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Foto nordische Landschaft

31. Oktober 2009

2:1 für Finnland: Ensiferum, Tracedawn, Metsatöll im Substage

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Zwei finnische und eine estnische Kapelle finden am heutigen Donnerstag, 29. Oktober 2009, ihren Weg ins ausverkaufte Karlsruher Substage. Die Mischung reicht von Death (Tracedawn), über Folk (Metsatöll) bis zu Viking Metal (Ensiferum). Dementsprechend trägt der durchschnittliche Besucher den obligatorischen Thorshammer am Halskettchen, wagemutigere haben Trinkhörner an die Hüfte geschnallt – die sie mehr oder weniger gekonnt handhaben, die Bierpfützen sprechen Bände.

TRACEDAWN

Im gut gefüllten Club beginnen Tracedawn kurioserweise zehn Minuten früher als geplant (d.h. ich komme zu spät für den Fotograben). Was sofort auffällt: Der grottenschlechte Sound. Der Bass bollert wie die Sau, den Sänger Antti Lappalainen kann man noch halbwegs hören, das Schlagzeug Perttu Kurttilas schon weniger. Die Gitarren? Fehlanzeige. In den ersten Reihen scheint der Sound besser zu sein, zumindest klatscht das Publikum enthusiastisch.

Weiter hinten kann man immerhin die Gitarristen als Pantomimen bewundern: Bei perfekt inszenierter Helikopter-Rotation der Haare.  Plötzlich Gitarrentöne. »Kerry King für Arme«, sagt meine Begleitung zum Solo-Versuch des Gitarristen. Na immerhin hört man ihn. Kurzzeitig. Schade um den schlechten Sound. Dennoch ist das Publikum nach der halben Stunde mit den finnischen Jungspunden mächtig aufgeheizt.

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30. Oktober 2009

September Malevolence: Wie man in Frankfurt durchfällt

Der echte Charakter einer Band erweist sich genau in der Situation, in der sich die schwedischen Postrocker September Malevolence in dieser Woche im kleinen Frankfurter Club Ponyhof befinden: Es ist zehn Uhr und der Veranstalter drängelt schon und es sind drei Konzertgänger da. Oder vier. Am Ende werden es sechs sein. Selbst in diesem kleinen Rahmen ist das wenig. Was nutzt es, sich ein größeres Publikum herzuwünschen? Es kommen nicht mehr Leute zur Tür hereingeströmt. Aus welchen Gründen auch immer.

Dass sie das noch nicht erlebt haben, sagt der Sänger, als die Band auf die Bühne kommt, schon deutlich nach zehn. Das Publikum ist nett genug und rückt geschlossen vor. Verhalten legen sie los, die vier Schweden.septmber-male1 Spielen mit den klassischen Versatzstücken des Postrock, den endlosen repetitiven Schleifen und dem Spiel mit den kleinsten Variationen großer Muster und dem dosierten Hereinsteigern in hochemotionale  Gitarren- und Gefühlsausbrüche. Klingt durchaus viel versprechend. Doch irgendwie wird die Konzertgängerin das Gefühl nicht los, dass die echte Leidenschaft fehlt. Das letzte Quäntchen Hingabe, das bedingungslose Einlassen. Der Sänger macht die Sache mit den Zwischenansagen nicht besser. »Morgen die Show in Berlin ist ausverkauft«, verkündet er demonstrativ. »Wunderbar«, denkt man, »dann sind wir hier in Frankfurt die dummen Provinzbanausen fern der Hauptstadt, die nicht wissen, was wirklich gut ist«. Im Nachhinein betrachtet grenzt dies an Publikumsbeschimpfung. Die Polarbloggerin ist an diesem Abend 35 Kilometer hin und 35 Kilometer wieder nach Hause gefahren, um diese Band zu hören.

Das Konzert läuft nicht wirklich gut. Obwohl September Malevolence in kurzen Momenten abheben und sich in ihren Klanglabyrinthen verlieren. septmeb2Einer im Publikum tanzt sogar, sichtlich angetan. Aber der Band reicht das nicht. Offenkundig.

Nach noch nicht einmal einer Dreiviertelstunde ist Schluss. Der September-Malevolence-Sänger verlässt den Raum und kommt nicht wieder. Wollen wir mal wohlwollend annehmen, dass er dringend auf Toilette muss. Die Band startet die einzige Zugabe zunächst ohne ihn und der zweite Gitarrist ringt sich den öden Gemeinplatz ab, »dass alle Erfahrungen gute Erfahrungen sind«. Ach so. Das muss ich mir merken, wenn mir demnächst eine schlechte Erfahrungwiderfährt. Schließlich bequemt sich der Sänger auf die Bühne und dann ist Schluss. Die Uhren über Sachsenhausen haben noch nicht mal elf geschlagen. »Der Soundcheck hat länger gedauert als das Konzert selbst«, sagt der Ponyhof-Mitarbeiter zwischen Tür und Angel später noch. Aha. Diese Information hat uns gerade noch gefehlt.

Der wahre Charakter einer Band erweist sich dann, wenn sie vor fünf Leuten spielen muss. Und wunderbarerweise gibt es viele leidenschaftlich aufspielende Bands mit Rückgrat, die diese Hürde selbstverständlich nehmen. Wie Lily Electric, 120 Days oder die ebenso beeindruckenden Violent Years. Bleibt als Fazit nur: In Frankfurt eindeutig durchgefallen, September Malevolence. Wie übrigens kürzlich auch der Landsmann Boy Omega, der bei einem leider ebenso spärlich besuchten Gig in den Frankfurter Hazelwood-Studios einen ähnlich uninspirierten Auftritt hinlegte. Fast könnte man daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass schwedische Bands über eine ausgesprochen schwach ausgeprägte Frustrationstoleranz verfügen. Fast.

29. Oktober 2009

Hardcore Superstar im Karlsruher Substage

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Im Karlsruher Substage werden am heutigen Dienstag, 27. Oktober 2009, Schwedenhappen serviert: Als Vorspeise gibt es Avatar aus Göteborg – die live genauso klingen wie auf ihrer MySpace-Seite: Schaurig. Oder positiv ausgedrückt: Noch lernfähig. Schließlich sind die Jungs erst Anfang 20 und bieten dem weiblichen Teil des Publikums wenigstens was fürs Auge.

p09_hs04Bald ist der halbstündige Auftritt vorbei und die 400 Besucher positionieren sich schon mal strategisch günstig für Hardcore Superstar – oder pilgern an den Tresen / raus zum Rauchen. Zeit genug dafür haben sie jedenfalls, denn das Hauptgericht wird erst um 22 Uhr aufgetischt.

Endlich ist es soweit, die Umbaupausen-Musik verklingt, Nebel zischt. Obwohl der Club für einen Dienstag gut gefüllt ist und die Mehrheit die meisten Texte mitsingen kann, habe ich selten viel Platz im Fotograben. So kann ich aus näxter Nähe den taktischen Riss an der Innenseite von Fronter Joakim »Jocke« Bergs Jeans bewundern – kurz vorm linken Ei. Vermutlich hängt deswegen der »besternte Lappen« davor.

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28. Oktober 2009

Brandneues Dúné-Interview auf www.nordische-musik.de

dune_n08Dúné: Trotz ihrer jungen Jahre und ihres frühen, unerwarteten Erfolgs sind die Dänen völlig professionell – und dabei ungemein sympathisch.

Cille (Cecilie) Dyrberg und Mattias Kolstrup plaudern vor ihrem Auftritt am 10. Oktober 2009 im Stuttgarter Zapata mit Nathalie Martin  über »Dúnékratie«, ihren überraschenden Erfolg sowie die Reaktionen darauf, verrückte Japaner, ihren Einfluss auf Jacob Hansen und wieso die Ärzte die perfekte Vorband wären.

Lest das Interview hier.

26. Oktober 2009

Iceland Airwaves: Der Regen hört doch auf

Sollten Pascal Pinon jemals so berühmt werden wie ihre Landsfrau Björk, dann habe ich an diesem Tag ein Sammlerstückchen erworben: Eine CD mit vier Demosongs, dessen Cover aufwändig mit Buntstiften ausgemalt ist. Der Umschlag, in dem die CD steckt, ist selbst gebastelt, die Songtitel mit Kugelsschreiber fein säuberlich vermerkt. Und den Copyright-Vermerk, den haben diese  schlauen Teenagermädchen nicht vergessen. Allerliebst! Ein Samstag, an dem der Regen nicht aufhören will, aber an dem man sich trotzdem unverzagt auf den Fußmarsch zum Kulturzentrum Nordic House macht, weil man sich dort schon fast wie zuhause fühlt. Weil die Bibliothekarin die Frage, wann Alvar Aalto das Gebäude entworfen hat, mit einer kostenlosten Führung beantwortet. Weil der Kellner mit den netten Augen nicht nur freundlichst den Kaffee ausschenkt, sondern auch Nase und Ohren immer wieder in den improvisierten Konzertsaal steckt und aufmerksam zuhört. Und weil man vom Café aus so schön dem Regen zuschauen kann, der unermüdlich auf die Sumpfwiesen fällt.

Pascal Pinon sind vier 14- bis 5jährige Reykjavikerinnen, die sich an diesem frühen Nachmittag in den Kleiderschränken ihrer großen Brüder und der Altkleiderkiste hrer Mütter gewühlt haben müssen und sich extra zum Auftritt die unschönsten Kassengestellbrillen aufgesetzt haben.pascal Schüchtern sind sie, ungelenk und bühnenunerfahren. Aber die Songs! Leicht wie Federwölkchen dahinschwebender Folktweepop. Zart, aber selbstbewusst und erstaunlich reif. »You wish you were that amazing when you were 14« , steht sehr treffend im Progammheft. Glockenspiel, Harmonika und Blöckflöte regieren. Naivität und Selbstbewusstsein ebenso.. Was Poesie ist, haben diese auf englisch und isländisch singenden Mädchen instinktiv verstanden. Dass man kein jahrlanges Musikstudium benötigt, um sich musikalisch auszudrücken, stellen die Vier später im Interview klar: Keine spielt ihr Instrument länger als ein Jahr. Auf die Frage, was sie inspiriert, antworten Pascal Pinon mit absoluter Selbstverständlichkeit. »Vor allem wir selbst«.

Erwachsener geht es bei dem nächsten Gästen im Nordic House zu, dem schwedischen Duo The Tiny. Frau, Mann, Klavier und Bass. Ein Ehepaar, wie sie hinterher erzählen. the-tinyDas Duo spielt eine sehr eigenständige Mischung aus Singer-Songwriter-Elementen, Jazzigem und verhaltenem Weird Folk. Getragen von den eigenwilligen Vocals Ellekari Larssons, die die Eigentümlichkeiten der Alltagsbeobachtung hochhält. Verhaltene Balladen vom Nicht-Hereinpassen in gängige gesellschaftliche Muster singt. In ihrer intensiven Reduziertheit sind The Tiny eine der Entdeckungen des Festivals. Später im Interview erzählen sie von den Vor- und Nachteilen des verheirateten Musikerlebens – und obwohl sie die eine oder andere scherzhafte Spitze gegeneinander abschießen, wird eines klar: Ein anderes Leben können und wollen sie sich nicht vorstellen.

Durch den Regen an den Hafen gekämpft und gedacht, dass das Gepladdere wohl nie nehr aufhört. In der Jugendherberge ist der Aufenthaltsraum zur improvisierten Bühne umgestaltet worden und Útidúr, eine weitere dieser vielköpfigen isländischen Spaßgroßgruppen, lassen sich von den paar Tropfen von oben die Laune nicht verderben. utidurÚtidúr sind im Geiste die isländischen Verwandten von I´m From Barcelona, die aber sympathischerweise nicht ganz so dick auftragen müssen wie die Schweden, um ausgelassene Kirmes-gebrannte-Mandel-Stimmung aufkommen zu lassen. Die genau wissen, dass die leicht traurigen Töne hinter all der Fröhlichkeit und Selbstironie den Songs erst ihre Tiefe geben. Hin- und Her zwischen den Vocals von Mann und Frau geht es bei diesem Schlagabtausch zwischen den Geschlechtern, den dennoch keiner richtig ernst nimmt. Irgendwie schimmert zwischen all diesen Songs durch, dass die Isländer ein Volk von Fischern sind, denn hier wird reichlich Seemansgarn gesponnen und die schlagerhafte Shantietradition hochgehalten. Alles in Technicolor. Und noch Stunden später singt man den Refrain dieses einen Liedes: »You should not lie when you are talking on the telephone«.

Nach so viel Lebendigkeit und Lebensfreude haben es die stillen Rökurró anschließend mit ihren der eigenen Innerlichkeit verpflichteten, verhaltenden Songs fast schwer, das Jugendherbergspublikum auf ihre Seite zu bringen. Langsamer, klarer, klassisch inspirierter Folkpop, der im Rhythmus der Regentropfen am Fenster herunterperlt. Und zum wiederholten Mal denkt man, die sehen alle so jung aus, unglaublich, die sind höchstens 18!« Rökurró arbeiten in diesem (geschätzten) Alter bereits an ihrem zweiten Album.

Dem Regen von oben ist nur mit wohliger Feuchtigkeit von allen Seiten zu begegnen. Im Gegensatz zu den Bierpreisen am Abend ist der Eintritt in die zahlreichen Schwimmbäder der Stadt für alle erschwinglich. Beim entspannten Treibenlassen in 42 Grad heißem Wasser wird der verhangene isländische Spätnachmittag ein überaus wundersamer Ort.

Dass die Krise, die auf den ersten Blick im Straßenbild nirgendwo sichtbar ist, doch ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlässt, wird auf dem Nachhauseweg von Schwimmbad in flüchtigen Beobachtungen und Begegnungen klar: Zum ersten Mal eine Frau gesehen, die in öffentlichen Papierkörben nach Leergut fischt. Und zum ersten Mal von einem Mann angebettelt werden, der so offenkundig ungeübt im Betteln ist, dass man gerne gibt. Island im Spätherbst 2009. Und vor dem Parlament in der Stadt versammeln sich immer wieder spontan Protestierende, die wütend dagegen aufbegehren, dass der Staat seinen Bürgern die immensen Schulden der Privatbanken aufbürdet, die vor einem Jahr verstaatlicht worden sind.

Der Abend gehört den isländischen Hoffnungen. Vor allem den Postrockern For A Minor Reflection, deren selbstproduziertes Debütalbum für mich eine kleine Offenbarung und ein großer Triumph waren. Schon wieder 19jährige. Die Vier werden noch in diesem Jahr ihr erstes reguläres Album herausbringen. Durch ihre Touren in diesem Frühjahr und Sommer haben sie bereits auf sich aufmerksam gemacht. Das liebevoll restaurierte traditionelle Kulturzentrum Iðnó ist an diesem Abend brechend voll. Hier könnte heute abend vor all den ausländischen Besuchern, viele davon aus dem Musikbusiness, eine der nächsten Entdeckungen gemacht werden. for-a-minorFor A Minor Reflection strahlen an diesem Abend im heimatlichen Revier eine große Freude und ein gereiftes Selbstbewusstsein aus. Spielen ausschließlich Stücke vom neuen Album, die sich wieder  in endlos strukturierten, repetitiven, leidenschaftlichen instrumentalen Soundschleifen verlieren. Intelligent und hingebungsvoll und gewalttätig. Dass sie auch anders können, leise können, beweisen die beiden Gitarristen Gúffi und Kjartan (übrigens der kleine Bruder vom Sigur-Rós-Bassisten Georg) vierhändig am Klavier. Der blonde, stämmige Kjartan und der dunkelhaarige, feingliedrige Gúffi wirken wie ein Sinnbild für ihre eigene Musik: Das Mächtige und das Zarte. Das Brutale und das Feine. Das könnte noch was werden mit dem Bekanntwerden, denkt man, in die Zukunft blickend. Hingebungsvolle Begeisterung im Publikum.

Ólafur Arnalds ist an diesem Abend schon einer der Arrivierten. Der in Londoner Konzertsälen vor 1.500 Menschen spielt, wie er plaudernd von der Bühne herunter erzählt. Auch er arbeitet an seinem neuen Album. Tastendes Piano, feinfühlige Streicher und sorgsam programmierte Beats. Filmmusik für ein wortloses Roadmovie. Nur: An diesem Abend will der Funke nicht überspringen, trotz Ólafurs gekonnt eingesetztem naiv-selbsbewussten Jünglingsscharme. Hört sich irgendwie genauso an wie Album zwei, denkt man sich zwischenzeitlich. Vor 1.500 Leuten spielen gut und schön, aber sich dabei auch weiterentwickeln? Zudem hängt auch noch eine Dreiviertelstunde später der Rest der eindringlichen Energie von For A Minor Reflection in der Luft. Dann stürzt auch noch der Computer ab und das letzte Stück hängt wie ein abgebrochener Ast in der Luft. Irgendwie ein derzeit uneingelöstes Versprechen, dass Herr Arnalds einmal gegeben hat.

Auf dem See gleich am Iðnó hoffen die Enten und Schwäne auf späte Fütterung durch die Konzertbesucher. Umsonst. Aber der Regen hat aufgehört. Endlich.

Das Foto von Pascal Pinon hat Flippism Is The Key, gemacht, sorry, ich habe erstmals die Fotoquelle vergessen! :)

 
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