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Foto nordische Landschaft

08. September 2010

Seabear: Wir zünden ein Feuerchen an

Es muss Elfenmagie im Spiel gewesen sein. Denn anders ist es nicht zu erklären, wie eine Band das weithin als extrem stoffelig bekannte Frankfurter Publikum zum Singen verleiten kann. Und das ohne Zwang und Peinlichkeit. Noch nie dagewesen, das. Danke, Seabear!

Es scheint, dass isländische Bands am liebsten in der Großgruppe auftreten. Muss man möglichst viele Landsleute um sich scharen, wenn sich knapp 300.000 Einwohner auf dem zweitgrößten Inselstaat Europas zu verlieren drohen? Wir haben Seabear, das musikalische Kollektiv rund um Sänger Sindri Már Sigfússon, diese Frage an diesem Abend in Frankfurt nicht gestellt. Sondern lieber mit wachsender Begeisterung verfolgt, wie der Musiker und seine Mitstreiter immer mehr auftauen und zugänglicher werden. Am Schluss sind alle aus Schüchternheit geformten Eiszapfen geschmolzen, und das Septett auf der Bühne hat das sonst so spröde Frankfurter Konzertgängervolk mindestens ebenso lieb wie umgekehrt.

Sehr handgemacht geht es in der Welt von Seabear zu. Mit Klavier, Klampfe, Geige und Blaswerk. Zunächst sehr vom Americana-Indiefolk beeinflusst. Aber Sigússon hat eine viel zu ausgeprägte Affinität zum samtfüßigen, verträumt-melancholischen Tagträumer-Indiepop, um sich in den Weiten der Prärie verlieren zu können. An Seabear-Tagen im Kalender muss es unbedingt sanft regnen, und dürfen wir uns in beim Aus-dem-Fenster-Schauen in blauen Gedanken verlieren. Und wenn nötig, auch mal in dicken Wollstrümpfen durchs Zimmer tanzen.

Sehr zärtlich geht es in der Welt von Seabear zu, und ihr jüngstes Album »WE BUILT A FIRE« schmust eindeutig mit den Lieblingsthemen junger, blasser Popbarden, die da sind : die unerfüllte Liebe, die schwierige Liebe und die zerbrochene Liebe. Das geht mächtig ans Herz!

Live bleiben diese Verhaltenheit und Zurückgenommenheit etwas auf der Strecke. Ein frischer Atlantikwindstoß fährt durch die Haare der Musiker auf der Bühne und dann heben sie temperamentvoll ab: Das Schlagzeug klingt plötzlich rockig, die Gitarren weichen lustvoll vom Weg der reinen Harmonielehre ab und der Sänger, ach der Sänger: Der zeigt ernsthafte Zeichen von Temperament und zündet ein Feuerchen an, wie in einem der vielleicht schönsten Seabear-Songs, »I´ll Built You A Fire« .

Dass an diesem Abend im Club das bett der Sound nicht vom Allerfeinsten war und die eine Instrumentengruppe mitunter im Vergleich zur anderen etwas unterging, wollen wir großzügig übersehen. Auch dass der Gesang von Pianistin Sóley Stefánsdóttir (die übrigens gerade ein sehr stimmiges musikalisches Debüt hingelegt hat) und Violinistin Guðbjörg Hlín Guðmundsdóttir nicht immer mit dem von Sindri Már Sigfússon harmonieren – geschenkt. Denn es geht, so kitschig das klingen mag, ums Schneeschmelzen und Erblühen hier, von Band und Publikum gleichermaßen.

(Foto: Lilja Birgisdóttir)

Seabear – I’ll Build You A Fire from seabear on Vimeo.