Vuk oder: Hoch lebe das Hinterland
Ein Harmonium auf der Bühne! Wo sind wir denn hier? Auf einer christlichen Erweckungsveranstaltung? Weit gefehlt! Eher auf kreativen Abwegen, auf die man gerät, wenn man sich im Hinterland tummelt. Vuk, das Projekt der US-finnischen Künstlerin Emily Cheeger, spielt mit Hinterland-Stereotypen. Von den kauzigen, merkwürdigen, leicht beänstigenden Sonderlingen. An diesem Abend im Heidelberger Karlstorbahnhof regnet es draußen unangenehm, der Wind schlägt aus dem Hinterhalt zu und die wenigen Besucher kauern auf Stühlen, aufmerksam zuhörend.
Ein Wetter, das unerwartete Kapriolen schlägt, so wie die Band: Emily, ihre Pianistin Loupine und der famose Schlagzeuger Janne Lastumäki, sonst aktiv bei den Nekropoppern Sister Flo, die im Übrigen mit »AU« gerade ein Album herausgebracht haben, das es mit Sicherheit weit nach vorne in meine Jahres-Charts schaffen wird.
Aber heute abend: Vuk. Die schüchtern scheinen. Die vielleicht noch den Schock verdauen, dass zu ihrem Konzert am Vortag in Frankfurt eine einzige Besucherin auftaucht: Die Verfasserin dieser Zeilen. Eine Emily, den Tränen nahe, auf den Stufen des Ponyhof kauernd, eine Loupine, die sie tröstend umarmt. Die für die einzige Besucherin tatsächlich spielen wollen. Was der Besucherin so peinlich ist, dass sie dankend ablehnt, die Frankfurter Kulturbanausen ein weiteres Mal verflucht und verspricht, am nächsten Abend nach Heidelberg zu kommen.
Emily Cheeger hat, so die Fama, eine Zeitlang damit geflirtet, Opernsängerin werden zu wollen. War aber wohl zu langweilig im Establishment. Da hat sich die Musikerin bewusst auf die Seite der Sonderlinge geschlagen. Erzählt brüchige, abstruse Geschichten, die Angst einjagen können. Holt sich die Inspiration aus all den Hinterländern, die verdächtig scheinen: Aus dem tiefen Süden, aus dem Balkan, von den Zigeunern, aus den Sümpfen, aus den tiefsten Dickichten der Wälder. Transformiert all diese Einflüsse, ist Hexe, ist Femme Fatale, ist Bänkelsängerin, ist Diseuse, ist Experimentalistin. Zelebriert ihre eigene Erweckungsveranstaltung, das Hackbrett kunstvoll traktierend. Schreiend, flüsternd, mysteriös andeutend, das Publikum auf Abwege führend. Immer tiefer, tiefer in den Wald hinein. 
Wir folgen ihr mit klopfendem Herzen und empfehlen allen echten Sonderlingen dieser Welt ihr zweites Album »THE PLAINS«. Und fordern eine Zugabe, der Emily mit den Worten nachkommt: »Ich spiele euch einen Song, der noch nicht fertig ist, der sich noch entwickelt, von dem ich selbst nicht genau weiß, in welche Richtung er gehen wird. Aber das hängt auch davon ab, wie das Publikum reagiert”. Das lauscht. Überrascht, in den Bann gezogen. Fast schon atemlos.
Foto: Jussi Puikkonen, Album Cover Art: Rasmus Nora, graphic design by Jussi Karjalainen.
Die letzten 5 Beiträge von Eva-Maria Vochazer
- Ein Tag für Absurditäten: Barry Andrewsin Disko - 18. 05. 2012
- Das Feuerwerk ist schuld: Satellite Stories - 13. 05. 2012
- Herr Heine und Frau Hansdóttir - 01. 05. 2012
- Just Another Snake Cult: Herr Schwarzenegger und Herr Bogason - 29. 04. 2012
- Little Talks, plötzlich ganz groß: Of Monsters And Men - 18. 04. 2012



1 Kommentare
1. Markus schrieb am 10. Dezember 2009 um 20:09
man, das neue album ist auch verdammt stark! wann kommt die rezi? *räusper*…ich antworte selbst: bald. ;)