Iceland Airwaves: Wir spielen dann mal in der Jugendherberge!
Eine der nettesten Entdeckungen für die Iceland-Airwaves-Novizin ist das »Off Venue Schedule« im Programmheftchen. »Was hat das denn damit auf sich?«, denkt man sich verwundert und registriert neugierig, dass diese kleinen Konzerte in Plattenläden, Cafés, Kneipen, der Jugendherberge am Hafen, trendigen Klamottenläden und im Nordic House stattfinden, dem von Alvar Aalto entworfenen skandinavischen Kulturzentrum mitten auf der Sumpfwiese an der Universität. Also unbedingt ausprobieren!
Der Nachmittag wird plötzlich zu einer aufregenden Angelegenheit. Denn in all diesen improvisierten Konzertstätten lassen sich unerwartete Entdeckungen machen. Spielen bekannte und unbekannte Bands in engem Kontakt mit dem Publikum. Probieren neue Dinge aus.
»Das ist wahrscheinlich das erste und einzige Mal, dass wir akustisch spielen«, sagt der Sänger der norwegischen Synthiepopper The New Wine, die in dieser blauen Stunde im Buchladen so spielen, als wollten sie das Erbe von The Crash antreten. Sollte nicht so pessimistisch klingen, der junge Mann, auch wenn der Schlagzeuger gezwungenermaßen Melodika spielen muss. Denn in der reduzierten Form gewinnen die Songs eine überraschende Tiefe.
Agent Fresco machen im Klamottenladen Naked Ape reichlich selbstironischen, melodischen, glamourigen Rocklärm, dass die Kids aus der Vorstadt nicht anders können als abtanzen. Und da nur ein kleines Fenster geöffnet werden kann, wird es tropisch und luftarm.
Bevor die ersten Mädchen umkippen, schnell gewechselt in den 12 Tonar-Plattenladen um die Ecke, um sich die noch völlig unbekannten Nóra aus Island anzuhören, eine der positivsten Überraschungen an diesen Tag. Eine der zärtlichsten Mischungen aus balladigem Indierock, verträumter Empfindsamkeit und selbstbewusster Tiefe.
Die junge Band hat bislang nur Demos vorzuweisen, das Debüt soll im kommenden Jahr folgen. Experimentiert mit Innerlichkeit, Romantik und Sehnsüchten. Verstreut jede Menge Instrumente um sich, guckt auf Prärieweiden vorbei, beherrscht ihre elektronischen Soundeffekte und lebt von den sanften Boy-Girl-Vocals. Viel zu bald ist Schluss, schade! Der Basser muss zurück zu seinem Brotjob, keine Chance. Das Publikum lächelt unisono und die Sängerin küsst den Basser noch kurz ab, bevor er zur Lohnarbeit muss. Schön!
Im offiziellen Programm sind abends die aufstrebenden Jungspunde an der Reihe. Soundspell aus Reykjavik halten den guten alten Melodrama-Pop hoch, und der Sänger fuchtelt so aufdringlich mit seinen Händen herum, als wolle er ein Symphonieorchester dirigieren. Nette Falsettstimmen gibt es zuhauf, aber dieses anstrengende Gefühlschaos, nicht jedermanns Sache. Im Reykjavik Art Musem liefern Lights On The Highway aus Island angenehme Konsensballadepop ab, der niemandem wehtut und der sich wunderbar ins Formatradio einpassen würde. Zu viel Gefühl, obwohl Sänger Kristófer eine Stimme mit hohem Wiedererkennngswert besitzt. Aber als innovative Neuerer wird sich die Band nicht in die Bücher schreiben.
Króna sind die ehrlicheren Jungs. Die Band um den ehemaligen Maus-Sänger Birgir Örn Steinarson spielt intelligenten, leidenschaftlichen isländischen Indierock, so intensiv, dass man sich wundert, das hier nur drei Männer auf der Bühne stehen und Lärm machen.
Der Abend soll friedlich ausklingen. Mit der wunderbaren isländischen Diseuse Disa, die ihr Konzert auf einem Kissen sitzend bestreitet, souverän über ihr Arsenal an elektronischen
Geräten herrscht und die Zuhörer im historischen Ballsall Idno unten am See mit eigenwilligem Charme in ihre verschwurbelten Nebenrealitäten entführt. Madame ist eigenwillig, Madame weiß zu bezaubern, Madame weiß, wie sie auf ihren eigenen Pfaden eigentümliche Kapriolen schlägt. Eigentlich ist sie eine Chansonette, aber eine, die gerne auf dem Wald auf Abwege gerät und sich vielleicht sogar in wenig vernünftigen Liebesabenteuern verliert. Und dabei lächelt, weil sie ja ohnehin nicht zu fassen ist. Was sie selbstverständlich sehr genau weiß. Wer mag, kann nach dem Gig für die Kleinigkeit von 1.000 isländischen Kronen eine handgestaltete Aufnahme mit ihren neuesten Songs erwerben. Selbst bemalt!
Zum Abschluss streben die eifrigen Airwaver in die Kirche. In die Freie Kirche am See, die aussieht, als sei sie für einen amerikanischen Heimatfilm dort hingestellt worden. Hjaltalín haben sich für diesen Abend etwas Besonderes ausgedacht: Sie spielen ihre Songs, neu arrangiert für Kammerorchester plus Dirigent. Fuktioniert das in semi-feierlicher Atmosphäre? Unbedingt! Noch mehr Menschen als sonst auf der Bühne bei den fröhlichen isländischen Cousins von Arcade Fire.
Lust am Experiment, am Neuen. Lust am ungewohnten Umfeld. Und am Ende strahlen alle: Die Band, die klassischen Musiker, der Dirigent, das Publikum in den unbequemen Kirchenbänken unten und auf der Empore oben, sich die Hälse verreckend, lächelnd. Als Zugabe kann es nichts anderes geben als den einen Hjaltalín-Hit »Traffic Music« in dem die Oboe sich mit Macht als stilbildendes Idiom der Popmusik etabliert. Dem ist an diesem Abend nichts mehr hinzuzufügen.
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2 Kommentare
1. Tweets die Polarblog » Iceland Airwaves: Wir spielen dann mal in der Jugendherberge! erwähnt -- Topsy.com schrieb am 25. Oktober 2009 um 00:03
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Eva-Maria, Eva-Maria erwähnt. Eva-Maria sagte: Frisch gebloggt: Iceland Airwvaves die zweite: http://bit.ly/JUgj8 [...]
2. Elektronischer Verweis – Blogbesuch | Schallgrenzen | Blog: Musik & Kultur schrieb am 08. Dezember 2010 um 18:44
[...] So mag es dort oben eine finanzielle Krise geben, eine kreative Krise gibt es nach ihrer Einschätzung nicht. Sie berichtet in ihrem musikalischen Reisebericht unter anderem über einen Besuch im Museum und einen Auftritt in der Jugendherberge. [...]