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Foto nordische Landschaft

31. August 2009

First Aid Kit: »Wir spielen jetzt ein Buffy Sainte-Marie-Cover«

Ein wenig Wehmut ist immer dabei bei Folklore im Garten, dem Festival rund um das Kulturzentrum Schlachthof in Wiesbaden. Trotz immer noch sommerlicher Temperaturen, trotz Miniröcken, kurzen Hosen und Kaltgetränken im Freien – es liegt ein Hauch von Abschied in der Luft. Der Abschied vom Sommer ist greifbar im intensiven Blau des Himmels. Bereits um kurz nach sieben beginnt die Sonne hinter einem der Schuppen entlang der Eisenbahngleise langsam zu versinken. Es ist das letzte Open-Air-Festival der Saison, danach kommt der September, und wahrscheinlich stehen ab morgen schon die ersten Packungen Spekulatius als Einstimmung auf die Weihnachtszeit auf einem Sondertisch im Supermarkt.

In diese leicht melancholische Stimmung des Abschieds von etwas Strahlendem und dem Beginn von etwas Nachdenklichen passt der sanfte Folkpop von First Aid Kit: Die Schwestern first-aid-kit-3Klara und Johanna Söderberg, beide noch deutlich unter 20, sind heutige Wiedergängerinnen von ernsthaften Klampfenheldinnen aus den 6oern wie etwa Melanie. Schüchternheit und Schlaghosen und weiße Puffärmelblüschen inklusive. Betont bescheiden huschen die beiden auf die Bühne. Von nichts anderem begleitet als Gitarre, Keyboards und Hackbrettchen. Kaum können sie unter all den Schwaden ihrer wallenden Haare in die Menge schauen.

Aber dann beginnen die beiden zu singen. In einer selbstverständlichen Harmonie, dass die Gespräche im Publikum rasch verstummen. Klar, das ist Retro. Klar, das ist so, als befänden wir uns Mitte der 60er auf irgendeinem fortgschrittlicheren US-Campus und die ersten zarten Rückbesinnungen auf das Folk-Erbe der 20er- und 30er-Jahre kommen selbstbewusst hoch und ein Hauch von Protest und erstem Hippietum liegt in der Luft. Das klingt erstmal völlig gestrig und so lange vergessen, dass wir uns heute an Namen wie Buffy Sainte-Marie fast nicht mehr erinnern können. Die kanadische Folksängerin hat den Anti-Kriegs-Klassiker »Universal Soldier« geschrieben, eine der Hymnen gegen den Vietnamkrieg. Und genau dieses Lied, seit fast vierzig Jahren allmählich in Vergessenheit geraten, covern die beiden Schwestern jetzt. Befreien es behutsam vom Staub der Jahre, passen den Text an unsere Zeit an und singen es mit einer respektvollen Frische, dass die alten Zöpfe ganz von alleine fallen. Ernsthaftigkeit und Naivität siegen!

Diese schwedischen Mädels haben überhaupt kein Problem damit, dass sie sich in einer Tradition first-aid-kit-4bewegen, deren große Zeit sich fast zu Zeiten ihrer Großeltern abspielte. Wir mögen das und machen unsere eigene Geschichte daraus! Mit erstaunlich tiefgründigen, vom Wechselspiel der beiden Stimmen getriebenen Songs, die sich bewusst auf die Folk-Tradition der 6oer beziehen. Aber bereits einen eigenen Ton anschlagen, der sogar das vom sonnigen Tag und einigen alkoholischen Getränken angetüterte Publikum auf den Holzbänken aufhorchen lässt. Uncool ist anders!

»We aim for the hearts, not the charts!« haben sich First Aid Kit als Wahlspruch selbst vorgegeben. Bei den Festivalbesuchern kommt diese Botschaft an. Das Publikum will die beiden in Deutschland noch nahezu unbekannten minderjährigen Damen nicht unter zwei Zugaben von der Bühne lassen. Das erste lange Album haben die Schwedinnen noch nicht einmal eingespielt. Es kommt erst im Januar. Kann einem fast schwindelig machen, die Vorstellung, was diese beiden jungen Frauen noch anstellen werden, wenn sie die 20 überschritten haben.

Die Fotos sind von Josefin Klåvus.