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Foto nordische Landschaft

15. Mai 2008

Gedanken zum Tod zweier Bands: Jakobínarína und Ultrasport

Ständig lesen wir von aufregenden jungen Bands aus den abstrusesten Winkeln der Welt. Neu, neu, Hauptsache neu. Wenig oder kaum lesen wir von den Gruppen, die nach hoffnungsvollen Anfängen und ersten Erfolgen alles hinschmeißen. Geringer Nachrichtenwert, interessiert nur Eingeweihte, abgehakt.

Keiner ist da, der das öffentlich bedauert. Also wird es Zeit, laut zu sagen: Wie schade, dass sich Jakobínarína und Ultrasport aufgelöst haben! Beides Lieblingsbands. Beides Bands, die Alben vorgelegt haben, die in Griffweite im Regal stehen. Beides Bands, deren Songs man gerne im Treppenhaus pfeift.

Fangen wir mit den finnischen Popträumern Ultrasport an.  Die kennt außerhalb Finnlands keiner, weil das Vorurteil herrscht, dass Popmusik als Subgenre in diesem Land nicht existiert. Was für ein Fehlschluss! Ultrasport sind fünf junge Kerle aus Helsinki, die seit Jahren die wunderbarsten federleichten Popzitronensoufflés aus dem Ärmel schütteln. Wer jemals eine Sommerliebe erlebt hat, die den Herbst nicht überdauerte, dem sei zum Trost der schüchtern-melancholische Song »Kissing Summers« ans Herz gelegt. Ach, dann geht es gleich besser. Oder »Nothing Can Go Wrong« vom gleichnamigen Debütalbum: Wer dazu nicht lächelt, ist selbst schuld! Mit der zweiten Veröffentlichung »FALSE START CITY« sind die Jungs rund um Sänger Sami Konttinen übermütiger geworden. Machen sich über schlechte Architektur und hässliche Mädchen lustig. Der unwiderstehliche Höhepunkt des Albums ist das rotzfreche »Jenni And The Cigarette Taste On Her Tongue«: Da küsst einer das Mädel nur, weil er den Zigarrettengeruch ihres Mundes mag! Wer dazu nicht tanzt, muss scheintot sein.

Ultrasport sind in diesen Tagen auseinandergegangen.  Von Popmusik lässt sich im begrenzten finnischen Markt nicht leben. Den Schritt nach Resteuropa haben die Jungs nie in Angriff genommen, wohl wegen fehlener Verbindungen. Ohne ein fähiges Label und gute Promoter läuft nichts. Und dann wird man älter und hat fertigstudiert und die Freundin kriegt ein Kind und man hat noch weniger Zeit als zuvor. Und dann holen einem das Erwachsenenleben und der Alltag ein und irgendwann macht das Bandprojekt keinen rechten Sinn mehr. Und so kommt das Ende von Ultrasport daher: Pragmatisch, undramatisch, fast schon zu banal.

Anders sieht es bei den isländischen Überfliegern Jakobínarína aus, deren Debüt »THE FIRST CRUSADE« es bei uns auf Anhieb zum Album des Monats schaffte: Respektlos, stürmisch, aufregend, punkig, rockig, whatever.  Die sechs Jungspunde aus einem Vorort von Reykjavik haben Anfang des Jahres als Vorband der Kaiser Chiefs diese fast an die Wand gespielt und galten als DIE Indierockhoffnung Islands. Gehypt, herumgereicht, interviewt, hochgelobt, ständig auf Tour. Viele Bands werden mit diesem Druck fertig. Jakobínarína nicht. Zu früh kam wohl der Erfolg, zu hoch wurden die Erwartungshaltungen. Die Band kam nicht mehr zum Songschreiben, fand keine Ruhe mehr. Reibereien und Meinungsverschiedenheiten werden den Rest dazugetan haben. Es heißt, dass einige der Jungs jetzt erstmal ihren Schulabschluss nachholen wollen. Willkommen zurück in der Realität.

Was bleibt? Die Songs natürlich! Von Ultrasports letztem Album sind noch ein paar Restkopien in Umlauf. Die können gegen einen freiwilligen Beitrag von der Band erworben werden. Und zu Jakobínarínas Songs sollten wir auf der nächsten Party leidenschaftlich tanzen.