Iceland Airwaves: Nachts im Museum
Der Wind kommt von der Seite. Und von hinten. Und von vorn. Der Regen ist mächtig niederträchtig und bösartig unberechenbar. Reykjavik im Oktober. Die Einheimischen gehen unbewegten Gesichtes ihrer Wege. Die vielen ausländischen Iceland Airwaves-Besucher tun sich ungleich schwerer und ziehen wie Schildkröten die Köpfe ein. Besonders die, die sich am frühen Nachmittag zu Fuß ins Kulturzentrum Nordic House aufmachen, was außerhalb der Innenstadt liegt.
Oh Land sind die Ersten. Ist die Erste. Nanna Øland Fabricius aus Dänemark ist eine zugängliche Traumtänzerin, die sich auf der weiten Feldflur experimenteller elektronischer Eigenwilligkeiten ihre eigene Parzelle abgesteckt hat. Den Pop und die Filmmusik streift, die Klassik und die neuesten Computertüfteleien.
Nicht ohne meinen Apple! Nanna spielt, ernsthaft, unterstützt von einem Kontrabassisten. Entschwindet in merkwürdige Gegenwelten, als gute Fee, die sich hinter Büschen versteckt. Der intime Rahmen des Konzerts im Nordic House bietet ihr eine perfekte Plattform für ihren flüchtig-filigranen, eigentümlichen Songs, denen die Härte einer Fever Ray völlig abgeht. Die sie mit heller, aber zurückhaltend selbstbewusster Stimme singt. Später, beim Interview auf dem Sofa zusammenkekringelt, erzählt sie, dass sie ausgebildete Ballettänzerin ist. Bis eine Verletzung den Berufswunsch unmöglich macht. Aus der künstlerischen Leerstelle ist Oh Land entstanden. Beim Debüt »FAUNA« haben Produzenten-Masterminds wie Kasper Bjørke mitgewirkt. Das zweite Album spielt Frau Fabricius bereits für ein Major Label ein. Von der Dame werden wir vermutlich noch hören.
Von den Casiokids aus Bergen, den nächsten Gästen, mit Sicherheit! Die fünf Spaßdanceelektroniktanzfanatiker (von denen nur vier anwesend sind, der Bassist ist auf dem Hinflug von London aus kurzzeitig verlorengegangen!) werfen sich mit Verve in die kleine Form im Nordic House.
Verschmelzen Elemente afrikanischen Liedguts in der Tradition des großen Fela Kuti mit unwiderstehlichen elektronischen Beats aus allen Epochen des Computerzeitalters. Und singen wie die Engel dabei, so schön, dass Jónsi von Sigur Rós seine Freude daran hätte. Auf norwegisch, übrigens, und haben es damit unerwarteterweise in die britischen Dancefloorcharts geschafft. Im Interview erzählen sie launig von ihrem Spaß am Experimnentieren. Von Auftritten im Puppentheater, in Stadtbüchereien und auf Kinderspielplätzen. In Afrika waren sie ebenso wie im französischen Hinterland. Und was es für eine Laune macht, mit Kindern zu experimentieren. Und von der Freiheit und dem Spaß, den es bringt, sich nicht an eine eng begrenzte Zielgruppe zu richten mit ihrer Musik. »We don´t have a core audience«, bringt Sänger Ketil die Dinge auf den Punkt. Schön! Und noch schöner zu wissen, dass sie am gleichen Abend noch in voller Lautstärke im Reykjaviker Kunstmuseum auftreten!
Im Buchladen in der Stadt sind die schüchternen Popbastler Nolo wenig später so zurückhaltend, dass sie sich nicht mal trauen, die eigenen Songs anzusagen. Schade eigentlich, denn ihre verschwurbelten Elektronikspielereien könnten doch bald zur Hausausstattung aller ungeliebten Nerds gehören, die sich lieber hinter ihrem elektronischem Spielkram verschanzen, statt auf Parties mal ein Mädchen anzusprechen.
Erwachsener, selbstbewusster geht es wenig später bei Eberg im 12-Tonar-Plattenladen zu. Der klassische elektronische Indiepop mit Schwerpunkt auf Songwriting, verstärkt durch eine gute Portion Selbstironie. Wie häufig bei diesen improvisierten Auftritten fällt mal dieses, fällt mal jenes Gerät aus, doch im rappelvollen Laden, in den keine Nase mehr hereinpasst (draußen auf der Treppe stehen die Leute sogar tapfer im Regen!) sorgt das eher für Erheiterung. Gern hätten wir mehr gehört, doch nach einer halben Stunde ist Schluss. Zeit zum Durchatmen, bevor die Nacht im Museum startet.
Wie viele Musiker bei <3 Svanhvít im Kunstmuseum auf der Bühne stehen, das ist mit Sicherheit nicht auszumachen, so groß ist das Gewusel.
Wenn Arcade Fire mal vier Wochen am Stück gute Laune hätten, dann können sie vielleicht ansatzweise halb so fröhlich sein wie diese Nachwuchsaufmüper, die unbändiger Freude auf alle Instrumente einhauen, die sie in die Finger bekommen. Die isländische Großgruppe spielt so leidenschaftlich auf, als drohte alle Tanzmusik der Welt morgen spurlos in einem schwarzen Loch zu verschwinden, und da müssen doch alle Stile von der Polka bis zum Walzer nochmal im Affentempo durchgespielt werden. Die atemlose Freude ist ansteckend, auch wenn sie nie einen Pokal für feinsinniges Schönspielen gewinnen werden.
Ach ja, und Affen: Casiokids, die nach den US-Surferpoppen The Drums auf der Bühen stehen, zeigen, dass Lautstärke der Tanzbarkeit ihrer Songs nicht schadet und haben einen fast echten Affen zum Crowdsurfen mitgebracht. So schnell kann man nicht gucken, wie die bestens aufgelegten Norweger eine ganze Halle ins kollektive Tanzen bringen. Bitte bald auch mal nach Deutschland kommen, Jungs!
Zum Runterkühlen gibt es zum Schluss noch theatralischen Discopop von den norwegischen When Saints Go Machine im NASA. Die so dick auftragen, dass die Glitzerkugel vor Erschöpfung ächzen muss. Dass die hedonistisch-schwule Szene Reykjaviks hier fast vollständig vertreten ist, erübrigt sich zu sagen. Stampfende Beats, aufdringliche Keyboards und überkandidelte Gesten des Sängers verschwimmen zu einem einzigen Brei, der mit supersüßer Soße übergossen ist. Hoch lebe das Nachtfieber, aber irgendwann ist auch genug.
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1 Kommentare
1. Elektronischer Verweis – Blogbesuch schrieb am 26. Oktober 2009 um 14:11
[...] nicht. Sie berichtet in ihrem musikalischen Reisebericht unter anderem über einen Besuch im Museum und einen Auftritt in der Jugendherberge. Share and [...]