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Foto nordische Landschaft

30. Mai 2010

Wir machen uns dann mal frei: FM Belfast

Man muss sie einfach gernhaben, diese unschuldigen Exhibitionisten. FM Belfast aus Reykjavik sind Elektropopnerds, die mit aller Macht nicht erwachsen werden wollen. Nein, nein, diese späten atlantischen Erben von Pippi Langstrumpf wollen lieber weiter spielen, auch wenn die Sonne schon lange untergegangen ist und sie eigentlich schon längst zuhause sein sollten. Ätsch, sie müssen nicht, da ist kein großer Bruder mehr, der sie mit Gewalt von der Schaukel zerrt und sie an den Abendbrottisch bugsiert.

Das Quartett lässt die Discokugel mit anarchischer Tanzlust rotieren und dreht die Synthies bis zum Anschlag auf. Tanzt und hüpft bis zur Erschöpfung. Cool sein sollen andere, wir brauchen das nicht. Wir sind lieber superlebendig und lustvoll peinlich. Wenn wir einen Song darüber schreiben, dass wir gerne in der Unterwäsche auf der Straße herumtanzen würden, dann machen wir uns eben live beim Song »Underwear« frei und hoppsen in unserer nicht sonderlich modischen Unterkleidung wie die Tischtennisbälle auf der Bühne herum. Auch wenn wir vorher korrekt Hemd und Fliege getragen haben.

Albernheit ist eine Tugend, haben die vier Umtriebigen aus der isländischen Hauptstadt erkannt. Es ist unglaublich befreiend, auf naiv-intelligente Art völlig bescheuert zu sein. Ungehemmt irgendwelchem Blödsinn nachzusinnen, 365 Tage im Jahr Karneval zu machen und immer schön dick auftragen. Van Halens bekannteste Tonfolge aus »Jump« zitieren und trotzdem etwas eigenes daraus zu machen. Und je mehr Leute auf der Bühne sind, desto besser. Beim Auftritt auf dem Eurosonic-Festival Anfang des Jahres im holländischen Groningen konnte man die Hauptakteure vor lauter Gewusel kaum mehr erkennen.

Ein ganz kleines bisschen Mäkeln muss doch sein. Auf dem Debütalbum »HOW TO MAKE FRIENDS« ist nur ein echter Hit dabei. Und der heißt »Par Avion« und handelt von einen traditionellen isländischen Wintertraum: Ein Häuschen in der Karibik zu besitzen. Aber dieser Song ist allen Schlechtgelaunten aller Welt zur Besserung empfohlen: Wer hier nicht mittanzt, der ist selber schuld. Unwiderstehlich! Bleibt zu hoffen, dass FM Belfast sich mit dem Erwachsenwerden noch viele Jahre Zeit lassen. Und, fast noch wichtiger. Kein One-Hit-Wonder bleiben.

FM Belfast: Par Avion from Torfi Frans Olafsson on Vimeo.

24. Mai 2010

Fallulah: Wir sind dann mal oben auf dem Dach

Wenn man alle Erdenschwere hinter sich lassen will, dann empfiehlt es sich, aufs Dach zu klettern und einen weiten Blick über Stadt und Land zu werfen. Das Dach ist ein Ort des Freiraums. Der neuen Blickwinkel. Und dann sind sie dort oben über den Dächern von Kopenhagen, die 24jährige dänische Sängerin Fallulah alias Maria Apteri und ihre musikalischen Mitstreiter. Mit Banjo und Violine und jeder Menge verhaltener Traurigkeit. Diese Dämmerung wird sich endlos hinziehen, und wir werden noch lange lange hier oben bleiben und unsere Balkan-inspirierte Melancholien zelebrieren. Und lächelnd registrieren, dass die Sirenen der Polizeiautos sich wie selbstverständlich an den Song »Use It For Good« anschmiegen.

Fallulah – Use It For Good – Live from Jasper Spanning on Vimeo.

Die Perspektive vom Dach ist nur einer der Blickwinkel, den die dänische Sängerin mit Wurzeln in Rumänien einnimmt. Tanzen und übermütig und schwer zu greifen sein kann sie auch. Mit »THE BLACK CAT NEIGHBOURHOOD« hat sie jetzt ein Debütalbum vorgelegt, das auf eigentümliche Weise Eigensinn und Tanzbarkeit vereint. Da oben auf dem Dach ist nicht der schlechteste Ort.

20. Mai 2010

Eläkeläiset im Substage: Fotogalerie online

Die finnischen Rentner alias Eläkeläiset, reisten extra zur Substage-Abschiedsparty nach Karlsruhe. Dieses Mal gab es zwar kein »butt team of Germany«, aber (sehr) feuchtfröhlich wurde der Abend des 14. Mai 2010 trotzdem, seht selbst.

19. Mai 2010

Miss Li oder Minor Majority? Ist das Pärchenmusik?

Der Regen will einfach nicht aufhören, die Heizung läuft, der heiße Tee dampft und die Mails der finnischen und estnischen Freunde über aktuelle Temperaturen von 28 Grad und strahlenden Sonnenschein heben die Laune auch nicht gerade. Das perfekte Wetter, um über abstruse Fragen nachzudenken. Wie zum Beispiel die, warum manche Bands bei ihren Live-Auftritten eine überdurchschnittliche Anzahl an Pärchen anziehen. Das Argument, dass sich zu sanfter Popmusik am besten kuscheln lässt, greift sicherlich zu kurz. Wie ist es denn sonst zu erklären, dass männliche Rauhröhrensänger bei vielen innig Zweisamkeitdemonstrierenden besonders angesagt sind, wie etwa zuletzt bei den einsamen norwegischen Wölfen von Minor Majority? Am goldenen Herzen von Sänger Pål Angelskår allein kann das nicht liegen. Denn die komplizierten Liebesgeschichten, die Minor Majority erzählen, gehen seltenst gut aus. Ein Paradox also?

Noch erstaunlicher war der Jung- und Altliebesvögelchenanteil vergangenes Wochenende beim Konzert von Miss Li in der Frankfurter Brotfabrik. Also nun! Die quirlige Schwedin und ihre famosen Mitstreiter machen nun sicherlich keine brave Händchenhaltemusik. Und Miss Li ist eine ganze Menge, aber sicherlich kein liebes Mädchen, das bewundernd mit großen Augen zu seinem Partner aufblickt. Nein, diese Miss ist ein kleiner Satansbraten, der schwupps! der besten Freundin den Boyfriend ausspannt, weil der sowieso besser zu ihr passt als zur langweiligen Trutschenvertrauten. Und zu Miss Li muss man ausgelassen tanzen bitte, und nicht langweilig aneinanderkleben!

Rätsel über Rätsel. Vielleicht liegt eine mögliche Antwort am Veranstaltungsort Brotfabrik. Vielleicht leben im Frankfurter Norden besonders viele glücklich verpaarte Menschen. Wir wissen es nicht und werden dieses interessante Phänomen weiter verfolgen.

Zu Miss Li bleibt noch zu sagen, dass es immer wieder eine Freude ist, die superlebendige Musikerin mit den Kulleraugen live zu erleben. Und sich darüber zu freuen, dass sie nicht stehenbleibt. Die Schwedin möchte nicht nur die fröhliche Popderwischin sein, sondern viele verschiedene Facetten zeigen. Die schwierigen Seiten nicht ausblenden, wie etwa im Song »I Heard Of A Girl«, in dem es zwar viele Lalala-Gesänge gibt, aber in dem es um den Selbstmord eines jungen Mädchens geht. Auch musikalisch wird die Bandbreite eher noch größer: Bestens unterstützt von ihren spielwütigen Mitstreitern geht die Reise mit wehenden Bannern in Richtung Jazziges, Kabarettiges, geradezu Operettenhaftes. Großäugig-poppig war gestern.

Foto Minor Majority: Benoit Derrier.

17. Mai 2010

Oh, abenteuerlich: Auf Entdeckungstour mit Gogoyoko

Ob das hehre Ziel »Fair Play In Music« wirklich erreicht wird, das wollen wir hoffen und wünschen. Zumindest sind die isländischen Initiatoren von Gogoyoko angetreten, um Musiker und Fans auf faire und direkte Weise zusammenzubringen. Das Portal ist ein Zwitterwesen zwischen Online-Musikstore und sozialem Netzwerk. Praktisch funktioniert das so: Musiker, aber auch kleine Labels stellen ihre Alben per Stream zur Gänze zur Verfügung. Die Fans können dem Werk in Ruhe lauschen, bei Bedarf mit der Band in Kontakt treten (oder ganz profan zu Followern werden), und, bei Gefallen, einzelne Songs oder das gesamte Album erwerben. Den Preis legen die Musiker selbst fest. Zahlungen an ein Großlabel entfallen hier. Das heißt im Klartext: Die Künstler verdienen mehr, weil die Zwischenstation Label entfällt. Ein Sargnagel der etablierten Musikindustrie könnte so aussehen. Wer braucht hier noch große Plattenkonzerne?

Und noch etwas: Gogoyoko hat sich von seinen Grundstatuten her verpflichtet, einen Teil der Gewinne an gemeinnützige Projekte zu spenden. Als integraler Bestandteil des Ganzen. 10 Prozent der Werbeerlöse fließen automatisch an vertrauenswürdige Partnerorganisationen wie Unicef oder Ärzte Ohne Grenzen.

Bislang war Gogoyoko nur Interessierten auf Island und in den skandinavischen Ländern offen, aber seit kurzem haben auch deutsche Nutzer Zugang. (Danke an Egill, den ab- und an FM-Belfast-Mitmusiker, für die Information! Nächtliche Irrfahrten mit der Deutschen Bahn bringen doch als kleine Kompensation die unerwartetsten Begegnungen mit netten Leuten mit sich!). Einfach auf die Gogoyoko-Seite gehen und den Zugang beantragen. Code zugemailt bekommen, Profil anlegen, loslegen. Klappte gestern problemlos. Den größten Spaß bereiteten bisher die Entdeckungen und das ausführliche Hineinhören in neue Alben. Oh, die verträumten Indiefolk-Teenagermädchen von Pascal Pinon, eine meiner liebsten Bands auf dem letztjährigen Iceland Airwaves Festival, haben ihr erstes Album vorgelegt. Mit 15! Wunderbar schwerelos naiv. Die Blockflöte und das Glockenspiel, sie leben hoch!

Weiter forschen. Playlisten ansehen, Unterkategorien und Zwischenverweisen folgen. Sóley entdecken und ihr erstes Album »THEATER ISLAND« ein verzwurbelt-verschachteltes, sehr elfisches, pianogeprägtes Werk, das aufhorchen lässt. Zu den endlosen Verquickungen isländischer Musiker untereinander eine hinzufügen: Sóley ist natürlich auch anderweitig musikalisch aktiv, als reguläres Mitglied von Seabear. Merke: Nicht jeder Isländer spielt in einer Band. Es ist nur so, dass jedes Hauptprojekt unweigerlich sein Nebenprojekt nach sich zieht.

Ein kurzer Zwischeneinwurf. Weder Pascal Pinon noch Sóley haben ein klassisches Label im Rücken. Diese Künstlerinnen veröffentlichen selbst.

Sich weiter in das Land der ungeahnten Möglichkeiten bei Gogoyoko aufmachen. Entdecken, dass Stafrænn Hákonein neues Album mit dem schönen Namen »VERITAS« herausgebracht hat. Wusste ich garnicht! Und dass Nóra, ebenfalls eine der positiven Überraschungen des Festivals, zumindest einen Track online gestellt haben.

Bislang eine rundum positive Überraschung, die Sache mit Gogoyoko. Ohne aufdringliche Werbung, dumme Banner und andere Ärgernisse. Klar strukturiert. Auf zu neuen Klangabenteuern morgen und die Tage. Und noch was: Man findet nicht nur rein isländische Bands hier. Der Rest der nordischen Länder ist hier prominent vertreten. Einfach schauen.

 
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