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Foto nordische Landschaft

18. Dezember 2008

An Weihnachten liegt Finnland in Stuttgart


Alle Jahre wieder kommt ein Stück Finnland auf den Stuttgarter Karlsplatz, organisiert von »Kalevala Spirit«. Das schon zu einer Tradition gewordene finnische Weihnachtsdorf offeriert in seinen roten Holzhäuschen nicht nur finnische Mitbringsel, sondern auch eine etwas andere kulinarische Palette: Diese reicht von pervers (»schwäbisch-finnische Maultaschen«) bis traditionell (Elchfrikadellen).

Kesselkaffee und heißen Preiselbeersaft gibt’s schon für einen Euro, die Rentieralternative zur klassischen Bratwurst für fünf Euro und wer etwas ganz Besonderes will, der greift noch tiefer in die Tasche und investiert neun Euro in den Flammlachs.


Absolutes Muss: Glögi, der finnische Beerenglühwein – eine wohltuende Alternative zu dem (meist) klebrig-süßen deutschen Gegenstück. Was auch immer der Besucher genießt: Am stimmungsvollsten kann er dies auf mit Rentierfell belegten Bänken in der Samenkota mit Lagerfeuer.

Endspurt, auf geht’s: Noch bis zum 22. Dezember steht das Dorf. Geöffnet ist es Montag bis Samstag von 10 bis 21 Uhr, sonntags von 11 bis 21 Uhr.

15. Dezember 2008

Wir kommen um uns zu beschweren: Ein kleiner Brief an Tiger Lou

Lieber Rasmus Kellerman,

Du bist Künstler und das ist schön so. Denn Du als Tiger Lou hast einige bleibende Alben vorgelegt, die gerade wegen ihrer Mischung aus Härte, Wut und Sensibilität überzeugten.  Die Deine Liebe zum intelligenten, empfindsamen Powerpop trotz aller Rocklust nie ganz verbergen konnten.

Aber eines Tages musst Du Dir gedacht haben, dass Du eigentlich doch einer von den harten Jungs sein willst. Und hast ziemlich lange an Deinem aktuellen Veröffentlichung »A PARTIAL PRINT« herumgewerkelt. Und hast das Album schließlich es im Alleingang eingespielt, wohl im Vertrauen auf Dein unbestreitbares Talent. Das kann klappen. Das kann aber auch daneben gehen. Und, sorry: Das ist es. Denn Du dachtest vielleicht, dass Du Dich entscheiden musst, wer Du sein willst: Der coole Rocker oder der verständnisvolle Versteher. Und Du hast gedacht, ach, der coole Rocker, schwarz, schwarz, schwarz, das ist es. Und dabei ist etwas Wichtiges auf der Strecke geblieben.

Denn kein Song von »A PARTIAL PRINT«will wirklich hängenbleiben. Beliebigkeit regiert.

Du bist Künstler und dachtest vielleicht, wow, ich bin so viel getourt in meinem Leben und dieses Mal mach ich mal was völlig anderes. Richtig innovativ wie die großen Jungs, die sich das leisten dürfen: Ich spiele auf der aktuellen Tour das neue Album vom ersten bis zum letzten Stück in chronologischer Reihenfolge. Aber es ist etwas Wichtiges auf der Strecke geblieben. Denn Du hast ignoriert, dass Live-Konzerte aus Spannungsbögen leben. Und eben diese fehlen auf »A PARTIAL PRINT«. Im Ergebnis heißt das, dass das Konzert im Wiesbadener Schlachthof in der ersten Stunde stupend unbefriedigend war. Der schlimme Sound (wer stand denn da hinter dem Mischpult? AUA!), der gab den Songs den Rest. Es kam einfach nichts herüber. Kein Gefühl, nirgends.

Dass das Publikum bei den Zugaben plötzlich leidenschaftlich abgeht, das sollte Dir zu denken geben. Denn der viel zu kurze Zugabenblock bestand ausschließlich aus Songs Deines Vorgänger-Albums »THE LOYAL«. Und plötzlich sangen alle textsicher mit. Einschließlich mir. Und ich bin mir sicher, das lag nicht daran, dass Dein Publikum aus innovationsfeindlichen Traditionalisten bestand. Deine Hörer wären Dir gerne zu neuen Ufern gefolgt. Aber da war nichts Überzeugendes.

Und noch ein letzter Satz. Einer Deiner schönsten Songs, »Oh Horatio«, den hast Du nicht mal im Zugabenblock gespielt. Der ist sehr, sehr poppig. Kein Song, dessen man sich heute als zu weich schämen müsste. Wirklich nicht.

Beste Grüße

die besorgte Immer-Noch-Fannin

08. Dezember 2008

Jimi Tenor (mit Kabu Kabu und Hajusom) in meiner Stadt

Was für ein Mantel! Reicht lang bis auf den Boden, dazu über und über mit Pailletten besetzt. Plus der Pony und die schwere Brille – Jimi Tenor kann auch diesmal gut als Elton John Parodie durchgehen. Aber wichtig ist ja die Musik! Und da hat er sich bekanntlich weg von allerlei elektronischer Bastelei hin zu grundsolidem Jazz entwickelt. Keyboard, Saxophon, Flöte – und einmal singt er auch kurz. Plus seine phantastische Band Kabu Kabu, die er sich in letzter Zeit zusammen gestellt hat, gibt das eine wunderbare Begleitung für die „Back Up Story: ein Musical, das Tenor mit der Hamburger Performanceformation Hajusom dieser Tage auf Kampnagel aufführt.

Hajusoum entstand vor gut zehn Jahren aus der Theaterarbeit mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen heraus. Mittlerweile haben sie verschiedene Programme inszeniert und auf die Bühne gebracht, konnten zwischendurch verhindern, dass der eine und andere Mitstreiter doch noch abgeschoben wurde und sind heute eine feste Größe in der Hamburger Theaterszene. Ihre neue Produktion „Back Up Story“ beginnt folglich dort, wo die „West Side Story“ aufhört: Eine Gruppe quirliger und gut gelaunter Sängerinnen und Tänzer tourt durch die Welt und genießt den Erfolg. Nur dass der Manager das Geld unterschlägt und alle im Gefängnis landen, war so nicht vorgesehen. Also macht sich die Gruppe auf die Suche nach der Weltformel und entzieht sich den irdischen Zwängen und Einschränkungen durch eine Reise durch die verschiedenen Dimensionen.

Garniert wird all das durch rasante Tanznummern und ein gutes Dutzend Songs zwischen Soul, Funk und Jazz, die Jimi Tenor vertonte und der zugleich für die Zwischenmusik sorgt. Fazit: Ein spannender Abend, getragen auch von einem Komponisten, der sich angenehm zurück hält und einfach seinen längst so erdigen, manchmal gar brazz-lastigen Jazz spielt.

Die nächsten Termine: 10.12., 12.12., 13.12., 14.12., jeweils 20 Uhr

02. Dezember 2008

Es bleibt in der Postrock-Familie: Halo Of Pendor

Die Göteborger Postrock-Szene muss man sich wohl wie einen sehr überschaubaren, familienähnlichen Verbund vorstellen: Jeder kennt jeden und jeder spielt irgendwie neben der eigenen Band noch im Nebenprojekt des besten Kumpels mit.  So wundert es also nicht, dass eine der neueren Formationen aus der Hafenstadt, nämlich Halo Of Pendor, aus alten Bekannten und ihren engsten Freunden besteht: Im Grunde handelt es sich hier um das bereits länger vor sich hinköchelnde Soloprojekt von Daniel Öhman. Der ist engstens mit den Lokalheroen EF verbandelt und hat zur Verstärkung deren Cellisten Jonatan Hammar mitgebracht. Dieser wiederum hat bereits nach Kräften seinen EF-Bandkumpel Claes bei dessen eigener Kapelle Immanu El beim Debüt »THEY´LL COME THEY COME« unterstützt. Andere Halo-Of-Pendor-Aktivisten sind wiederum bei The Gentle Act Incident aktiv. Über die inzestuösen Verästelungen der Göteborger Postrocker ließen sich sicherlich ganze Doktorarbeiten verfassen.

Halo OF Pendor also an einem frostigen Vorweihnachtsabend im Offenbacher Hafen 2. Geradezu schüchtern, verhalten kommen sie daher. Scheinen sich zunächst hinter ihren elektronischen Stimmensamplern zu verstecken. Ein Daniel Öhman, der so zerbrechlich aussieht, dass man ihm am liebsten eine Tasse heißen Kakao und ein dickes Stück Marmorkuchen anbieten möchte. Noch ein wenig unfertig wirken die in bester Postrock-Manier ausufernd-suchenden Stücke. Romantisch suchend. Die blaue Blume vielleicht?

Stockend erzählt Öhmann von den jüngsten Tourkatastrophen: Von einem auf nächtlicher Autobahnfahrt geplatzten Reifen und dass gottseidank niemanden etwas passiert ist. Nur dass er jetzt vollkommen pleite ist. Die Reisekasse überstrapaziert. Und dass er zur Aufbesserung höchstens Demoversionen seiner Songs verkaufen kann. Ein Album gibt es noch nicht.

Erst zum letzten Stück scheint den melancholischen Göteborgern endlich warm zu werden. Vielleicht weil sie das Sampelei-Gefrizzel und und Apple-Notebook-Rumgefrickele endlich lassen und sich von den selbst produzierten Tönen in andere Sphären wegtragen lassen. Und endlich kann Jonatan Hammar zeigen, dass ein Glockenspiel eine empfindsame Seele hat und so klingen kann wie ein kleines Symphonieorchester.

Dass die superlebendigen, überwältigenden, leidenschaftlichen Anathallo aus Chicago die kleinen Göteborger anschließend an die Wand und in einer völlig anderen Liga spielen, soll nur der Vollständigkeit halber festgehalten werden. Denn klein angefangen haben alle mal.

(Foto: Emilie Bjork)