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Foto nordische Landschaft

26. November 2008

Brüderchen und Schwesterchen, verspielt: Dirty Fingernails

Ach schau an, die angeblich verstockten Schweiger aus dem äußersten Norden können auch anders! Das perfekte Gegengift zur grausamen graunassen Novembertristesse kommt ausgerechnet von einem finnischen Geschwisterpaar, das aus dem Provinznest Kajaani nach London ausgebüchst ist, um dort den rotzfrech-vergnügten Synthiepop mit garstigen Untertönen zu pflegen. Päivi und Sami Salo sind die Dirty Fingernails, die in diesen Tagen ihr erstes Album »GREETINGS FROM FINSBURY PARK, N4« vorgelegt haben. Ein einziger ironischer, zitatreicher, anarchischer, temporeicher Spaß, der mit so allen Klischees spielt, die der sensible Indiepop so zu bieten hat. Mit dicken Synthiefanfaren, zum Beispiel. Brüderchen und Schwesterchen spießen mit Vorliebe die alten Haudegen von Tom Waits über Marianne Faithful bis Bono mit der Kuchengabel auf. Und sind dabei superlebendig und sehr, sehr tanzbar.

Ganz ernstnehmen tun wir uns nicht, und diese Einstellung befreit die beiden musikalischen Protagonisten ungemein. Treibt zu allerlei Spielerei und Schabernack an. Perfekt mögen andere sein. Die Dilettanten-Attitüde hat einen unwiderstehlichen Charme. Leicht durchtriebene Schlunzigkeit regiert. Und zu nichts lässt sich zu tauenden Schneemassen auf den Straßen derzeit besser durch die Küche hüpfen als zu den wunderbar naiven Songs »Chop Suey« oder »Bruno« , wobei letzterer so schön anspielungsreich post-Suede-mäßig klingt.

19. November 2008

Isgaard und Stefan Erdmann im Gespräch

Auf der »Horizont«-Reisemesse in Karlsruhe – Gastland Island – präsentierte Stefan Erdmann täglich einmal kurze Ausschnitte aus seinem Film »ISLAND 63° 66° N«. Am Samstag, 15. November, gab es eine Besonderheit: Isgaard sang danach vier Lieder ihres aktuellen Albums »WOODEN HOUSES« live , darunter den Titeltrack und natürlich »Iceland«.

Nach Schreiben einiger Autogramme nahm sich das sympathische Duo Stefan / Isgaard samt Jens Lück (Produzent / Keyboarder / Schlagzeuger) Zeit, um über ihre Zusammenarbeit, Musik(Videos), große Gefühle – und natürlich über Island – zu plaudern.

Perfekte Symbiose

Isgaard und Stefan Erdmann kennen sich schon seit ihrer Jugend und blieben stets in Kontakt. Sie sind nicht nur Freunde, sondern arbeiten auch immer wieder zusammen: So hat der Münchner etliche Auftritte der gebürtigen Husumerin mit Videoclips untermalt, sowie zwei Musikvideos für sie produziert: »Earth Song« und »Dreams Will Never Die« (Isgaard featuring Galileo). Die Sängerin machte bereits bei den Videos die Erfahrung wie sehr Bild und Ton miteinander verschmelzen können: Derart, dass sie sich selbst gar nicht mehr wahrgenommen hat.

Diese perfekte Symbiose charakterisiert auch die Musik in »ISLAND 63° 66° N«. Die Einleitung des Films samt zugehöriger Musik Isgaards stand für Stefan Erdmann schon lange fest; die insgesamt 110 Minuten werden perfekt musikalisch ergänzt – häufig durch Kompositionen von Isgaard und Jens Lück. Stefan Erdmann: »Ohne die Musik der Beiden würde der Film nicht funktionieren – zumindest nicht für mich«.

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18. November 2008

Stefan Erdmanns »ISLAND 63° 66° N«

Es ist die schönste Liebeserklärung die je gemacht wurde – jedenfalls an ein Land. »ISLAND 63° 66° N« ist ein emotionaler Naturfilm, in dem der Filmemacher Stefan Erdmann sehr viel von sich preisgibt und gerade dadurch, sowie in Kombination mit Isgaards Musik, die Zuschauer berührt.

Er berührt Isländer »Stefan, Deinen Text ins Isländische zu übersetzen hat mir viel Spaß gemacht… und mich auch ziemlich stolz gemacht, Isländer zu sein. Danke dir. Kærar kveðjur, Óli« genauso wie Islandtouristen: »Ich habe immer behauptet: Island kann man nicht fotografieren oder filmen, man muss es selbst erleben (…) aber von diesem Film, den Sie da gedreht haben, bin ich so begeistert, das ich schon fast sagen möchte: Ja, der Stefan hat es geschafft. Er hat geschafft, die Landschaft, die Stimmung und das Gefühl dieses Landes einzufangen«.

Allerdings verärgert er einige Zuschauer auch: »Nun aber muss ich schon schimpfen mit Ihnen. Der Film ist der Hammer. Ich weiß nicht wie oft ich ihn schon angesehen habe, und mir dadurch die Zeit für unwichtige Dinge fehlt. Herzlichen Dank für dieses tolle Machwerk«.
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15. November 2008

Vier Freunde, laut: Lukestar im Bett in Frankfurt

»Diese Schweden und Norweger spielen immer so laut«, brummelt der Wirt des einzig heimeligen Clubs in der Äbbelwoikneipenkulissenwelt Frankfurt-Sachsenhausen und verkauft noch ein Ökobier mehr an die politisch korrekte Kundschaft. Lieber Wirt, auch wenn es schwerfällt und die nörgeligen Nachbarn mit bösen Anrufen beim Ordnungsamt drohen: Lukestar muss man laut hören!

Die Norweger sind in diesen Tagen erstmals auf Deutschlandtournee – und wer sie verpasst hat, sollte sich jetzt ärgern: Denn dieser eigenwillig aus allen Zeiten fallende Indierock, der seltsam glamourös ist (obwohl die vier Musiker das genaue Gegenteil davon sind!), entwickelt eine unerwartete Dynamik. Lukestar, deren Album »LAKE TOBA« sich in ihrer Heimat sehr, sehr ordentlich verkaufte, sind engagierte Spielkinder mit der positivesten Ausstrahlung einer Band seit dem sommerlichen Auftritt von Sigur Rós in Wiesbaden. Psychedelik, Power, Pathos,  Pop, – zwischen diesen Polen richten sich Lukestar entspannt ein und feiern. Feiern die Falsett-Stimme von Sänger Truls Heggero und die Tatsache, dass sie einen unglaublichen Spaß daran haben, zusammen zu spielen. Vier Freunde sollt ihr sein!

Es ist einer dieser Abende im bett, an denen es einem merkwürdig warm ums Herz wird: Weil gerade mal geschätzte 30 Leute den Weg in die Klappergasse gefunden haben und diese 30 so unterschiedlich sind, wie man sich das Publikum auf Konzerten sonst immer wünscht: Klar, die unvermeidlichen Indierocknerds, männlich, jung, die meistens in Grüppchen auftauchen. Aber auch das Pärchen jenseits der 45, das in der ersten Reihe begeistert tanzt. Das minderjährige Mädel, das seine Mutter oder eine andere Aufsichtsperson mitgebracht hat – und beide jammen angeregt. Die sehr rustikalen Typen, die aussehen wie norwegische Ölfeldarbeiter, es aber bei näherem Hinhören doch nicht sind. Die Handvoll echte Norweger (etwa die halbe norwegische Population der Mainstadt?) Die bunte Truppe, die aussieht wie von einer Balkanparty entfleucht. Wäre das Publikum doch immer so interessant durchmischt!

Lukestar, so fern allen modischen Schnickschnacks, so fern aller egoistischen Eitelkeiten, so fern aller dummen aufgesetzten Posen, sind mit ihrer ungekünstelten Freude an dem, was sie tun, die wahren Helden. Vielleicht sind so hoffungslos altmodische Eigenschaften wie Bescheidenheit und Sympathischsein in diesen Tagen die neuen Gradmesser für Coolness. Die Norweger also die Trendsetter?

06. November 2008

Die Isländer sind die neuen Finnen: Bang Gang in Heidelberg

Barði Jóhannsson hätte an diesem Abend dem legendären finnischen Skispringer Janne Ahonen Konkurrenz machen können: Der isländische Musiker, derzeit mit seinem Projekt Bang Gang auf Tour, verzieht während des gesamten Konzert im Heidelberger Karlstorbahnhof keine Miene. Lächeln? Was ist das? Kleine Zwischenansagen, ein bisschen Smalltalk? Kann er nicht, will er nicht. Geradezu ein Gefühlsausbruch, dass er Heidelberg pflichtschuldig als»beautiful city« bezeichnet. Die Einheimischen quittieren das Kompliment mit Achselzucken.

Barði Jóhannsson kommt an diesem Abend wie der König aller Nerds daher: Strähniges Fransenhaar, überdimensionierte Brille, eckige Ungelenkheit. Ein großer, dürrer Mensch, der sich selbst im Wege zu stehen scheint, mit streng hochgeknöpftem Hemd, gekleidet in gedeckten Farben und den obligatorischen engen Jeans. Ein Mann, der nur aus spitzen Ellenbogen zu bestehen scheint.

Barði Jóhannsson ist an diesem Abend ein Magier des Melodramas. Ein Zauberer der großen Gefühle. Denn sein in diesem Jahr erschienenes, großartiges Album »GHOSTS FROM THE PAST« ist eine einziges großes Aufarbeiten eines gewaltigen Liebeskummers. Ein Aufschrei eines grandios verletzten Herzens. Ein Wüten, ein Flehen, ein Aufbegehren. Nur, und so lautet die große Frage des Abends: Wie ist das live zu vermitteln?

Barði Jóhannsson weiß die Antwort: Mit einer verhaltenen Hingabe. Mit einer zurückgenommenen, ernsten, auf den Punkt fokussierten Begleitband. Mit weißer Wut und Zartgefühl. Mit emotionalen Ausbrüchen und introvertierter Zurückgezogenheit. Und mit Rock! So laut, so ungestüm losstürmend – so hätten wir den romantischen Popgrübler nicht erwartet.

Barði Jóhannsson ist an diesem Abend im spärlich gefüllten Konzertsaal ein Meister der Überraschungen. Dem von Ville Valo und Natalia Avelon im letzten Jahr zu neuen Radiorotationen verholfenen Hazlewood-Sinatra-Klassiker »Summer Wine« als letzte Zugabe zu bringen – augenzwinkernd, ironisch, hingebungsvoll – dazu gehört etwas. Vielleicht ein Lächeln, Herr Jóhannsson?