Murmansk tun weh. Trotzdem hingehn!
Eine kleine Polemik zu Beginn. Manchmal scheint es so, dass jeder schwedische Nachwuchshansel, der eine Gitarre halten und drei Akkorde spielen kann, wenige Wochen später mit seiner Band auf Deutschlandtour geht und auf den wohlw0llenden Bonus hofft, der ihm wegen der vier Worte »neue Band, Schweden, oh!« hierzulande entgegenschlägt. Rein gefühlter Erfahrungswert. Viele großartige Bands aus Schweden gehört die letzten Jahre, aber auch viel oberflächlich Belangloses und selbstverliebt Selbstgefälliges.
Was mich endlich zum Punkt bringt. Finnische Bands gehen nicht so selbstverständlich lässig mit der Selbstvermarktung um wie die schwedischen. Was im Endeffekt dazu führt, dass Bands zwischen Helsinki und Oulu vielleicht stillschweigend darauf hoffen, entdeckt zu werden. Und sich ansonsten eher nicht über die Landesgrenzen hinauswagen. Sei es wegen fehlender internationaler Kontakte zu Promotern und Agenturen, sei es wegen der Scheu davor, sich in den Mittelpunkt zu stellen und selbstbewusst zu sagen: Welt, hier bin ich!
Um so erfreulicher ist es, dass eine der interessantesten und aufhorchenden machendsten jungen finnischen Bands in diesen Tagen tatsächlich für einige wenige Konzerte nach Deutschland kommt: Hamburg, Köln und München, ihr habt es gut: Ihr könnt Murmansk live erleben! Näheres unter unseren Tourterminen.
Das Quartett aus Helsinki, das sich nach der nördlichsten Großstadt der Welt benannt hat, geht mit kompromissloser Entschlossenheit bis an die Schmerzgrenze. Rüttelt an den Gitterstäben, die den Noiserock vom Rest der Welt trennen. Schert sich nicht um Vorbilder. Sonic Youth, klar, haben wir gehört, aber wir sind wir!
Bassgetriebene Intensität. Blutende Schönheit. Gewalttätige Sensibilität. Überwältigende Hingabe. Die Ohrstöpsel fliegen aus den Lauschgängen, nutzen nichts. Es geht um Gewalt und Empfindsamkeit hier. Und
um die Stimme von Laura Soininen. Die Sängerin will nicht die charismatische Frontfrau sein. Ist schüchtern, zurückhaltend, inmitten all dieser extrovertierten Lärmwälle. Passt nicht? Passt eben deswegen genau!
Murmansk sind funkelnd Suchende. Brutal Findende. Sensibel Ausprobierende. Mitleidlos Zerstörende. Aufmerksam Beobachtende. Zielgenau Zuschlagende. Unbequeme. Schmerzende Andere.
Live erlebt im vergangenen Sommer auf dem Ämyrock-Festival in Hämeenlinna, abseits des Mainstream, wo die Newcomer umsonst und draußen spielen. Hingerissen von der Intensität. Also. Obwohl es wehtun kann: Hingehn!
Fotos: Kamila Kurkus / Antek Opolski, Jari Anttonen
Die letzten 5 Beiträge von Eva-Maria Vochazer
- Ein Tag für Absurditäten: Barry Andrewsin Disko - 18. 05. 2012
- Das Feuerwerk ist schuld: Satellite Stories - 13. 05. 2012
- Herr Heine und Frau Hansdóttir - 01. 05. 2012
- Just Another Snake Cult: Herr Schwarzenegger und Herr Bogason - 29. 04. 2012
- Little Talks, plötzlich ganz groß: Of Monsters And Men - 18. 04. 2012




Noch keine Kommentare!