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Foto nordische Landschaft

19. Oktober 2008

Der Herbst unseres Missvergnügens: Popkomm-Nachlese

Wird die Musikbranche, die wie ein angezählter Boxer taumelt, nochmal auf die Füße kommen und zurückschlagen? Antworten auf diese Frage gab es auf der diesjährigen Berliner Popkomm nicht. Nur Beobachtungen, Schlussfolgerungen. In den beiden Messehallen unterm Funkturm, wo der offizielle Teil des Spektakels stattfindet, schienen in diesem Jahr noch weniger Aussteller als sonst ihre Produkte und Künstler anpreisen zu wollen. Das ist ein gefühlter Eindruck. Aber offenkundig bleibt: Das große Geld sitzt hier nicht mehr. Es wird gespart. Vieles wirkt billig. Aber trotzdemwird eifrig genetzwerkt rund um die Stände der Skandinavier, die selbstbewusst auftreten.

Kommen wir zur Musik, zu den Bands. Irgendwie der Eindruck, dass der große Knall ganz anderswo stattfindet. Dass das Mittelmaß vorherrscht. Oder vielleicht einfach Pech gehabt und zu den falschen Konzerten gegangen? Wir können nur mutmaßen.

Die Schweden sind viel zu stylish. Sagen die Finnen. Legen viel zu viel Wert auf ihr Äußeres. In den finnischen Äußerungen schwingt ein nicht geringer Minderwertigkeits- und Neidfaktor mit, weil man die Moden des Nachbarn gerne erst fünf Jahre später übernimmt. Aber die Beobachtung ist ansonsten völlig korrekt. Äußerlichkeiten zählen in Schweden sehr viel mehr als bei den eher rustikalen Finnen. Was hat das mit Musik zu tun? Sehr viel! Wie auf der Swedish Night im Roten Salon zu beobachten war.

Denn wie es es anders erklärbar, dass bei dem Auftritt einer Band mehrere Ventilatoren die Hauptrolle spielen? Mit Hilfe derer melodramatisch ein weißes Leintuch gebläht wird, vor dem ein Duo mit dem Namen Zeigeist sich zum Narren macht? Instrumente? Sind wir viel zu cool dazu, brauchen wir nicht. Die Beats kommen aus der Konserve. Dazu singt das grotesk gekleidete Pärchen mit dünnen Stimmchen und hampelt theatralisch herum. Er in kurzen Hosen, und das sieht nicht wirklich gut aus. Sie mit einem ihr wenig schmeichelnden 80er-Jahre-Ungetüm von Kleidchen mit Puffärmel. Mit viel gutem Willen kann man den Stil dieser talentfreien Dilettanten als Elektropop bezeichnen. Der Tag, an dem die Musik stirbt, könnte mit einem Song von Zeigeist beginnen. Grauenvoll gruselig.

Auf stylishes Auftreten legt auch ein dem Schminken nicht abgeneigter Herr mit Namen Moto Boy einigen Wert. Im Gegensatz zu den unsäglichen Zeigeists aber verfügt Oscar Humlebo zumindest über eine gewisse Fähigkeit zur Selbstironie. Inszeniert sich als den Bikerboy mit nicht eindeutigen sexuellen Präferenzen und legt einen gekonnten Spagat zwischen Glam Rocker und großäugig-poppigem Singer-Songwriter hin. Ola Salo von The Ark muss ein großes Vorbild für Humlebo sein. Bei Moto Boy ist die Musik noch akustisch – und allein für die Tatsache, dass er sich allein mit seiner Gitarre vors Publikum traut und auch noch Spaß dabei hat, gibts Extra-Symapathiepunkte.

Dass die 80er derzeit das Leitjahrzehnt für schwedische Nachwuchskünstler sind, ist nichts wirklich bahnbrechend Neues. Juvelen haben sich eine Ecke zwischen Prince und Police gesucht und pflegen den Falsettgesang. Sänger Jonas Pettersson gefällt sich in der Rolle des coolen Dandys. Endlich kann man tanzen, ohne sich schämen zu müssen! Wer unter den Hörern in den 80ern allerdings nicht in den Windeln lag oder mit Bauklötzen auf die anderen Kinder warf, dem wird so manches aus dem Juvelen-Fundus sehr, sehr bekannt vorkommen. Es lebe das Recycling!

Endgültig die Flucht ergreifen wir bei Apollo Drives wenig inspirierenden klassischen Powerrock. Gähn. Tausend Mal so oder ähnlich gehört. Wenigstens sitzen die Frisuren bei den Herren, wie es sich für richtige Schweden gehört. Äußerlichkeiten zählen eben. Und sehr viel mehr gibt es hier auch nicht zu sehen und zu hören. Wenn das die Zukunft von Rock und Pop sein soll, kann einem  bange werden.

Aber zum Abschluss doch ein versöhnender Auftritt. Nein, nicht der Schweden. Der Finnen! Rubik aus Helsinki, die mit BAD CONSCIENCE PATROL bereits ein überragendes Debüt hingelegt haben, überzeugen live am nächsten Abend in der Kulturbrauerei mit unbändiger Spielfreude, ungewöhnlichen Ideen und einem unwiderstehlich vielseititigen Sänger Artturi Taira. Dessen wandlungsfähiger Stimme und reinem Spaß an der Sache man noch Stunden hätte lauschen und zuschauen können. Artturi Taira würde in niemals in einem stylishen schwedischen Musikmagazinabgebildet werden. Dazu schert er sich viel zu wenig um sein Äußeres. Und das ist in diesem Fall auch gut so.

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