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Foto nordische Landschaft

30. Juli 2010

Ein Samtpfotenabend – Tord Gustavsen Ensemble bei JazzToday

Ein minimalistischer Abend soll es werden – diese Kombination von Kontrabassist Dieter Ilg aus Deutschland und Pianist Tord Gustavsen aus Norwegen in der ambitionierten Konzertreihe JazzToday. Am 21.04.2010 darf sich Lübeck über dieses Kleinod deutsch-norwegischer Jazzklänge freuen. Die Musik- und Kongresshalle indes erweist sich leider einmal mehr als unpassend für derart intime Töne.

Ungeachtet dessen baut Dieter Ilg mit seinem Trio eine Spannung auf, die bemerkenswert ist angesichts der Größe des Saales. Mit Rainer Böhm (Klavier) und Patrice Héral (Schlagzeug) hat der Kontrabassist zwei Musiker an seiner Seite, die mit ihrem Facettenreichtum eine wunderbar harmonische Melange schaffen. Dieter Ilg stellt in seinem Part des Abends sein Album »OTHELLO« vor, das Motive der gleichnamigen Verdi-Oper aufgreift. Ein spannender Versuch, Altes mit Neuem zu verbinden. So manchem ist ein derartiger Versuch missglückt, doch Ilg gelingt es, das Original so einzubinden und neu zu erfinden, dass es organisch klingt. Glückwunsch!

Rainer Böhm begeistert dabei mit wahrhaften Samtpfoten auf den Tasten. Und Patrice Héral versteht es nicht nur, seinem Schlagzeug meisterhaft sanfte Töne zu entlocken. Auch seine Stimme kommt als Percussioninstrument und grelle Ausdrucksform eines boshaftes Jago zum Einsatz. Dieter Ilg hingegen ist zu Recht Namensgeber dieses Trios, ist sein Bass doch weit mehr als nur tragende Kraft. Selten wurde ein Kontrabass wohl derart zu einem wohlklingenden Melodieinstrument verwandelt.

Nach der Pause spinnt Tord Gustavsen mit seinem Ensemble gekonnt diesen leisen roten Faden weiter. Auch er und seine Mitstreiter bringen es fertig, das Publikum trotz leiser Töne wach zu halten und mit hoher Intensität des Atems zu berauben. Selten gab es wohl ein Konzert mit so wenigen Hustern. Niemand wagt es, die Stille, die sich da in Form von Musik im Saal ausbreitet, zu stören. Beeindruckend!

Tord Gustavsen zeigt an diesem Abend vor allem seine poetische Seite. Im Gepäck hat er »RESTORED, RETURNED« – eine Platte, die sich der Lyrik W. H. Audens widmet. Da gibt es beispielsweise einen »Lullaby To A Last Butterfly, No. 1«. So lyrisch die Titel, so lyrisch die Musik. Mit viel Raum für (Nach)Klang und Stille. Ebenso sanft ist Gustavsens Stimme in den knappen Ansagen. Kaum vorstellbar, dass dieser Mann laut sprechen kann. Und auch Tord Gustavsens brillantes Ensemble fügt sich zu einem äußerst harmonischen Ganzen zusammen mit Tore Brunborg am Saxophon, dessen berückend schöner Klang ein wenig die Spur eines Garbarek verfolgt sowie Mats Eilertsen einfühlsam am Bass und Jarle Vespestad am Schlagzeug. Einzig Kristin Asbjørnsen wird an diesem Abend vermisst, denn sie leiht auf erwähntem Album Audens Worten ihre Stimme.

Ein wundervoller Abend, der beweist, dass leise Töne weder einschläfernd wirken noch einen Mangel an Intensität bedeuten müssen. Leise zerstreut sich das Publikum denn auch in die fortgeschrittene Nacht. Sanfter Schlaf ist garantiert …