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Foto nordische Landschaft

19. Mai 2010

Miss Li oder Minor Majority? Ist das Pärchenmusik?

Der Regen will einfach nicht aufhören, die Heizung läuft, der heiße Tee dampft und die Mails der finnischen und estnischen Freunde über aktuelle Temperaturen von 28 Grad und strahlenden Sonnenschein heben die Laune auch nicht gerade. Das perfekte Wetter, um über abstruse Fragen nachzudenken. Wie zum Beispiel die, warum manche Bands bei ihren Live-Auftritten eine überdurchschnittliche Anzahl an Pärchen anziehen. Das Argument, dass sich zu sanfter Popmusik am besten kuscheln lässt, greift sicherlich zu kurz. Wie ist es denn sonst zu erklären, dass männliche Rauhröhrensänger bei vielen innig Zweisamkeitdemonstrierenden besonders angesagt sind, wie etwa zuletzt bei den einsamen norwegischen Wölfen von Minor Majority? Am goldenen Herzen von Sänger Pål Angelskår allein kann das nicht liegen. Denn die komplizierten Liebesgeschichten, die Minor Majority erzählen, gehen seltenst gut aus. Ein Paradox also?

Noch erstaunlicher war der Jung- und Altliebesvögelchenanteil vergangenes Wochenende beim Konzert von Miss Li in der Frankfurter Brotfabrik. Also nun! Die quirlige Schwedin und ihre famosen Mitstreiter machen nun sicherlich keine brave Händchenhaltemusik. Und Miss Li ist eine ganze Menge, aber sicherlich kein liebes Mädchen, das bewundernd mit großen Augen zu seinem Partner aufblickt. Nein, diese Miss ist ein kleiner Satansbraten, der schwupps! der besten Freundin den Boyfriend ausspannt, weil der sowieso besser zu ihr passt als zur langweiligen Trutschenvertrauten. Und zu Miss Li muss man ausgelassen tanzen bitte, und nicht langweilig aneinanderkleben!

Rätsel über Rätsel. Vielleicht liegt eine mögliche Antwort am Veranstaltungsort Brotfabrik. Vielleicht leben im Frankfurter Norden besonders viele glücklich verpaarte Menschen. Wir wissen es nicht und werden dieses interessante Phänomen weiter verfolgen.

Zu Miss Li bleibt noch zu sagen, dass es immer wieder eine Freude ist, die superlebendige Musikerin mit den Kulleraugen live zu erleben. Und sich darüber zu freuen, dass sie nicht stehenbleibt. Die Schwedin möchte nicht nur die fröhliche Popderwischin sein, sondern viele verschiedene Facetten zeigen. Die schwierigen Seiten nicht ausblenden, wie etwa im Song »I Heard Of A Girl«, in dem es zwar viele Lalala-Gesänge gibt, aber in dem es um den Selbstmord eines jungen Mädchens geht. Auch musikalisch wird die Bandbreite eher noch größer: Bestens unterstützt von ihren spielwütigen Mitstreitern geht die Reise mit wehenden Bannern in Richtung Jazziges, Kabarettiges, geradezu Operettenhaftes. Großäugig-poppig war gestern.

Foto Minor Majority: Benoit Derrier.