Home
Foto nordische Landschaft

17. September 2010

Summer Breeze 2010, Donnerstag: Poser, harte Jungs, Soundprobleme – und die großartigen Dark Tranquillity

Bevor der Sommer endgültig zu Ende geht, feiern 30.000 Metalheads ihre letzte große Party: Im bayrischen Dinkelsbühl können sie auf dem Summer Breeze Open Air vom 19. bis 21. August 2010 vor vier Bühnen bangen was die Nackenmuskeln hergeben. Besonders Ungeduldige konnten sich schon seit Mittwoch (18. August) im Partyzelt beim New Blood Award Contest aufwärmen.

Für mich beginnt das Breeze am Donnerstag, 19. August, mit Immortal.  Nein, nicht mit den norwegischen Black Metalern Immortal, sondern mit dem Song »Immortal« der schwedischen Dream Evil auf der Pain Stage. Allerdings höre ich die Power Metaler nur als Hintergrundmusik zum Zeltaufbau, macht aber nichts: Die Mannen um Niklas Isfeldt klingen live wie auf CD.

Trotz der frühen Auftrittszeit locken die nachfolgenden Napalm Death (GB) eine ansehnliche Meute vor die Mainstage – dieses Jahr auf Pflasterstein-Untergrund statt Schotter.  Zu einer guten Mischung aus Klassikern und neuem Material tobt Mark »tanze-als-ob-keiner-zusieht« Barney Greenway über die Bühne: Vom aktuellen »Strong-Arm« bis zum finalen »Nazi Punks Fuck Off« rast er sich schüttelnd im Kreis.


Deutlich dezenter agieren seine Mitstreiter, die lediglich ihre Haare plus zum Spielen notwendige Extremitäten bewegen. Der Fronter der britischen Grindcore-Truppe erläutert zwischen den Songs immer wieder die (sozialkritischen) Texte – mit seinem Unterschenkel-Tattoo »Religion? No Thanks!« liefert er ein weiteres Statement ab. Das Publikum feiert Napalm Death angemessen mit Mosh-/Circlepits bis zum Ende des 40-minütigen Auftritts.

Statt der Kritik haben sich The 69 Eyes (FIN) dem hochgradigen Posertum verschrieben. Die selbsternannten Helsinki Vampires um Jyrki 69 – und Schlagzeug-Parkuhr Jussi 69 – starten mit »Back In Blood« auf der Painstage, umjubelt von ihrem überwiegend weiblichen Fanclub.

Während der Fronter zu gewohnt künstlichem Geknödel theatralisch über die Bühne stolziert, steht der Drummer bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf. Die Altherrenriege bewirbt hauptsächlich ihr 2009er Album »BACK IN BLOOD« mit Songs wie »Suspiria Snow White«, »Kiss Me Undead«, »Dead Girls Are Easy«, oder »The Good, The Bad & The Undead«. Mit der Singleauskopplung »Lost Boys« der »DEVILS«-Scheibe verabschieden sich die Gothicrocker.

Wenden wir uns den Apokalyptischen Reitern (D) zu. Die Truppe ist deutlich härter als gedacht. Fast so hart wie der Keyboarder der Thüringer, der sich als SM-Maskottchen verkleidet hat, samt Peitsche und (Leder)Maske. Während sich die beträchtliche Meute vor der Bühne mit Crowdsurfen verlustiert, zelebrieren die »heimlichen Headliner« Songs von hart (»Revolution«) bis zart (»Nach der Ebbe«). Gegen Ende des spontan verlängerten Auftritts – Sänger: »wir kommen jetzt zum letzten Stück des heutigen Abends«, Empörung im Publikum, woraufhin der Stagemanager ein Extra-Song bewilligt – darf dann alles was weiblich ist, und sich nach vorne kämpfen kann, auf die Bühne: Pussies On Stage.

Tracedawn (FIN) habe ich zugunsten der Apokalyptischen Reitern verpasst, doch es ist schon wieder Finnenzeit: Im Partyzelt feiern Insomnium (FIN) ihre Summer Breeze Premiere – und kämpfen gleich mit gewaltigen Soundproblemen. Vielleicht hilft es, die Stöpsel aus den Ohren zu nehmen? Nein, ich hör den Sänger immer noch nicht. Verdammt sch…ade, die Deather haben einen ihrer Qualität würdigen Sound verdient.

Die headbangwütige Menge feiert die Band trotzdem und langsam klappt’s auch am Mischpult. Bleischweren Rhythmen vereinigen sich mit majestätischen Melodien und Niilo Sevänens kratziger Stimme/fiesem Röcheln zu einem perfekten Ganzen; egal ob sie Stücke von ihrem Viertling »ACROSS THE DARK« (2009) oder dem Vorgänger »ABOVE THE WEEPING WORLD« abfeuern. Mit ihrem leider nur 40-minütigen Auftritt haben die Finnen eine ordentliche Messlatte für die anderen Bands vorgelegt – und sicherlich einige neue Fans gewonnen.

Nach soviel frischem Blut ist es Zeit für ein Metal-Urgestein: Obituary (USA). Die Deather haben hochkarätige Dampfwalzen-Klassiker im Gepäck, doch irgendwie springt der Funke nicht richtig über. Oder wie es ein Freund von mir ausdrückt: »1995 waren sie besser.« Jep. Vielleicht hätte ich doch besser die zeitgleich spielenden Swallow The Sun (FIN) ansehen sollen.

Da lobe ich mir dich die nachfolgenden Dark Tranquillity (S): Ihr Auftritt ist stark wie immer, wenngleich sie für Fans der ersten Stunde zuviel neues Material spielen. Der charismatische Fronter Mikael Stanne rennt, bangt, tobt mit großem Spaß über die Bühne – und reißt das Publikum einfach mit. Wer kein Freund des aktuellen Albums »WE ARE THE VOID« ist, kommt bei den Bandklassikern »Final Resistance« (»DAMAGE DONE«), »The Wonders At Your Feet« (»HAVEN«) und »Therein« (»PROJECTOR«) auf seine Kosten. Die Gitarristen Niklas Sundin / Martin Henriksson präsentieren sich live gewohnt souverän und bilden in jeder Hinsicht einen perfekten Rahmen für Stanne.

Die Göteborger glänzen eine Stunde mit ihrer Mischung aus Midtempo und Nackenbrechern, zelebrieren doomige Momente (»Iridium«) oder brettern gnadenlos vorwärts (»The Fatalist«). Für ihre treue(st)en Anhänger gibt’s noch »Punish My Heaven« vom 1995er-Werk »THE GALLERY« bis mit »Terminus (Where Death Is Most Alive)« das viel zu frühe Ende des Auftritts erreicht ist.

Dark Tranquillity sind für mich Höhe- und (musikalischer) Schlusspunkt des Tages.

Die komplette Fotogalerie findet ihr hier. Hier geht’s zum Freitag.

© Fotos / Text: natte

Die letzten 5 Beiträge von Nathalie Martin

Noch keine Kommentare!

Schreibe einen Kommentar

Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*
Bitte gib das Sicherheitswort auf dem Bild ein.
Anti-spam image