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Foto nordische Landschaft

27. März 2010

Der Schritt vom Weg: Alcoholic Faith Mission

Sie könnten auch anders. Wenn sie wollten. Aber sie wollen ganz bewusst nicht: Harmonisch klingen und falsche Hoffnungen verbreiten. Engelsgleiche Töne von sich geben und vorgeben, dass die Welt ein besserer Ort sei. Nein, nicht mit uns!

Von Alcoholic Faith Mission aus Dänemark geht die Geschichte um, dass sie ihre Musik grundsätzlich nur nachts aufnehmen. Passt. afi2Zu ihrer unbequemen Weltsicht, ihrem trotzigen Beharren darauf, dass die kleinen, versteckten Lichter abseits der Allee der leicht zugänglichen Schönheit intensiver strahlen. Es geht hier um bewusste Schrulligkeit. Um kultivierte Schrägheit. Um den unbequemen Weg quer durch das Dickicht, wo der Hauptweg doch so schön asphaltiert ist und überall Papierkörbe und Ruhebänke stehen. Nein, nicht mit uns!

Es regnet unangnehm an diesem Abend in Offenbach. Regen, der wie kalte Spaghetti in den Kragen kriecht. Im immer wunderbaren Hafen2 gibt es zum Trost tschechisches Bier und ein köstliches Kokos-Cookie geschenkt dazu, wie nett! Auf der Bühne Alcoholic Faith Mission, die mit ihrer jüngsten Veröffentlichung »LET THIS BE THE LAST NIGHT WE CARE« so überzeugten, dass sie unser Album des Monats März auf »Nordische Musik« wurden, obwohl die Konkurrenz hochkarätig war, um so viel zu verraten.

Die emotionale Dichtheit des Albums, diese verquere Mischung aus Verletztheit und Euphorie, diese ungewöhnliche Mélange aus Naivität afm3und Weltverdruss, aus Verspieltheit und Ernsthaftigkeit, wie ist es um die live bestellt? Lässt sich das unter veränderten äußeren Bedingungen reproduzieren? Die einfache Antwort, schon nach zwei Songs im ordentlich besuchten Konzert: Es funktioniert bruchlos, ohne Streuverluste. Alcoholic Faith Mission sind live so eigenwillig wie auf Platte. Äußerst angenehm uneitel und bescheiden, fast vergessene Tugenden.

Man denkt: Island! Und man denkt natürlich: Kanada! Traumtänzerei, schmerzhafte Schönheit, bewusstes Querulantentum. Die üblichen verdächtigen Namen brauchen jetzt nicht zu fallen, denn sie dienen höchstens als Zitatgeber. Alcoholic Faith Mission sind auf ihrem eigenen, eigensinnigen Weg zur Schönheit unterwegs, auch wenn er nicht jedermanns und -fraus Vorstellungen entsprechen mag. Mit Gitarren, mit Posaunen und Glockenspielen und der sanften Banshee-Stimme von afi1Sängerin Kristine Permild, an der man sich zögernd wärmen mag,  inmitten all dieser windumtosten Unsicherheiten. Wir gehen den krummen Weg, musikalisch, mit euphorisierender Hingabe. Und gewalttätiger Zärtlichkeit.

Was besonders für die Dänen einnimmt an diesem Abend ist ihre offensichtliche Freude am Zusammenspiel. Hier drängt sich keiner in den Vordergrund, hier gibt es keine Diven und übergroßen Egos, hier geht es um das gemeinsame Gelingen. Und wenn ein Song dann mit hymnischer Hingabe so klappt wie beim Soundcheck am Nachmittag, dann geht ein großes Lächeln durch die ungelenken Gestalt Thorben Seierø Jensen an der Gitarre. Das große Lächeln irrlichtert zurück über das Gesicht der Polarbloggerin, als die Band tatsächlich ihre beiden Lieblingssongs »Put The Virus In You« und »Sobriety Up And Left« nacheinander spielt. Ach!

Fast zum Schluss klettert die gesamte Band geschlossen von der Bühne, mischt sich unters Publikum und bildet einen Halbkreis aus Stimmen, Glockenspiel und Rassel. Singt mit unerwartet harmonischem Wohlklang einen Herzschmerz-Song von bestechender Einfachheit. Der Schlagzeuger entpuppt sich als unwiderstehlicher Schönsänger. Fast hält man den Atem an.

Die Offenbacher wollen die Kopenhagener an diesem Abend kaum von der Bühne lassen, zu deren hingerissenem Erstaunen. Noch eine Zugabe, und dann ist Schluss. Den gemeinen Regen können wir jetzt besser ertragen, nachdem wir Alcoholic Faith Mission gehört haben.

(Fotos: Martin Kurt Haglund, Miriam Dalsgaard)

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