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Foto nordische Landschaft

02. April 2010

Jónsi und die schöne neue Social-Media-Welt

Zum künstlerischen Selbstmarketing gehört es heute fast zwingend, die größeren Social-Media-Kanäle zu bedienen. Wer lieber mit Herrn Schirrmacher von der FAZ d´accord geht und meint, dass eine ständige Informationsflut unser Hirn zum Nachteil verändert, der sollte sich in Erinnerung rufen, dass gezielte, gewünschte Informationen via Web mit einfachsten Mitteln eine große Wirkung erzielen.

Wie man die Klaviatur von Social Media intelligent und dosiert zum eigenen Vorteil einsetzt, demonstriert Jónsi von Sigur Rós derzeit auf überzeugende Weise. Der Musiker hat nicht nur eine professionelle, klar strukturierte Homepage zum aktuellen Stand der Dinge bei seinem Soloprojekt erstellt, sondern bedient selbstverständlich die wichtigsten sozialen Netzwerke von Facebook über Twitter und Flickr bis myspace und vimeo. Die Homepage ist Standard, klar. Aber Jónsi hat auf Facebook mittlereweile fast 20.000 Fans weltweit, die sich freuen, wenn sie zeitnah mit exklusiven Nettigkeiten gefüttert werden.

jonsiDer Sänger sucht Statisten, die in London bei einem seiner Videodrehs mitwirken? Schneller Wallpost, schnelle Wirkung. Jónsi setzt Appetithäppchen mit Bedacht, niemals wahllos ein: Aktuelle Aufnahmen von den Proben for die anstehende Tour oder eine Verlosung von exklusivem Material. Lässt seine Fans wissen, dass  Audrey Hepburn und Iron Maiden zu seinen Lieblingskünstlern zählen. Macht sympathisch, so was, und ist so persönlich! Genauso wie das kleine Bonbon, dass  der Meister seinen Anhängern kredenzt: Ein Cover von MGMTs Überhit »Time To Pretend«, das in der Jónsi´schen Interpretation etwas anders klingt. Aktuelle Tourinformationen und das gesamte neue Album »GO« im Stream? Alles auf Facebook gepostet.

Schneller und effektiver lassen sich Informationen kaum verteilen. Der Jónsi-Fan, selbst vernetzt, wird die Kunde via Blogs und Twittereien breiter streuen. Über die traditionellen Kanäle wie Musikzeitschriften, Fernsehen oder Radio lassen sich Botschaften bei weitem nicht so effektiv unter der eigenen Anhängerschar verbreiten. Ganz abgesehen davon, dass im Formatradio seltenst Jónsi-Songs gespielt werden dürften.

Bei Jónsi ist davon auszugehen, dass Plattenfirma und deren PR-Abteilung die Social-Media-Aktivitäten tatkräftig unterstützen. Dass unbekannte Bands ohne Plattenvertrag diese Dinge aber auch selbst in die Hand nehmen können, zeigen die Fortschritte, die eine Band aus dem Umfeld von Sigur Rós macht. famr2Die Postrocker For A Minor Reflection sind gerade erfolgreich dabei, über die Fanspenden-Plattform Pledge in kleinen Schritten die notwendigen Mittel für die Finanzierung ihres ersten Longplayers einzusammeln. Wuchern ebenfalls mit den Pfunden Exklusivität und persönlichem Anspruch: Wer Summe X spendet,  darf sich von der Band einen Abend lang durchs Reykjaviker Nachtleben führen lassen.

Der Trend ist klar. Die persönliche Ansprache zählt. Die Pflege des Kernpublikums zählt. Die Vervielfältigkeitseffekt durchs Weitersagen zählt. Der Dialog mit den Fans zählt. Kommunikation ist hier keine Einbahnstraße und die Künstler keine distanzierten, weit entfernten Wesen mehr. Was den Fans wichtig ist: Über das Facebook-Feedback werden die Musiker es erfahren.

Ob die großen Plattenfirmen diesen Paradigmenwechsel schon ganz begriffen haben, ist zweifelhaft. Dem Sänger eben mal für die Tour ein Twitter-Account einzurichten, das danach nicht mehr bedient wird, wird sich als wenig nachhaltig erweisen.

Genau darum geht es: Aktuell bleiben, aber nicht übertreiben. Sinnvolle Informationen unterm Fanvolk verbreiten. Keine halbjährige Pause einlegen und dann wieder wild loslegen. Die Chancen erkennen: Wer sich als Facebook-Fan einer Band registriert, wird sich von aktuellen Botschaften nicht belästigt und überfordert fühlen,  sondern sich über intelligente, exklusive Extrahappen freuen. Und keine Angst, Herr Schirrmacher: Das Hirn wird davon nicht aufgeweicht, ganz im Gegenteil: Es wird angenehm angeregt!

(Foto: Lilja Birgisdóttir, Neil Milton)

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1 Kommentare

1. Tweets die Polarblog » Jónsi und die schöne neue Social-Media-Welt erwähnt -- Topsy.com schrieb am 15. April 2010 um 13:03

[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Eva-Maria erwähnt. Eva-Maria sagte: Frisch polargebloggt: Herr Jónsi ist schlau. http://polarblog.de/2010/4/2/jonsi-und-die-schoene-neue-social-media-welt/ [...]

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