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Foto nordische Landschaft

15. August 2010

Alarma Man: Kurz und heftig

In eine Frau verliebt zu sein, die doppelt so groß ist wie man selbst, ist für schwedische Jungmänner mit so großen Angst- und Lustgefühlen besetzt, dass man gleich einen Song voller wütend-dissonanter Gitarrenausbrüche in Überlänge schreiben muss. Und die eigene Verunsicherung nur mit Unterstützung von zwei Schlagzeugen einigermaßen in den Griff bekommt. Es sind keine banalen oder seichten Themen, an denen sich Alarma Man aus Göteborg abarbeiten. Unter massivem körperlichem Einsatz und mit dem gebotenen Ernst, den diese Thematik zwingend erfordert. Ist ja nicht so einfach, so was. Aber man kann es sich eben nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Aggressives Aufbegehren hilft da garnichts.

Das Quintett gibt sich beim Auftritt im gut gefüllten Offenbacher Hafen2 betont kampfbereit. Versenkt sich konzentriert und mit großer Wut in ein musikalisches Universum, das ebenso von den repetitiven Soundschleifen des Postrock lebt wie vom rohen Aufbegehren des Punk. Die experimentell-schlaue Seelenschau des Math Rock neugierig touchiert. Gewalttätige Mischung, das, trotz der kreuzbraven Zwischenansagen des Bassisten. Gesungen wird hier auch, aber selten, denn Alarma Man sind viel zu sehr damit beschäftigt, musikalisch die Dinge zu benennen, die ihnen permanent zusetzen, sie quälen wie das endlose Surren der Fliege, die sich im Zwischenraum von Fensterscheiben verloren hat und endlos immer wieder gegen ihre gläsernen Kerkerwände anrennt. Dagegen kommt man nur mit dissonanten Gitarrenwällen und fein eingestreuten elektronischen Störgeräuschen an.

Die Welt, in der Alarma Man sich bewegen, muss kalt sein, winterlich und grau. Lebensfeindlich und viel zu technisch, zu automatisiert. Diese Fünf schreiben einen wütenden Song über die High Tech Towers von Göteborg. Nach diesem Lied weiß man, dass man diese Ungetüme nicht gesehen haben muss, um sich klein und wütend zu fühlen. Wahrscheinlich ist Albert Camus »Der Fremde« das Lieblingsbuch von Alarma Man. Wo ist mein Platz in einer gleichgültigen Welt?

Das alles sind starke Themen und Gefühle. Die live stark aufs Publikum abstrahlen müssten. Tun sie aber merkwürdigerweise nicht. Warum? Alarma Man sind viel zu stark mit sich selbst beschäftigt. Die Interaktion in der Band beim Auftritt ist das eigentliche Aphrodisiakum. Die Schweden leben in ihrem eigenen, abgeschlossenen Universum. Dem Publikum werden nur aufblitzende Einblicke gewährt. Es geht hier eigentlich um alternative, scheinbar asexuelle Männerbündelei. Diese Fünf stimulieren sich gegenseitig zu karthartischen Ausbrüchen. Intensive Höhepunkte werden erkämpft, erkitzelt und erreicht. Und dann ist es vorbei, nach gerade mal einer Stunde, weil die Band keine weiteren Songs mit auf die Reise genommen hat. Und die Besucherin trollt sich zu später Stunde nach Hause und sinnt, über Landstraßen rollend, darüber nach, was der Unterschied zwischen Mathrockern und Burschenschaftlern ist.

Alarma Man – Cabin In The Woods from Sinnbus on Vimeo.