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Foto nordische Landschaft

27. September 2009

Dear Euphoria: Nachsommer ist der schönste Sommer

Diese warmen Frühherbstabende! Lassen den Nachsommer um so intensiver glühen. An diesem Abend scheint sich der Sonnenuntergang endlos hinzuziehen. Die Türen des Hafen 2-Cafes am Offenbacher Hafen sind weit geöffnet und hinter der Wiese mit den Bänken und den Sonnenschirmen fließt der Main. Bühne frei für Dear Euphoria, das Ensemble um die schwedische Chanteuse Elina Johansson und ihre drei Tourmitstreiter. Die die warmen Tage mit eigenwillig-schrulliger Zartheit verabschieden.

Frau Johansson, deren weißes Designkleidchen auf merkwürdige Weise mit dem Poncho und Schlapphut kontrastiert, den Gitarrist Sven Johansson (ihr Bruder vielleicht?) an diesem Abend als Bühnenoutfit gewählt hat, bewohnt eine dieser märchenhaften Zwischenwelten. In denen – um hier mal eine Orientierungshilfe zu geben! – Sängerinnen wie Tori Amos und noch eher, Loreena McKennit, beheimatet sind. In diesen Welten geht man nicht. dear-euphoriaMan schwebt. Mindestens zwei Zentimeter über dem Fußboden. Und lächelt dabei mindestens so überirdisch schön und geheimnisvoll wie Cate Blanchett als Elbenherrscherin Galadriel im »Herrn der Ringe«.

Die klare, hohe, kitschgrenzwertig reine Stimme von Elina Johansson ist nicht für alle Tage. Auch nicht die seelenvollen Akzente, die Violinistin Alexandra Eklöv setzt. Aber an diesem Abend im Spätsommer passt diese romantische, sehnende Gegenrealität so wunderbar zur Abendstimmung, dass man sich kaum getraut, ein Bier zu bestellen. Und alle im Café hören aufmerksam und leise lächlend zu und nicht einer schwatzt. Und selbst die schwarze Katze vom Hafen 2 schleicht sich ganz langsam über die Treppe an, mit steil aufgerichtetem Ohren und Schwanz, und hätte sich gerne auf der Bühne in eine Ecke zusammengeringelt, wenn sie es sich nur getraut hätte.

Die Gefilde des Pop verlässt Elina Johansson nie ganz. Und in die Fantasialand-Ecke lässt sie sich auch nicht stecken. dear-euphoria-liveSie richtet sich provisorisch dort ein, wo schon die Grenze zu experimentellen Herumfabulieren in Sichtweite ist. Und spielt mit offenkundiger Hingabe mit dem Instrumentarium ihres Zauberkasten aus Soundeffekten und eigenwilligen Nebengeräuschen.

Es geht ums Träumen in diesen Songs, ums Vermissen, ums Fabulieren, um aufs Abwege geraten. Aber auf die schönsten Abwege im Wald der flirrenden Unbestimmtheiten, wo die Sonne immer zärtlich wärmend durch die Blätter scheint. Das ist nicht für alle Tage, aber unbedingt für diesen Nachsommerabend. Dear Euphoria hätten noch endlos weiterträumen können. Leider reicht das Repertoire nur für knappe 40 Minuten. Und hinterher sieht man Elina Johanssons weißes Kleid noch lange durch das Dunkel leuchten.