03. Januar 2010
Delay Trees: Bitte nicht so bescheiden
Nationale Stereotypen greifen immer zu kurz. Überraschenderweise aber blitzen selbst in diesem Bereich ab und zu kleine Wahrheiten auf. Wie die Sache mit dem haferflockensatten schwedischen Selbstbewusstsein und der abgedunkelten, waldverschatteten finnischen Bescheidenheit. Wie ist es sonst zu erklären, dass schwedische Popbands im internationalen Musikbusiness sehr gut vernetzt sind und gleich scharenweise durch deutsche Clubs ziehen, während die keinesfalls weniger talentierten finnischen Kollegen es zum allergrößten Teil niemals über die Landesgrenzen hinausschaffen? Die wenigen Ausnahmen wie Cats on Fire oder Goodnight Monsters bestätigen nur die Regel. In Sachen gelungener Selbstvermarktung haben die Finnen definitiven Nachholbedarf.
Die finnische Sängerin Astrid Swan ist selbstkritisch genug, die Gründe für die mangelnde internationale Präsenz finnischer Popbands auch in der nationalen Psyche zu suchen. In einer fatalen Mischung aus Schüchternheit und Stolz. So sagte sie kürzlich im empfehlenswerten finnischen Popmusikblog Glue:
I don’t think we are lacking anything. There is great talent here so the problem might be with the network to promote Finnish music. People in Finland are not very good creating relations and working together, not even within Finland. In the creative aspect, Finland is not the greatest country in networking. Also when we go outside we are too shy and apologizing, but at the same time too proud to even try. Now, things might be changing with younger people working who are proud of their bands and try to sell them outside well.
Nun, Astrid Swan tut das Ihre dazu und kommt Ende Januar/Anfang Februar zu einigen wenigen Konzerten nach Deutschland, um ihr neues Album »BETTER THAN WAGES« vorzustellen.
Zuvor aber kommen Delay Trees, die bereits von verschiedenen finnischen Poppostillen zu den viel versprechendsten Bands des Jahres 2010 gekürt wurden. Die Band hat im vergangenen Jahr ihre erste selbst produzierte EP »SOFT CONSTRUCTION« eingespielt. Das Quartett aus Helsinki und Hämeenlinna spielt zum ersten Mal in Deutschland und hat zwei Gigs in Hamburg und Berlin auf dem Programm.
Stilistisch sind Delay Trees in die Kategorie melodischer Indiepop plus verträumt-ausufernden Postrockelementen einzuordnen. Live schauen die Jungs beim Spielen sehr gerne ihre Schuhe an, wie beim letztjährigen Ämyrock-Festival in Hämeenlinna bestens festzustellen war. Was nicht heißt, dass die Schüchternen auf der Bühne und im Publikum nicht die Füße doch in Bewegung gesetzt haben. Schnelle Erfolgserlebnisse wird einem das Hören von Delay Trees nicht verschaffen, aber bei aufmerksamen Einlassen und Zuhören unversehens doch bescheiden-euphorische Glücksmomente.
Foto: Antti Kokkola


