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Foto nordische Landschaft

11. September 2010

Disco Ensemble plus Jaakko & Jay: Finnen für den Weltfrieden

Dass man so viel Lärm veranstalten muss, um simple Gutmenschen-Botschaften zu zu verbreiten: Seid nett zueinander, tut euch nicht weh, genießt das Leben, denn ihr habt nur eines. Warum auch nicht? Und dass die Finnen sich für den Weltfrieden unter höchster Schweißabsonderung einsetzen, ist irgendwie folgerichtig. Das sind ganz liebe Jungs. Und sie reden entgegen aller vorherrschenden Stereotypen sogar. Im Fall von Jaakko & Jay sogar zu viel, und das ist vielleicht hier das eigentlich Erstaunliche. Und dass die Vorgruppe den Hauptact in Sachen künstlerischer Abenteuerlust eindeutig an die Wand spielt.

Pogotanzen wird unter 14jährigen als Instrument des körperbetonten Aufbegehrens wohl nie außer Mode kommen, wie im Café Central im beschaulichen badischen Städtchen Weinheim bestens zu beobachten ist. Weinheimer Muttis, wisst ihr eigentlich, was eure Sprößling abends um zehn im Jugendclub treiben? Mit sicherlich trinkfesten finnischen Rabauken abhotten! Tss tsss.

Jaakko & Jay sind zwei erwachsene Kindsköpfe, zwei männliche Pippi-Langstrumpferiche aus Tampere, die eigensinnig gegen die Erwachsenenwelt aufgebehren. Mit minimalsten musikalischen Ausrüstungsgegenständen: Eine Akustikgitarre und ein aufs Allerwesentlichste reduzierten Schlagzeug. Aber was für ein anarchisch knisterndes Feuerchen diese beiden Querköpfe entfachen! Eine simple, aber effektive Mischung aus Punkrock und handgemachter Rebellion mit Folk-Touch und einer nicht völlig abzustreitenden (Pop)-Sensibilität. Stillgestanden wird hier nicht.

Irgendwie sind Jaakko & Jay wie ein altes Ehepaar, dass sich mit eingeschliffener Routine die Tischtennisbälle um den Kopf haut, sich ins Wort fällt und ergänzt und nicht ohne einander sein kann. Allerliebst, diese Männerfreundschaft! Und nach dem Plappern singen sie sich wieder die Seele aus dem Leib für die nächsten drei Minuten, bis die albernen Drei-Viertel-Hobbits-Hosen, dies sie tragen, all den aus dem nassen T-Shirts abfließenden Schweiß nicht mehr absorbieren können. Sei´s drum. Hier geht es um Leidenschaft und Tempo und Verrücktsein. Um Energie. Und ums Lebendigsein, bis es schmerzt. Jaakko und Jay überrollen und überwältigen mit reiner Energie. Puuuuh!

Es ist das siebte Konzert in Folge. Jaako & Jay touren durch Deutschland. Leichte Erschöpfungsspuren in den Gesichtern. In ihrer Mission wanken sie nicht. Hören nicht auf, die Weinheimer Minderjährigen zur Rebellion aufzurufen: Tut das, was euch Spaß macht, und seid friedlich und freundlich dabei. Und trinkt vielleicht das eine oder andere Bier dazu, wenn ihr denn dürft!

Jaakko & Jay – Better Than… from Tomi Tirkkonen on Vimeo.

Disco Ensemble sind der Hauptact an diesem Abend. Mit ihrem neuen Album »THE ISLAND OF DISCO ENSEMBLE« im Reisegepäck. Was auf den Postern stand, die die Mädels in der ersten Reihe gleich zu Beginn in die Lüfte reckten, dass werden wir nicht mehr erfahren, der Kollege vom Mannheimer Morgen und ich. Zeit zum Atemholen bleibt nicht. Disco Ensemble sind fleißige Arbeiter im Steinbruch des Punkrock mit leichten Elektronik-Anleihen und sehnenden Blicken Richtung US-Indierock. Den Pfad des aufrechten Rockreckenrebellentums verlassen sie nie wirklich. Die Stimme von Sänger Miikka Koivisto kippt ins Schreien, weil das nuancierte Singen belastungshalber nicht mehr hinhaut.

Brav. Aufrecht. Aber in der Summe wenig inspirierend. Disco Ensemble stagnieren auf achtbarem Niveau. Sind die gutmenschelnden Cousins der Toten Hosen. Die langweiligeren Neffen von Weezer. Um es mal in aller Deutlichkeit zu sagen. Aber keine Frage: Dem Weinheimer Publikum gefallen sie, diese vertrauten und weitgehend überraschungsfreien Töne. Bloß keine Experimente! Schwitzen und Abrocken machen froh, zu gewissen Teilen. Und die Band ackert wacker. Aber irgendwie fragt man sich, wie lange er noch währen wird, dieser lächelnd-schwitzige Konsens zwischen Band und Publikum in einer immer schnelllebigeren Welt. In der wir, natürlich, am Vertrauten festhalten. Aber trotzdem fühlen, dass es das nicht gewesen sein kann. »Don´t hurt anybody«, postulieren Disco Ensemble. Nein, das wollen wir natürlich nicht. Aber sind da nicht noch andere, inspirierendere Ideen da draußen? Soll es das schon gewesen sein?

Disco Ensemble: Protector from Fullsteam Records on Vimeo.

Foto: Tolski Pannahinen