt, und jetzt könntet ihr bitte mal für drei Minuten Ruhe geben und mit geschlossenen Augen zuhören.«

Dass sich Trompete und Bongos und Mando-Diao-Songs aus allen Schaffensphasen der Schweden in der akustischen Version bestens vertragen, ist eine nicht wirklich überraschende Erkenntnis. Aber live gut funktionieren muss es, und dass dies überzeugend gelingt, liegt am Interpreten. Herr Dixgård verfügt über Präsenz und Ausstrahlung. Es gehört  etwas dazu, sich allein mit der Gitarre auf die Bühne zu stellen und dabei zu überzeugen. Dazu braucht es Talent und Mut. Die hat der fleischige junge Mann aus Borlänge.

Herr Dixgård spielt fast anderthalb Stunden mit leidenschaftlicher Hingabe. Eigene Songs, unveröffentlichte Mando-Songs und die guten alten Hits vom ersten Album »BRING ´EM IN« Harmoniert prächtig mit den Begleitmusikern. Hat erkennbaren Spaß. Gibt sich als Gutmensch und stellt seinen verdienstvollen Tourmanager vor. Flirtet zwischendurch mit Mexicana-Klängen. Zur Zugabe legt er zu vielstimmigem Mädelsgekreische das Hemd ab und zeigt Mut zur Hässlichkeit mit deutlichen Anzeichen zum Bauchansatz. Der junge Herr Dixgård muss das Bier sehr lieben. Als Rausschmeißer gibt es die Fatalistiker- Hymmne »Ochrasy« vom vorletzten Album. So lieben sie ihren Björn, als schweißgebadetes Rock´n´Roll Animal – und es gibt an diesem intensiven Abend keinen Grund, es den Mädels zu verdenken.

 
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