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Foto nordische Landschaft

30. Mai 2009

Lily Electric: Indie-Leidenschaft versus hohe Fußballkunst

Was haben vier junge Dänen namens Bjarke Porsmose, Tobias Mynborg, Morten Dybdal und Rasmus Valldorf  den viel bewunderten Ballkünstlern Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Samuel Eto´o oder Wayne Rooney entgegenzusetzen? An diesem Abend leider nur sehr wenig! Denn dass just zum Zeitpunkt des allerersten Konzerts der dänischen Indierocker Lily Electric im lauschigen Frankfurter Club das bett der FC Barcelona seine Fußballkunst im Finale der Champions League entfesselt, das hatten die Dänen nicht auf ihren Radar.lily5 Zahl der Konzertbesucher an diesem Abend: Sechs bis acht. Es werden auch nicht mehr, als der bett-Betreiber Frank Diedrich gnädigerweise den Abpfiff abwartet und die Zeiger der Dreikönigskirche über Sachsenhausen gegen halb elf wandern.

Arbeitsverweigerung wollen Lily Electric nicht betreiben. Würden diese Jungs nie tun. Vor sieben Zuschauern wird genauso engagiert aufgespielt wie in einem drängend vollen Club. Vielleicht ein bisschen schüchterner, weil die Reihen unten gar so dünn sind. Dann muss eben das Publikum genauso engagiert sein. Machen wir doch gerne und klatschen sehr, sehr wohlwollend und treten noch drei energische Schritte vor. Und auch der Wirt selbst lauscht wohlwollend.

Lily Electric haben sich gehäutet. Von den fröhlichen Flower-Power-Spielkindern der ersten EP in Richtung Psychedelik-Rock. Immer noch sehr retro, aber neuerdings mit deutlichem Ambient-Einschlag. Energisches Gitarrengeschrammel und viele Wah-Wah-Effekte. lily6Auf ihrem Debüt-Album »YOU´RE IN THE PICTURE YOU SAW« ziehen sich die Songs in die Länge, wie es sich für ordentlichen Art-Rock gehört. Songs wie das sehr verspielte »Naughty Girl«,  das mit Beach-Boys-Klängen flirtet, wollen sie  gar nicht mehr spielen. Wir sind eben jetzt anders! Live kommen die neuen Klänge sehr wuchtig daher, mächtig unterstützt vom souveränen Schlagzeuger Rasmus Valldorf, der übrigens während der Schwerstarbeit so hinreißend lächeln kann, dass nicht nur mein Herz wie Softeis am sommerlichen Strand dahinschmilzt.

Hand aufs Herz: Neu ist die Mélange nicht, mit der Lily Electric hier experimentieren. Die dänischen Landsleute Figurines oder Slaraffenland sind in ähnlichen musikalischen Landschaften unterwegs. Na und? An diesem Abend in Frankfurt zeigt die Band Charakter. Sie hätte nach energischen Bitten der Zuhörer sogar noch eine zweite Zugabe gespielt, hätte nicht irgendeine unsensible Hand die Anlage hochgedreht und damit übergangslos zum schnöden Alltag übergeleitet.

Das überaus Angenehme an diesen Konzerten im kleinen Rahmen – so bitter es für die Musiker auch sein mag! – sind die Gespräche mit der Band, die sich danach fast von selbst ergeben. Danke für das überzeugende Gig! Damit bringt man die Lilys dann doch noch zum Strahlen. Gitarrist Tobias Mynborg (Foto) lilly4erzählt von den jüngsten personellen Veränderungen in der Band, dass ehemalige Mitglieder jetzt bei den derzeit sehr gehypten The Asteroids Galaxy Tour mitspielen und dass sie schon längst nicht mehr alle in Berlin wohnen und dass sie die Geschichte mit dem Champions-League-Finale überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. Eine überzeugende Alternative zur hohen Fußballkunst bieten die vier Dänen allemal.

24. Mai 2009

Orka oder: Rock von den Faröern, ziemlich anders

Stellen wir mal viele Fragen. Fragen stellen ist immer gut. Also:  Wie viele faröische Rockbands kennen wir? Äähm, keine. Wie hört sich wohl faröische Rockmusik an? Muss irgendwie rauh, karg,ungeschliffen,  geradezu gewaltättig klingen. Nach Isolation und nach der unbändigen Neugier auf Anregungen von Außen und nach stolzem Beharren auf dem Eigenen. orka1Mit diesen Vermutung liegen wir schon mal ziemlich richtig. Denn Orka klingen wie ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht. Wie wenn Tom Waits auf Walfang fahren und dabei Gruselgeschichten erzählen würde. Oder als ob die Einstürzenden Neubauten und Kaizers Orchestra einen Wettstreit starten würden, bei dem es um das Erreichen der Höchstpunktzahl in den Diszipinen Anarchie und Experimentierlust ginge.

Das erste Orka-Album »LIVANDI OYDA« wurde in einer Scheune auf den Faröer aufgenommen. Die Instrumente wurden allesamt selbst gebaut. Aus Gerätschaften, die im Umkreis von Scheunen eben so herumliegen: Sägen, Fässern,Tonnen  Schleifmaschinen, Fernsehantennen und Zaunpfählen. Um nur einige zu nennen. Die sechs Musiker rund um Sänger Kári Sverisson entwerfen damit ein höchst eigenwilliges orka2Klanguniversum, das sich vorschnellen Definitionen widerborstig entzieht. Aber in seiner kraftvollen Eigenwilligkeit durchaus süchtig machen kann.

Dass sich hoch im Norden Ungewöhnliches tut, hat sich inzwischen bis Mitteleuropa herumgesprochen. Nicht zuletzt durch die kraftvollen, rohen, fast schon Angst einflößenden Live-Auftritte des Sextetts. Zum  diesjährigen Transmusicales-Festival in Frankreich wurde Orka als »Band in Residence« eingeladen und ein gemeinsamer Auftritt mit Yann Tiersen (»Die fabelhafte Welt der Amélie«) arrangiert. Wie die Zusammenarbeit mit dem Filmkomponisten ausgefallen ist, kann man hier erfahren.

Ach ja, Orka singen auf Faröisch. Verstehen tut man nicht viel. Fühlen um so mehr. Der Eindruck, den die Nordmänner bislang hinterlassen haben, war nachhaltig. Demnächst orka3sind sie die wohl erste Rockband von den Faröer Inseln, die jemals auf dem legendären Roskilde-Festival gespielt hat.

Die Fotos hat Jógvan Andreas á Brúnni gemacht.

17. Mai 2009

For A Minor Reflection: Isländischer Postrock mal anders

Island, Postrock, Sigur Rós. Die übliche Dreieinigkeit. Aber hier wollen wir nicht stehenbleiben. Der Nachwuchs drängt nach. Vier Zwanzigjährige aus Reykjavik, die melodramatischen, instrumentalen Postrock zelebrieren und sich For  A Minor Reflection nennen. Na und, großartige Neuigkeiten, das machen Bands wie Mogwai und Godspeed You! Black Emperor doch alle Tage, werden Skeptiker sagen.

Wer sich nicht überraschenfomr1 lassen will, dem entgehen die leidenschaftlichen, empfindsamen, ausufernden, intelligenten Songs auf dem Debüt »Reistu þig við, sólin er komin á loft…«. Übersetzt heißt der Albumtitel übrigens in etwa »Steh auf und strahle, die Sonne ist aufgegangen«. Klare Ansage.

Eine wesentliche Komponente des Postrock ist seine Experimentierfähigkeit. Über Grenzen gehen, Schönheit suchen, sich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben. Versuchen, irgendwelche fernen, fernen Ideale zu erreichen. Sich den Blick des kindlichen Staunens zu bewahren. Den ach so erwachsenen Alltag hinter sich lassen. Sich Zeit nehmen, die blaue Blume zu suchen. Alle Postrocker sind in dieser Hinsicht echte Romantiker.

For A Minor Reflection sind im besten Sinne Suchende. Das haben auch die größten Ausprobierer, Träumer und Grenzgänger Islands erkannt. Sigur Rós haben die Nachwuchsband bereits auf Europatour mit unter ihre Fittiche genommen und sie mit dem nachdrücklichen Kompliment bedacht, dass For A Minor Reflection irgend eines fernen Tages besser sein werden als Mogwai. Na denn.

famr2For A Minor Reflection sind übrigens auch ohne ihre großen Förderer flügge. Anfang Juni sind die Isländer im Rahmen der Norðrið-Reihe auf Deutschland-Tour. Nähere Informationen unter unseren Tourterminen. Das Frankfurter Konzert ist bereits in meinem Terminkalender mit Rotstift vorgemerkt.

12. Mai 2009

Gogoyoko: Sieht so die Zukunft des Musikgeschäfts aus?

Fair play in music. So lautet das Motto des von Gogoyoko. Einfach eine weitere Social-Networking-Plattform zum Thema Musik? Irgendwie nicht. Denn die Isländer wollen nichts weniger als eine Form der digitalen Demokratie schaffen. Das soll so funktionieren: Musikfans können Platten  oder Tracks ihrer bevorzugten Bands von den Künstlern selbst kaufen. gogoyokoDen Preis bestimmen die Künstler. Und trotz der Umsonst-Mentalität im Internet dürfen sich die Betreiber von Gogoyoko einige Hoffnungen machen, dass ihr Glaube an das Gute im Menschen berechtigt ist. Denn wer eine Band liebt, sieht ein, dass er sie für ihr kreatives Schaffen bezahlen muss. Und Fans geben ihr Geld ohne großes Geschrei aus, wenn sie ihre bevorzugten Musiker damit unterstützen. Der Erfolg von Radiohead, die ihr Album »IN RAINBOWS« über ihre Website verkauft haben, hat dies bereits hinreichend bewiesen.

Zu den isländischen Künstlern, die mit Gogoyoko zusammenarbeiten, gehören – wen wundert´s! – die üblichen, aufrechten Verdächtigen der Atlantikinsel: Sigur Rós (Foto), Ólafur Arnalds, Sin Fang Bous, Múm und Hjaltalín, umsigur nur einige aufzuzählen. Plus ein buntes, internationales Sammelsurium von Bands aus der großen weiten Welt des Indiepop. Mit einer derzeit noch eindeutigen Überzahl skandinavischer Bands.

Da Social-Web-Tools heute zum Guten Ton jedes Plattform- und Shopbetreibers gehören, können Musikfans auf Gogoyoko selbstverständlich per Streaming in ganze Alben reinhören, sich mit Gleichgesinnten austauschen, neue Musiktipps geliefert bekommen, sich über Konzerte und andere Veranstaltungen exklusiv auf dem Laufenden halten lassen und, nun kommts!: Gleichzeitig noch Gutmenschen sein. Denn ein Teil der Erlöse von Gogoyoko fließt in soziale Projekte. Schau Dir das mal an, lieber Josef Ackermann, und dann reden wir nochmal über Deine berühmten 25% Rendite pro Jahr!

Künstler und Labels können sich auf Gogoyoko ebenso vernetzen wie die User, versprechen die Isländer. Alle glücklich und zufrieden dann in der schönen, gerechten, neuen Musikwelt?

Am 1. Mai ist Gokoyoko offiziell mit einer großen Party in Reykjavik gestartet. Künstler, die sich beworben haben, erhielten Einladungscodes. Die Fans müssen sich noch ein wenig gedulden, können sich vorerst nur registieren und darauf hoffen, dass sie das neue Angebot bald auch aktiv nutzen können. Ein bisschen Geheimniskrämerei und Exklusivität haben noch nie geschadet. Wer sich aktuell auf dem Laufenden halten will, kann sich das Gogoyoko-Blog im Reader abspeichern und den positiven Nebeneffekt genießen, dass dort regelmäßig exklusive Videos von Gogoyoko-Künstlern eingestellt werden.