Lieber Rasmus Kellerman,
Du bist Künstler und das ist schön so. Denn Du als Tiger Lou hast einige bleibende Alben vorgelegt, die gerade wegen ihrer Mischung aus Härte, Wut und Sensibilität überzeugten. Die Deine Liebe zum intelligenten, empfindsamen Powerpop trotz aller Rocklust nie ganz verbergen konnten.
Aber eines Tages musst Du Dir gedacht haben, dass Du eigentlich doch einer von den harten Jungs sein willst. Und hast ziemlich lange an Deinem aktuellen Veröffentlichung »A PARTIAL PRINT« herumgewerkelt. Und hast das Album schließlich es im Alleingang eingespielt, wohl im Vertrauen auf Dein unbestreitbares Talent. Das kann klappen. Das kann aber auch daneben gehen. Und, sorry: Das ist es. Denn Du dachtest vielleicht, dass Du Dich entscheiden musst, wer Du sein willst: Der coole Rocker oder der verständnisvolle Versteher.
Und Du hast gedacht, ach, der coole Rocker, schwarz, schwarz, schwarz, das ist es. Und dabei ist etwas Wichtiges auf der Strecke geblieben.
Denn kein Song von »A PARTIAL PRINT«will wirklich hängenbleiben. Beliebigkeit regiert.
Du bist Künstler und dachtest vielleicht, wow, ich bin so viel getourt in meinem Leben und dieses Mal mach ich mal was völlig anderes. Richtig innovativ wie die großen Jungs, die sich das leisten dürfen: Ich spiele auf der aktuellen Tour das neue Album vom ersten bis zum letzten Stück in chronologischer Reihenfolge. Aber es ist etwas Wichtiges auf der Strecke geblieben. Denn Du hast ignoriert, dass Live-Konzerte aus Spannungsbögen leben. Und eben diese fehlen auf »A PARTIAL PRINT«. Im Ergebnis heißt das, dass das Konzert im Wiesbadener Schlachthof in der ersten Stunde stupend unbefriedigend war. Der schlimme Sound (wer stand denn da hinter dem Mischpult? AUA!), der gab den Songs den Rest. Es kam einfach nichts herüber. Kein Gefühl, nirgends.
Dass das Publikum bei den Zugaben plötzlich leidenschaftlich abgeht, das sollte Dir zu denken geben. Denn der viel zu kurze Zugabenblock bestand ausschließlich aus Songs Deines Vorgänger-Albums »THE LOYAL«. Und plötzlich sangen alle textsicher mit. Einschließlich mir. Und ich bin mir sicher, das lag nicht daran, dass Dein Publikum aus innovationsfeindlichen Traditionalisten bestand. Deine Hörer wären Dir gerne zu neuen Ufern gefolgt. Aber da war nichts Überzeugendes.
Und noch ein letzter Satz. Einer Deiner schönsten Songs, »Oh Horatio«, den hast Du nicht mal im Zugabenblock gespielt. Der ist sehr, sehr poppig. Kein Song, dessen man sich heute als zu weich schämen müsste. Wirklich nicht.
Beste Grüße
die besorgte Immer-Noch-Fannin