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Foto nordische Landschaft

14. Juni 2009

For A Minor Reflection: Schuhe fliegen, Gefühle explodieren

Erstmal hinfinden! Unwirtlichen Industrielandschaften trotzen und unerschrocken verlassene Treppenhäuser erklimmen, dem fernen Klang menschlicher Stimmen folgen. Aber dann! Beim Konzert der isländischen Postrocker For A Minor Reflection auf der semi-improvisierten Bühne in den Geschäftsräumen des Frankfurter Hazelwood-Labels im tiefsten Rödelheim geht es unerwarteterweise zunächst so zu wie bei einem Betriebsausflug von Blaumannträgern. Die Band wünscht sich vor zu erledigender Arbeit per Handschlag gutes Gelingen. Zunächst stellt der zweite Gitarrist Guðfinnur Sveinsson dem Publikum das handelnde Personal auf der Bühne namentlich vor. Erst dann legen die 20-jährigen Herren los.famr1 Als Allererstes streift sich Sologitarrist Kjartan Holm (Foto) die Turnschuhe von den Füßen und schleudert sie in lässigem Bogen von der Bühne. Schlagzeuger Jóhannes Ólafsson ist schon gleich mal auf Strümpfen gekommen. Fühlt Euch wie zuhause, Jungs!

Verhalten fangen sie an. Das gehört zum Wesen des Postrock. Spannungsbögen langsam aufbauen und irgendwann in Schönheit und Lärm explodieren und diesen Moment möglichst lange in allen Variationen auskosten. Es liegt nah, Parallelen zu endlos herausgezögerten Orgasmen zu ziehen. Gitarrengewitter entfachen, kontrollierte Raserei zelebrieren. Irgendetwas suchen, das man vielleicht irgendwann findet oder besser doch nie. Postrocker sind vielleicht die letzten noch verbliebenen Romantiker dieser Welt und die vier sehr minderjährig aussehenden Isländer machen an diesem Abend keine Ausnahme.

Dass die jungen Musiker ihren großen Vorbildern Mogwai und Explosions In The Sky aufmerksam gelauscht haben, ist an diesem Abend hörbar. Von Sigur Rós könnte der Hang zum Traumwelten-Schaffen kommen. Was nicht verwundern dürfte, ist doch Gitarrist Kjartan der kleine Bruder des Sigur-Rós-Bassisten Georg Holm. Und jetzt Schluss mit den Querverweisen,famr2 denn For A Minor Reflection sind an diesem Abend im leider nur recht spärlich besuchten Hazelwood-Headquarter vor dem legendär stoffeligen Frankfurter Publikum vor allem eins: sie selbst. Leidenschaftlich, naiv, ausprobierend, hingebungsvoll und intensiv. Guðfinnur (Foto) denkt, er müsse gutgemeinte Anekdoten erzählen. Muss er nicht. Ihre Musik steht für sich.

For A Minor Reflection sind Zerstörer und Kreateure. Zerlegen die Musik in ihre Einzelteile. Und in Momenten gelingt es ihnen, etwas Neues zu schaffen. Dann kreischen die Gitarren wie wütende Möwen. Dann entsteht eine Ahnung, dass diese Vier irgendwann unerhörte Klangwelten schaffen werden. famr3Denn da ist neben der Wut auch die Zartheit. Wenn sich Kjartan und Guðfinnur ganz zum Schluss ans E-Piano setzen und mit somnambuler Sicherheit vierhändig spielen. Plötzlich sind diese beiden eckigen, dürren, ungelenken und unfertigen jungen Männer die schönsten Menschen im Saal. In zwei Jahren schon könnten For A Minor Reflection großartig sein. Vielleicht schon in einem Jahr. Das Herz schlägt schneller.

Die Fotos hat Käthe deKoe beim Münchener Konzert aufgenommen – besten Dank nochmals, dass ich Deine Fotos verwenden darf!